Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – oder LA NOTTE DI KEENLYSIDE

WIENER STAATSOPER: LA NOTTE DI KEENLYSIDE     Wiener Staatsoper, 15.1.2014

 Die als „Le Nozze di Figaro“ angekündigte Oper wurde zu einer Nacht und zu einem großen persönlichen Erfolg für Simon Keenlyside. Der studierte Zoologe brachte alles mit, was einen erfolgreichen Conte d’Almaviva ausmacht – die Persönlichkeit, das Timbre und die für Mozart-Rollen unerlässliche perfekte Technik und Phrasierung. Dann natürlich auch noch die Erfahrung in dieser Rolle aus vielen verschiedenen Produktionen, die er auch einbringen konnte (und angesichts dieser Inszenierung auch musste). Keenlyside beherrschte jede Szene,  in der er auftrat – und rein von seiner Körpersprache grenzte er sich als einzig „wirklicher“ Adeliger (seine Rosina wuchs ja in gutbürgerlichen Verhältnissen in Sevilla auf) vom „Pöbel“ eindeutig ab. Er war sehr bewegungsfreudig und in diesem Conte brodelte ein Vulkan, der immer wieder kurz ausbrach, bevor ihn sein Selbstverständnis dazu anhielt, die adelige Noblesse zu bewahren.

 Die für mich beeindruckendste Szene was das Ende der Oper, als er ziemlich derangiert, nur mit einem Schuh hinkend, sein „Contessa, perdono“ sang und dann auch die Vergebung seiner Frau erhielt – die in dieser Produktion wirklich ehrlich gemeint war – man sah ein sich zärtlich umarmendes Paar und konnte die Hoffnung hegen, dass Rosina und ihr „Lindoro“ wieder zusammenfinden.

 Olga Bezsmertna sprang in dieser Serie für die angekündigte Genia Kühmeier ein und hielt sich in der sehr anspruchsvollen Rolle zur freudigen Überraschung der Besucher sehr gut. Beide Arien wirkten sehr gezogen, was aber am Dirigat lag, über das ich mich später auslassen werde…

Diese Contessa war für die junge Sängerin eine Möglichkeit, sich ins Rampenlicht zu singen und der Beweis, dass vielleicht noch unentdeckte Perlen im Staatsopernensemble vorhanden sind – sie müssen nur ans Tageslicht gebracht werden (oder auf kurzfristige Ausfälle von Stars hoffen – siehe Caroline Wenborne).

 Dass der „Tagessieg“ bei den Paaren dieses Mal an Graf und Gräfin ging, lang sicherlich an dem überragenden Briten, andererseits an einen von der Persönlichkeit wirklich kaum wahrzunehmenden Figaro. Luca Pisaroni war zwar – wie die meisten Sänger – von Jéremie Rohrer im Stich gelassen (selten habe ich ein so fades „Se vuol ballare“ gehört und auch das „Non piu andrai“ war sehr, sehr blutleer), konnte aber nicht verleugnen, dass er in punkto Persönlichkeit noch viel Aufholbedarf hat (da will ich ja gar nicht an den Figaro von Bryn Terfel dereinst in Salzburg denken…). Seine Stimme wirkte an diesem Abend auch ein wenig klein.

 Die Susanna des Abends, Anita Hartig, erfreute das Publikum mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten und war eine entzückende Kammerzofe – und es verwundert immer wieder, dass sie sagt, dass sie die Susanna als Rolle gar nicht so mag. Nach einem etwas „spitzen“ Beginn fand sie sich gut zurecht und ihre Rosenarie im letzten Akt geriet trotz einer winzigen und ganz kurzen Unsicherheit zu einem der Höhepunkte des Abends. Die Piani strömten und mit ihrer perfekten Technik meisterte sie alle Klippen. Unüberhörbar aber, dass ihre Zeit in dieser Rolle langsam abzulaufen scheint und sich ihre Stimme schon mehr in Richtung Contessa entwickelt.

 Die Latte für Rachel Frenkel war hoch gelegt, wenn man an ihre Rollenvorgängerinnen denkt, die noch in der alten Inszenierung aktiv waren. Ob man einen Sopran oder wie in diesem Falle recht hoch gelegenen Mezzosopran als Cherubino hören möchte ist wahrscheinlich Geschmackssache, aber außer Christine Schäfer hat mich noch niemand total überzeugt. Man kann es als überheblich auslegen, aber in Wien will man nun in dieser Rolle die Allerbesten hören – das ist man einem Publikum, das von Jurinac bis Garanca – um einen Freund zu zitieren – „Weltspitzenklasse“ erfahren hat, einfach schuldig. Frenkel gehört (noch?) nicht dazu.

 Die Marcellina ist eine Rolle, die man in Wien oft mit Mezzosopranen besetzt. Seit der Premiere ist Donna Ellen auf diese Rolle abonniert und es macht wirklich Freude, sie am Werk zu sehen. Es ist zwar von den „billigen Plätzen“ aus ein wenig schwierig, ihrem Mienenspiel zu folgen – aber man spürt die enorme Freude, die dieses routinierte Ensemblemitglied hat, einmal nicht eine „Wurz’n“ singen zu müssen. Auch sie wurde – ähnlich wie Anita Hartig – im Laufe der Vorstellung immer besser. Schade, dass ihre Arie im 4.Akt (wie auch die des Don Basilio) gestrichen wurde.  

 Bryony Dwyer ist die zweite Australierin, die zur Zeit im Rahmen der Mozartwochen auftritt. Es war meine erste Begegnung mit der Sängerin, allerdings hinterließ sie als Barbarina keinen nachhaltigen Eindruck. Sie hätte da viel mehr aus dieser Rolle rausholen können (als Vergleich gehe ich da gar nicht so weit in die Vergangenheit zurück – Nafornita und Fally brachten sich da bei weitem mehr ein..).

 Sorin Coliban donnerte seine „Vendetta-Arie“, dass es eine Freude war. Toll, wie er sich entwickelt! Pavel Kolgatin zeigte einen Don Basilio, der rollendeckend gesungen war, ohne besonders großartig aufzufallen und Peter Jelosits erbrachte eine wirklich ausgezeichnete Leistung als Don Curzio, der nicht nur stotterte, sondern auch in den Ensembleszenen klar rauszuhören war.

 Clemens Unterreiner als Antonio – „Wie geil war das denn!!!!“ würde ein Berliner wohl sagen. Er machte den Antonio zu einer Hauptrolle. Der sicherlich extrovertierteste Ensemblesänger zeigt jedes Mal, wie viel man auch aus Nebenrollen rausholen kann. Seine Charakterstudio war perfekt, er war witzig, zeigte einen Antonio, der mich in seinen Bemühungen „vornehm“ wirken zu wollen an die Leistung von Michael Keaton als Dogberry in der Verfilmung von „Much Ado about Nothing“ erinnerte und bestätigte den Wunsch, ihn einmal als Nozze-Figaro hören zu dürfen. Das alles klingt jetzt ein bisschen an einen Fan-Geschreibe, aber er ist meiner Meinung nach ein Juwel, das man öfter in großen Rollen einsetzen müsste!

 Wieder einmal bewies Jéremie Rohrer, dass Arbeiten bei renommierten Festivals und Preise noch lange nicht beweisen, dass man an der Staatsoper auch Mozart-Opern leiten kann. Die Overtüre klang seltsam gehetzt, später zog sich die Aufführung wie der sprichwörtliche Strudelteig, es klang ein wenig uninspiriert. Möge er mit Originalklangorchestern durchaus erfolgreich sein, aber die Kombination Rohrer-Staatsopernorchester wird wohl nichts mehr werden. Wirklich schade, dass man anscheinend keine anderen Mozartdirigenten engagieren kann. Mozart ist nun einmal neben Wagner und Strauss DAS Kernrepertoire und muss entsprechend gepflegt werden.

 Der Abend lebte einerseits von Keenlyside, andererseits von den Melodien der meines Erachtens nach perfektesten aller Opern.

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