Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: „LA FILLE DU RÈGIMENT – Donizetti mit Herz und Seele

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John Tessier als „Tonio“. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Wiener Staatsoper: „LA FILLE DU RÈGIMENT“Donizetti mit Herz und Seele am 11.1.2018

Ist ja alles drin in dieser köstlichen Donizetti-Oper, die sich zwar „operacomique“nennt, aber eigentlich sehr ernste Themen beinhaltet: eine junge Adelige verleugnet ihr uneheliches Kind; dieses wird von einem Regiment von Soldaten adoptiert; verliebt sich in einen Feind; soll nach Heimholung in die Familie einen Adeligen ehelichen, der wegen sportlicher Verpflichtungen gar nicht persönlich zur Hochzeit kommt. Doch Donizetti hat aus der Geschichte ein seelenvolles, sehr erheiterndes und sehr berührendes Musikdrama gemacht. Wir dürfen uns zudem glücklich schätzen, dass wir die herrliche Wander-Inszenierung von Laurent Pelly, die bereits die halbe Welt erobert hat, auch geerbt haben. Nicht nur ist sie hübsch und witzig anzuschauen, sondern sie ermöglicht auch allen Darstellern, Solisten wie Chor, eine optimale Rollengestaltung. Und seit wirEvelinoPidò für das sog. Belcanto-Fach am Haus haben, versprüht auch die Musik, die in ihrer Gesamtheit eigentlich auch ein „elisird’amore“ ist, ihren ganzen Zauber! Mit den Besetzungen hatten wir bisher ebenfalls immer Glück. Einem wechselnden Liebespaar steht die konstante Verkörperung von Carlos Àlvarez als Sulpice gegenüber, und in der Altersrolle der Duchesse de Crakenthorp gibt es stets Überraschungen in Gestalt großer Sängerinnen von gestern oder vorgestern, die sich nochmals präsentieren dürfen.

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Sabine Devieilhe. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Abermals erlebten wir eine Marie, der vom ersten Auftreten an alle Herzenzuflogen – nicht nur die der französischen Soldaten und die des jungenTiroler Lebensretters, sondern auch die des Publikums: die Pariserin Sabine Devieilhe.Was attraktive junge Damen betrifft, kann man unserem Herrn Direktor einen  guten Geschmack nicht absprechen. Ein reizendes, quicklebendiges Geschöpf mit klarem, bravourös alle Höhen erklimmendem, sehr beweglichem Sopran, temperamentvoll, selbstbewusst, von einem Gefühl zum anderen so jäh wechselnd, dass das immer Lacher hervorruft, und als liebendes Mädchen nicht sentimental, sondern mit jugendlichem Übermut sich in die Arme ihres Tonio werfend. Der war uns kein Unbekannter. Der Kanadier John Tessier, großgewachsen, mit fliegenden blonden Haaren, überaus sportlich und durchwegs sympathisch, schaffte er mit angenehmem Tenor auch seine hohen Cs sicher. Dass sie weicher klangen als Flòrez sie mit seiner unglaublichen Strahlkraft zum Besten gab, soll Tessier keine Vorwürfe eintragen. Carlos Àlvarez, eigentlich ein fescher, schlanker Sänger, verblüfft jedesmal wiederals der perfekte kahlköpfige „kleine Dicke“, der etwas unbeholfen seinen Gefühlen für die schöne Marie – auch mit wunderbarem baritonalem Schmelz – Ausdruck verleiht,  sie so tapfer gegen alle Anfechtungen verteidigt und zuletzt ihrem Glück zuführt. Kein Wunder, dass er genau so viel Jubel erntete  wie Wiens  Regimentstochter-Debutantin.

Wunderbar auch die beiden älteren Damen.  „La tante“, die Marquise von Berkenfield, wird von Donna Ellen rührend übertrieben sorgenvoll besorgt und ehrenrührig dargestellt und gibt singend oder, schönstes Französisch sprechend, mit jeder Silbe ihren Aussagen Gewicht. Die „Heimkehr“ von Marjana Lipovšek, die am Hause nahezu alle großen Mezzorollen verkörpert hat, als komische, mehr als reichlich standesbewusste Duchesse de Crakentorp sorgte für einen weiteren Höhepunkt des Abends.

Immer am Ort, wenn es  markante Chrakterrollen darzustellen gilt, war auch diesmal Markus Pelz der Hortensius, nervöser Gepäckträger der Marquise, der immer zu großer Erheiterung des Auditoriums beiträgt. Konrad Huber als Korporal, Wolfram Igor Derntl als Bauer und Francois Roesn als Notar waren treffliche Kleinrollenträger.

 Ob alle Zuschauer erfasst haben, wasEvelinoPidò zum großen Donizetti-Glück beigetragen hat, darf ich bezweifeln. Er steht halt leider nicht auf der Bühne und nicht allen Besuchern der Staatsoper ist der Blick aufs Dirigentenpult gegönnt. Zu sehen, wie diese Musik gleichsam aus ihm herauslacht und die Musiker dazu inspiriert, dass sie nicht nur die schönstmöglichen Töne von sich geben, sondern auch ausdrucksmäßig die Musik gestalten, ist ein helles Vergnügen. Wie er jede Phrase nicht nur mit vielen gestischen Varianten anzeigt, sondern auch vorbereitet, gehört zu den besonderen Fähigkeiten dieses Maestro. Man versteht, dass Donizetti, wie etwas auch beim „Elisir“, zu Beginn nicht gleich voll zuschlägt, sondern Kommendes anklingen lässt, um dann desto wirkungsvollere Melodien oder zündende Rhythmen loszulassen. Pidò hilft auf diese Weise aber auch den Sängern ganz gewaltig zu größerer Wirkung, indem er Spannungspausen macht, um auf wichtige Aussagen oder komische Pointen vorzubereiten. Nicht nur die mitreißenden „Schlager“ dieses Werkes kommen optimal, sondern auch die elegischen Momente im 2.Akt, in denen Marie ihre Zwangsbeglückung im Haus der „Tante“ (die sich später als ihre Mutter offenbart) kundtut, erklingen mit so viel Herzenswärme, dass sie auch nicht langweilen können.

Der Zusammenhalt zwischen Bühne und Graben war natürlich perfekt, wobei der von Martin Schebesta auf Trab gehaltene Chor hier eine Sonderstellung eingeräumt wird: In der köstlichen Choreographie von Laura Scozzi dürfen die Soldaten des  21. Regiments ihre besten Gefühle voll ausleben und tun dies offensichtlich mit immensem Vergnügen.

Alles in allem eine Oper und eine Aufführung, die mit jeglichen Vorurteilen abräumt: Standesbewusstsein und Fremdenhass werden durch die Liebe besiegt. Man sollte sich dieses heilsame Seelenbad nicht entgehen lassen!  Es gibt noch 3 Reprisen.

Sieglinde Pfabigan

 

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