Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: IL TROVATORE- Premiere einer praktikablen Inszenierung

IL TROVATORE – PREMIERE WIENER STAATSOPER, 5.2.2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Anna Netrebko. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

„Il Trovatore“ hat seit der Wiederöffnung des Hauses am Ring eine wechselvolle Geschichte. Die Übernahmevorstellung des Werkes aus dem Theater an der Wien vom 4.2.1956 war jener Moment, der, was die Unzufriedenheit des Stammpublikums mit der Direktion Karl Böhms betrifft, das Fass zum Überlaufen gebracht hat und nach einer respektlosen Äusserung Böhms gegenüber dem Haus zu der bekannten Protestkundgebung am 1.3.1956 geführt hat, die letztlich die Demission des Direktors zur Folge hatte.Nach nur einer Aufführung wurde die Produktion abgesetzt und das Publikum musste mehr als sieben Jahre warten, bis das Werk wieder am Haus gespielt wurde. Erst Herbert von Karajan holte seine Salzburger Produktion nach Wien und hatte diese am 24.10.1963 Premiere. Bis Juni 1964 sangen dann alle Sänger der legendären Aufführungsserie von 1962 in Wien, allerdings leider nie gemeinsam. Auf 169 Vorstellungen brachte es diese stimmungsvoll-spartanische Inszenierung und sie wäre wohl heute noch am Spielplan und hätte ähnlichen Kultstatus wie die Butterfly, die Tosca oder die Boheme, hätte sich Direktor Holender nicht eine Neuinszenierung  durch den ungarischen Filmregisseur Istvan Szabo eingebildet, die als die Flakturm-Inszenierung in die Geschichte des Hauses eining. Da diese Inszenierung technisch so schwierig war, wurde sie nach 42 Vorstellungen wieder abgesetzt und nun dauerte es 16 Jahre bis wir das Werk wieder sehen und hören konnten.

Die nunmehrige Neuproduktion ist, und das kann man mit gutem Gewissen sagen, ein grosser verdienter Erfolg geworden. Es ist aus heutiger (!) Sicht wahrscheinlich die bestmögliche Besetzung gewesen, die man aufbieten kann. Das beginnt natürlich in erster Linie bei Anna Netrebko, die ihre hinreissende Interpretation der Leonora nunmehr auch in Wien zeigen konnte. Schon ihre Auftrittsarie singt sie mit wunderschöner Phrasierung und auch die anschliessende Cabaletta gelingt trotz aller Vorsicht, die sie walten lässt, gut. Höhepunkt ihrer Interpretation ist wie immer das 7. Bild und hier insbesonders die Arie. Wie sie diese singt und gestaltet ist heute wahrscheinlich einzigartig. Das einzige, was man anmerken kann, ist – aber das ist ein Einwand auf höchstem Niveau – dass sie am Ende zweimal atmet. Es gab allerdings nur ganz wenige Sängerinnen die das ohne atmen geschafft haben. Von der Gestaltung her geht sie wie immer voll in der Rolle auf. Aber auch die übrige Besetzung war einer Premiere der Staatsoper würdig. Ludovic Tézier war ein ausgezeichneter Graf Luna. Er sang wunderschöne Phrasen und seine Arie und das Duett mit Netrebko waren neben der schon erwähnten Leonoren-Arie die Höhepunkte des Abends. Was bei ihm leider negativ ins Gewicht fällt, ist seine phlegmatische Darstellung. Luciana D’Intino (Azucena)  ist ein typischer italienischer Mezzo alten Stils, was positiv zu werten ist. Mit ihrer breiten Mittallage und der durchaus vorhandenen Tiefe bot sie eine beeindruckende Leistung. Dazu kam eine sehr intensive Rollengestaltung. Ein Pechvogel war Roberto Alagna als Manrico. Seine Stimme hat kein schönes Timbre, das weiss man, aber er sang vor der Pause sehr gut und warf sich mit Verve in die Rolle. Auch die Arie gelang noch recht gut, aber bei der Stretta warf er dann plötzlich die Nerven weg und sie ging schief. Sowohl das Miserere als auch das letzte Bild gelangen dann wieder recht schön, wobei man den Eindruck hatte, dass er sich den Frust über die misslungene Stretta von der Seele sang. Dass ihm das Publikum die verpatzte Stretta nicht übel nahm, war sehr fair.  Jongmin Park (Ferrando), sonst an sich ein verlässlicher Sänger, hat mich diesmal etwas enttäuscht. Vor allen Dingen in seiner Szene im 1. Bild hatte er Einsatzprobleme und war rythmisch nicht ganz auf der Höhe. Die übrigen Rollen waren ordentlich besetzt.

Marco Armiliato, der im Repertoire schon viele gute Abende dirigiert hat, hatte endlich seine erste Premiere und enttäuschte die in ihn gesetzen Erwartungen nicht, was nicht selbstverständlich ist. Er dirigierte in bester italienischer Kapellmeistermanier und unterstützte die Sämger nach besten Kräften. Der Chor (Einstudierung: Thomas Lang), der endlich wieder einmal eine grosse Aufgabe hatte,  sang ausgezeichnet.

Zur Inszenierung komme ich heute erst am Ende, und das aus gutem Grund. Beim „Trovatore“ ist die Inszenierung im Grunde völlig egal, solange sie nicht stört und das tut diese Inszenierung nicht. Daniele Abbado erzählt, und das ist die Hauptsache, die Geschichte. Warum er sie vom Mittelalter in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs in den 1930er-Jahren verlegt, erschliesst sich dem Zuseher zwar nicht, aber man kann damit leben. Es gibt zwar einige Merkwürdigkeiten, wie z.B. die Exekution während des Soldatenchores oder dass Manrico vor der Stretta einen Schluck aus dem Flachmann macht, aber das wird sich mit der Zeit  abschleifen. Eine Personenregie ist nur ansatzweisae vorhanden, weshalb die Sänger ziemlich auf sich allein gestellt sind. Wirklich störend ist, dass bei Szenen, bei denen eigentlich die Protagonisten allein auf der Bühne sein sollten, immer irgendwelche Statisten herumgehen oder –stehen. Das Einheitsbühnenbild von Graziano Gregori kann man akzeptieren. Außerdem erweist es sich als sehr sängerfreundlich. Die Kostüme von Carla Teti sind nicht wirklich kleidsam. Es ist in jedem Fall eine praktikable Inszenierung, die es ermöglicht das Werk auf längere Sicht in verschiedenen Besetzungen aufzuführen.

Am Ende gab es viel Jubel für Netrebko, D’Intino,Tezier und Armiliato und etwas abgeschwächten Applaus für Alagna. Für das Regieteam gab es einige Buhs, die aber nicht wirklich gerechtfertigt waren. Aber vielleicht hätten diese Herrschaften das Werk lieber in einer psychiatrischen Anstalt angesiedelt gesehen.

Heinrich Schramm-Schiessl

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