Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: IL TROVATORE am Donnerstag – verspätete Saisoneröffnung

WIENER STAATSOPER, 7. September 2017

Giuseppe Verdi: Il trovatore

Verspätete Saisoneröffnung!

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Yusif Eyvazov, Anna Netrebko.  Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Durch die krankheitsbedingte Absage Anna Netrebkos am allerersten Spieltag der Staatsopernsaison 2017/18 gab es also nunmehr mit drei Tagen Verspätung die richtige „Eröffnungsgala“. Gala ist wohl doch ein wenig übertrieben, aber es war schon eine überdurchschnittlich gute Trovatore-Aufführung, die man zu sehen und zu hören bekam. Bei Giuseppe Verdis Gassenhauser-Oper, für die man angeblich nur die vier besten Sänger der Welt benötigt, ist ja die Inszenierung ohnedies nur Nebensache. Und einen größeren Anspruch darf man an die Regietat Daniele Abbados aus der Vorsaison wirklich nicht stellen. Obgleich mein diesmaliger Platz auf dem Balkon mehr Einsichten bot als auf der Galerie vor einem halben Jahr,sehr viel sinnerhellender war es aber auch nicht, was ich auf der Hinterbühne zu sehen bekam. Eine einzige Szene des Abends packte einen schon vom Hinsehen – nämlich das von Netrebko eindrucksvoll zelebrierte Miserere. Sonst dominierte an diesem Abend eher das akustische Vergnügen.

Wenn man einmal davon absieht, dass Marco Armiliato in erster Linie forte/fortissimo musizieren ließ. Was aber einen Manrico wie Yusif Eyvazov gar nicht zu stören schien. Denn der 40jährige Aserbaidschaner hatte damit die geringsten Probleme, er verfügt über eine gewaltige Naturstimme mit sehr metallischem Kern, die auch alle Orchesterflutenübersteht: Bombensicher, je höher es geht, desto besser inklusive hohem C in Mehrfachausführung. Feine Nuancierungen sind seine Sache nicht, aber was will man eigentlich von einem Manrico? Schwächelt einer oben herum, ist es auch keinem recht. Und seine Herzensdame Anna Netrebko zeigt einem ohnedies wie facettenreich man Opernpartien anlegen kann. Ihr unverkennbares Timbre mit dieser tollen Tiefe und einem Obertonreichtum, der sich hören lassen kann – Chapeau! Die Primadonnenrolle hat sie absolut zu recht inne, auch wenn Koloraturläufe immer noch nicht zu ihren Stärken zählen.

Der Graf Luna war bei George Petean in besten Händen, sprich in belkantesker Gurgel. Die dunkle Seite des Manrico-Widersachers kam zwar kaum zum Vorschein, aber wer einen Kavalierbariton in dieser Rolle schätzt, konnte sich genüsslich zurücklehnen und in Verdischem Wohlklang schwelgen. Weniger Wohlklang, dafür viel Dramatik und Intensität gab es bei Luciana D´IntinosAzucena. Die Italienerin, welche schon vor 22 Jahren als Amneris am Haus tätig war, soll angeblich bald ihre Karriere beenden wollen. Aber wer vom Publikum noch so (berechtigt) gefeiert wird wie sie, sollte sich dies doch noch einmal überlegen. Und dass der Satz von den vier besten Sängern für den Trovatore nicht ganz stimmt, bewies der Ferrando der Aufführung. Der erst 30jährige Koreaner Jongmin Park brachte seinen tiefschwarzen Bass so eindrucksvoll über die Rampe, dass es einen begeistert aufhorchen ließ, hoffentlich bleibt er dem Haus noch lange erhalten. Alle fünf Protagonisten agierten also auf annähernd gleichem Niveau, was will man bei einem Trovatore eigentlich mehr.

In den Jubel, der elf Minuten währte, mischte sich auch keine einzige Gegenstimme.

Ernst Kopica
MERKEROnline

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