Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: IL TROVATORE. Dritte Vorstellung mit erneuter Steigerung

WIEN / Staatsoper: IL TROVATORE am 12.02.2017

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Luciana D’Intino, Roberto Alagna. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das Warten hat sich gelohnt – zum dritten mal konnten wir den lange vermissten „Troubadour“ genießen und stellten erfreut fest, dass jede Vorstellung noch ein wenig besser wurde – was man bei diesem Niveau ja fast nicht glauben kann.

Die nichtssagende Regie, das nichtssagende Bühnenbild und die nichtssagenden Kostüme stören wenigstens nicht den Handlungsablauf und werden noch nach vielen Vorstellungen „repertoiretauglich“ sein – wir haben damit unseren Frieden gemacht und genießen die musikalische Interpretation in dem Bewusstsein, dass wir in dieser Besetzung eine denkwürdige Serie erlebt haben bzw noch erleben.

Mangels Inszenierung übernimmt der zum Glück in Wien vielbeschäftigte Marco Armiliato am Pult die Regie und bereitet eine spannende Sichtweise dieser Hitparade der Klassik in genau der Dynamik, die die Sache erfordert und die den Sängern in der Kehle liegen. Die Wiener Philharmoniker legten ihre ganze Leidenschaft und ihre perfekte Technik wie einen wunderbaren Klangteppich unter das musikalische Geschehen. Der Staatsopernchor kann sich – ungestört von einer Personenführung – dem Singen der berühmten Verdi-Chöre widmen und erzielt eine imposante Wirkung.

Auf dieser Grundlage gelingt den Gesangssolisten eine Leistung, an die wir noch lange mit Freude zurückdenken werden.

Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit war natürlich die Leonora von Anna Netrebko. Auch in dieser Produktion rechtfertigt sie die Ausnahmestellung, die sie in der Opernwelt einnimmt. Scheinbar gibt es nichts, was diese Frau nicht singen kann. Klangschön und technisch perfekt in allen Lagen gestaltet sie sowohl gesanglich als auch darstellerisch auf einem einzigartigen Niveau. Nach den gefühlvollsten, klingenden Spitzentönen lässt sie einen Ausflug in den tiefen Mezzobereich folgen, bei dem man nicht glauben kann, dass man die selbe Sängerin hört.

Es wäre allerdings unfair, Luciana D’Intino nicht in einem Atemzug mit der Frau Kammersängerin in spe zu nennen. Ihre Interpretation der Azucena gewann mit jeder Vorstellung dazu und erreichte in der dritten Vorstellung eine beeindruckende Souveränität, die mit unglaublicher Leichtigkeit präsentiert wurde. Bei den Tönen im Alt kann man schon von baritonaler Färbung sprechen – eine Zigeunerin (und nicht „eine grausliche Alte“, wie in der Übersetzung am Display), die man nicht zum Feind haben möchte!

Die Herren hatten es bei dieser „Frauenpower“ sehr schwer, es gelang aber der Wiener Staatsoper das kleine Wunder, eine adequate männliche Besetzung aufzubieten und auch trotz Grippewelle zu erhalten. Ludovic Tezier sang einen Graf Luna zum Niederknien und er erzielte mit seiner noblen, großen und technisch hervorragenden Stimme Sympathien, die dem Charakter der dargestellten Rolle gar nicht gebühren. Nach dem letzten Ton seiner Arie hatten wir das Gefühl, dass einen Moment die Zeit stillsteht. Der danach ausbrechende, frenetische Jubel war hochverdient.

Roberto Alagna sang einen gefühlvollen, berührenden Manrico und überzeugte besonders in der Mittellage – die Szenen mit der Geliebten und mit der Mutter gehörten zu den Höhepunkten des Abends. Dass ihm eine mächtige, strahlende Höhe in der Stretta nicht gegeben ist, sollte nicht überbewertet werden (leider sogar mit einigen Buhs auf der Galerie)  – wir wurden doch in den wunderschönen, lyrischen Passagen reichlich beschenkt.

Ein weiteres Geschenk ist, wenn man den Ferrando aus dem Ensemble in dieser Qualität besetzen kann. Der schwarze Bass von Jongmin Park dominiert die Massenszenen – hier erleben wir höchstwahrscheinlich einen jungen Sänger auf dem Weg zur Weltkarriere.

Die kleinen Rollen waren klug besetzt und verstärkten den hervorragenden Eindruck dieser Produktion. Simina Ivan war eine unauffällige Ines; Jinxu Xiahou ließ als Ruiz mit schön klingenden, gut geführten Tenor aufhorchen; Ion Tibrea als alter Zigeuner und Wolfram Igor Derntl als Bote komplettierten eine makellose Besetzung.

In der Freude über diese großartigen, musikalischen Leistungen mischen sich Gedanken über zukünftige Produktionen – wenn der Kalauer von Enrico Caruso über die leichte Besetzbarkeit des Trovatore nicht mehr eingehalten werden kann.

Aber was soll’s – fürchten kann man sich später auch noch.

Maria und Johann Jahnas

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