Der Neue Merker

WIEN/ STAATSOPER: I PURITANI . „Belcanto wörtlich genommen“

WIENER STAATSOPER: I PURITANI am 06.03.2015

 
Carlos Alvarez. Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

Abwechslungsreich und spannend geht es derzeit in der Wiener Staatsoper zu:

La Juive mit einem Neil Shicoff, der gegen seine Erkrankung und um seine Lebensrolle kämpft (erfolgreich); Werther, bei dem Angela Gheorghiu mit der Charlotte eine neue Rolle probiert (weniger erfolgreich) und die bevorstehende Lady Macbeth von Mzensk in interessanter, teils erprobter Besetzung lassen keine Langweile aufkommen – gute Argumente für das Repertoiretheater.

Als Gustostück inmitten dieses abwechslungsreichen Programmes kann man überdurchschnittlich gut besetzte „Puritaner“ bewundern. Die wunderschöne Musik Bellinis mit „belcanto“  – was auch wörtlich genommen werden darf.

 Marco Armiliato erweist sich als kompetenter Belcanto – Kapellmeister, der die hier existentiell wichtige Sängerbegleitung perfekt gestaltet, aber auch bei den militärisch gefärbten Orchesterpassagen den dominanten bis bedrohlichen Ausdruck erzeugt. Gemeinsam mit dem hervorragenden Staatsopernchor unter der Leitung von Martin Schebesta ist das Fundament für einen besonderen Repertoireabend gelegt.

 Die größte Freude für uns war zu hören, in welch wunderbarem Zustand sich die Stimme von Carlos Alvarez nun wieder befindet. Er machte aus dem Bösewicht Sir Riccardo Forth die Hauptrolle und zeigte mit immensem, stimmlichem Gestaltungsvermögen einen Menschen, der zwischen enttäuschter Liebe, Verschlagenheit, Hoffnung und Eifersucht zerrissen wird. Glücklicherweise wurde ihm mit Jongmin Park als Sir Giorgio ein Edelbass zur Seite gestellt; so wurde das Duett im zweiten Akt „Il rival salvar tu die“ zu einem eindrucksvollen Höhepunkt, der auch verdientermaßen begeistert akklamiert wurde. Der mächtige, schwarze Bass von Jongmin Park verfügt über Wärme und Beweglichkeit – wir waren überrascht – bisher hörten wir ihn nur in kleineren Rollen wie Karl V, Truffaldin, Colline udgl.

Sorin Coliban stellte als Lord Valton eine Luxusbesetzung dar, konnte in dieser relativ kleinen Rolle sein Potential nur andeuten, trug aber dazu bei, dass wir an diesem Abend das „Fest der tiefen Stimmen“ erleben konnten.

 Am anderen Ende des Spektrums der menschlichen Stimme hörten wir erstmals Olga Peretyatko als Elvira. Die junge russische Sopranistin hatte – in den großen Schuhen einer Edita Grunerova und einer Stefania Bonfadelli – eine riesige Herausforderung zu bewältigen, die sie nicht nur mit Anstand absolvierte. Nach geringen Anfangsproblemen lief sie – mit Erscheinen des Arturo – zu einer sehr guten Form auf, gestaltete sowohl stimmlich als auch darstellerisch beeindruckend und ist bestimmt auf dem Weg zu einer hervorragenden Elvira. Dass man bei manchen extremen Höhen und Koloraturen die Anstrengung merkt und das strahlende Jubilieren vermisst, ist bei einer jungen Sängerin natürlich und nicht als Kritik gemeint – es ist jammern auf sehr hohem Niveau.

 Für die ungeheuerliche Partie des Lord Arturo Talbot, deren Tessitur eigentlich als Bösartigkeit gegenüber dem Tenor bezeichnet werden muss, wurde der junge Kanadier John Tessier aufgeboten. Er bewältigte diese unmenschliche Aufgabe mit erstaunlicher Stimmschönheit, mit gut geführten Gesangslinien – fallweise mit deutlichem Vibrato – kann aber durchaus zu den wenigen Tenören gezählt werden, die dem Zuhörer in dieser Rolle Freude bereiten. Natürlich hört man bei den höchsten Höhen (bis F’’’) die Plage – no na – aber das Ergebnis kann sich sehen (hören) lassen!

Carlos Osuna sang einen sehr ordentlichen Sir Bruno Roberton; die junge russische Mezzosopranistin Ilseyar Khayrulluva erfreute uns mit einer guten Leistung als Enriquetta. Dank ihrem wohlklingenden Mezzo und einer guten schauspielerischen Gestaltung ist sie ein echter Gewinn für das Ensemble der Wiener Staatsoper.

 Die Inszenierung von John Dew zeigte mit guter Personenführung – besonders beim Chor – mit schnörkellosem, „puritanischem“ Bühnenbild und mit stimmigen Lichteffekten bereits zum 61. Mal eine hervorragende Repertoiretauglichkeit.

 Maria und Johann Jahnas

 

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