Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL – stimmungsvolle Wiederaufnahme

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Donna Ellen (Gertrud), Adrian Eröd (Peter Besenbinder). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Wiener Staatsoper/ „HÄNSEL UND GRETEL“: STIMMUNGSVOLLE WIEDERAUFNAHME ( 26.12.2017)

Warum die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck (UA 1893) seit ihrer Premiere vor gut 2 Jahren so selten gespielt wird, ist unerklärlich. Für die erst 10.Reprise – nun am 2. Weihnachtsfeiertag – prügelten sich Touristen mit Schwerpunkt Russland oder Fern Ost jedenfalls an der Abendkassa wie sonst nur bei Vorstellungen mit Anna Netrebko oder Jonas Kaufmann. Vielleicht war auch der frühe Beginn um 17 Uhr ein Grund für den extragroßen Andrang. Motto: „Bring Your Kids“!

Immerhin bekamen die Zuschauer eine stimmungsvolle Wiederaufnahme präsentiert, die in vokaler Hinsicht mitunter sogar besser war als die Neuproduktion unter Christian Thielemann im November 2015. Diese Qualitätsverbesserung bezieht sich selbstredend nicht auf den Dirigenten: der junge deutsche Dirigent Patrick Lange ist ein handwerklich bereits routinierter Typus des „Kapellmeisters“, der für die Poesie und Komplexität der Partitur des Richard Wagner-Assistenten Engelbert Humperdinck viel zu wenig „Gespür“ mitbringt. Seine „Umsetzung“ der Oper nach dem Märchen der Brüder Grimm war sozusagen „handfest“, nicht geheimnisvoll. Das Orchester der Wiener Staatsoper ließ sich dennoch von ihm zu dem sprichwörtlichen „Super-Klang“ bringen. Das Resultat war eine qualitativ hochwertige Aufführung, die zuletzt großen Jubel auslöste.

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Margaret Plummer (Hänsel), Monika Bohinec (Hexe) und Adrian Chen Reiss (Gretel). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Im Mittelpunkt der Begeisterung standen die beiden Sängerinnen von Hänsel und Gretel: Margaret Plummer, die australische Mezzo-Sopranistin und Chen Reiss, die israelische Sopranistin, die bald 10 Jahre Staatsopern-Ensemble ist. Die beiden sind zwar eine sehr lyrische Version des Geschwisterpaares, das sich im Wald beim Beerensuchen verirrt und beinahe von der Hexe in den Backofen geschoben werden. Aber sie spielen, tanzen und singen mit einer solchen Fröhlichkeit, dass ihnen zuletzt alle Herzen zufliegen. Grandios der Besenbinder Peter: Adrian Eröd ist zwar ein sehr junger Vater, aber seine kurzen Auftritte wirken herzerfrischend. Weniger überzeugend die Gertrud von Donna Ellen, die als Mutter allzu verhärmt nachweist, dass sie mit der Tessitura dieser Rolle nicht wirklich zu Recht kommt.

Ausgezeichnet – auch im Vergleich zur Thielemann-Premiere – die Hexe von Monika Bohinec. Sie bewältigt die vielen Tonsprünge – ist skurril und zugleich komisch. Ein rundum gelungenes Rollendebüt. Bleibt noch das entzückende Sand- bzw. Tau-Männchen von Bryony Dwyer zu erwähnen. Eine glockenklare Stimme mit wunderbarem Stimmsitz!

Zuletzt noch ein paar Worte zur Inszenierung von Adrian Noble (Bühne Anthony Ward): sie ist im Vergleich zu den vielen „Flops“ der letzten Jahre durchaus stückgerecht. Sowohl der „Scherenschnitt-Beginn“ der Ouvertüre als auch die Poesie des Zauber-Waldes sind voll getroffen. Einzig der Luftballon-Kitsch im Finale des 2.Aktes fällt denn doch zu sehr aus dem Rahmen; ähnliches gilt für das Miniatur-Hexenhaus im Finale. Alles in allem: man sollte „Hänsel und Gretel“ öfter spielen. Mit oder ohne Thielemann!

Peter Dusek

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