Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL – ohne tiefenpsychologischen Überbau

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Donna Ellen und Adrian Eröd. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper: „Hänsel und Gretel“ – ohne tiefenpsychologischen Überbau

2.1. 2018 – Karl Masek

Adrian Noble beließ es beim Märchen in der gegenüber der Gebrüder-Grimm-Original entschärften Version von Engelbert Humperdincks Schwester Adelheid Wette. Ohne Siegmund Freuds „Traumdeutung“ oder Bruno Bettelheim („Kinder brauchen Märchen“) hinein zu interpretieren. Altdeutsche Märchenbuch-Bebilderung lässt er allerdings auch hinter sich und siedelt das Stück vom „Prolog“ weg im viktorianischen England  (letztes Jahrzehnt des 19. Jhts) an. Eine Familie der upper class feiert gediegen Weihnachten. Der Ausstatter Anthony Ward lässt mittels einer Laterna magica wundersame Bilder an die Wand projizieren. Man wird während der Ouvertüre gleich in eine „märchenhafte Welt“ mitgenommen. Einstieg also mit „Als-die-Bilder-laufen-lernten“ (Video: Andrzej Goulding) und aparter Scherenschnitt- und Schattenbildästhetik (Lichtregie: Jean Kalman). Ich mag „bebilderte Ouvertüren“ im Prinzip nicht so besonders, muss aber im speziellen Fall zugeben: Ein idealer Beginn, von der ersten Sekunde an „aufmerksamkeits-fördernd“ …

„Hänsel und Gretel“ erlebte in den letzten Jahren einen „Boom“ an Neuinszenierungen, vor allem in etlichen deutschen Opernhäusern. Lange Zeit ist dieser musikalische Geniestreich (sehr zu Unrecht) als „Kinderoper“ und „Märchenkram“ abgetan worden. Nun scheint Humperdinck von den Dirigenten wiederentdeckt worden zu sein. Und Regisseure finden im Sinne einer Deutungsvielfalt ein weites Feld zwischen den märchenhaften Elementen und einem „tiefenpsychologischen Überbau“ samt diesbezüglichen Denkanstößen. Nur ein Aspekt: Mitunter mutiert da die Mutter Gertrud (nicht mehr die Stiefmutter Grimms!) zur heimlichen Hauptperson mit zahlreichen charakterlichen Facetten. Nicht vordergründig böse, aber durch Armut, einen Ehemann, der häufig zu tief ins (Kümmellikör)Glas schaut und das beengte Dasein überfordert, entnervt und verbittert. Sie schlägt ihre als faul und ungehorsam empfundenen Kinder (in hilflosem Affekt?), schickt sie in den Wald – bald sehr besorgt, als die beiden nicht wieder auftauchen. Schließlich ist der Wald für Hänsel & Gretel nicht nur unheimlich, sondern letztlich ein Ort der Selbstfindung, der Schritte zum Erwachsenwerden. Als „Hexe“ hat sie die Kinderlein „zum Fressen“ gern. Um schlussendlich bei der Wiederfindung der Kinder (wieder als Mutter) zu signalisieren, dass sie ihre Kinder doch lieb hat. In der gefeierten Inszenierung der Oper Heidelberg 2015 von Clara Kalus empfand ich damals diese Interpretation – auch durch die gekonnte Personenführung – als höchst plausibel!

In der Wiener Staatsoper betont man mehr das märchenhafte Element mit sanfter Abstrahierung. Der Wald ist nicht so naturalistisch wie z.B. im „Schlauen Füchslein“ der Otto-Schenk-Inszenierung (wo man beinahe das Moos und die Schwammerln zu riechen vermeint!), auch hier wieder die Scherenschnitt-Effekte des Prologs. Ganz lieb der herzhaft gähnende, lächelnde Mond, poetisch schwebend der Schmetterlings-Schwarm, dezenter Theaterzauber. Mir gefallen sogar die (Gedanken&Träume)-Luftballons …

Assoziationen werden weitgehend dem Publikum überlassen. Warum auch nicht? Die Geschichte wird verzerrungsfrei erzählt – und siehe da: Die Musik passt dazu!

Womit ich zu einem Kritikpunkt komme, und der betrifft das über weite Strecken unsensible Dirigat des Patrick Lange. Er erlag der Versuchung, lautstärkemäßig allzu sehr „auf die Tube zu drücken“. Schon damit erschwerte er den Protagonisten auf der Bühne das Sängerleben erheblich! Viel zu eilig nahm er die Tempi vor allem bei den Kinderlied-Sequenzen. „Brüderchen, komm, tanz mit mir…“ klang dann so, als würden Kinder beim Gedicht-Aufsagen nur husch, husch, fertig werden wollen. Das „Rundherum, das ist nicht schwer…“ war bewegungstechnisch somit nur in hurtiger Andeutung durchführbar. Der Spagat zwischen Mendelssohn’scher Leichtigkeit, volksliedhafter Einfachheit, fast wagnerischem „Waldweben“ im 2. Akt und den gewichtigen, groß dimensionierten Orchestersteigerungen (natürlich gibt‘ s  die!) gelang Patrick Lange nicht einmal in Ansätzen.

Ungeachtet dessen setzten sich die Herren und Damen des Orchesters der Wiener Staatsoper  mit zwischenzeitlich süffigem Ton, gelegentlichen musikalischen Ruhepunkten samt herrlicher Soli (Flöte, Klarinette!) durch.

Sängerisch war der Abend mit kleinen Einschränkungen überwiegend sehr ansprechend. In der Reihenfolge des Programmzettels:

Adrian Eröd war in der „12. Aufführung in dieser Inszenierung“ ein noch ziemlich jung wirkender Peter Besenbinder. Rollengerecht „fröhlich“ und beim Erstauftritt „etwas angetrunken“. Zudem war er der am meisten textverständliche, perfekt deklamierende Rollenvertreter. An diesem Abend jedoch schien sein heller, sonst höhensicherer Bariton nicht optimal disponiert. Die Höhen (es geht ja immerhin bis zum a!) wirkten etwas unfrei und mit limitierter Kraft gesungen. Ein Opfer des vom Dirigenten zugelassenen Lautstärke-Pegels?

Donna Ellen als Mutter Gertrud beglaubigte ihre Rolle mit ihrer Wut, ihrer Verbitterung und dem „zu-Tode-müde-Sein“. All dem gab sie mit herbstlichem, auch akustisch „müdem“ Sopran stimmigen Ausdruck. Hohe h’s  gelangen nur mehr mit Anstrengung …

Margaret Plummer war ein sehr glaubwürdiger, durchaus schon pubertärer Hänsel („Mit einem Mädchen tanz ich nicht, das ist mir viel zu dumm“) mit Spurenelementen   frühmännlichen Machismos. Sie setzte sich auch gegen die Orchesterfluten souverän durch. Ein ausbaufähiger, in allen Lagen rund klingender, höhensicherer Mezzosopran.

Chen Reiss war, singdarstellerisch perfekt die ältere Schwester Gretel, als die „Vernünftigere“ von beiden ihren Bruder gekonnt in die Schranken weisend. Ein schön timbrierter, höhensicherer Sopran. Beider „Abendsegen“ war einer der oben genannten „Ruhepunkte“. Musikalisch innig, mit Gänsehaut-Garantie.

Monika Bohinec hat in der aktuellen Spielzeit eine „verhexte“ Saison. Nach Ježibaba aus der „Rusalka“ nun Humperdincks Hexe. Selten habe ich „Knusper, knusper, knäuschen…“ und „Hokus pokus Hollerbusch…“ so schön gesungen gehört! Facettenreich spielte sie die Rolle von der süßlichen Freundlichkeit bis zu lüsterner Gefährlichkeit. Ein weiteres perfektes Rollenporträt dieses vielseitigen Ensemblemitglieds!

Bryony Dwyer: Mit effektvoll gesetzten Auftritten rundete das australische Ensemblemitglied (seit 2013) als Sandmännchen / Taumännchen die Besetzung ab.

Die Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper waren mit sicht- und hörbarem Engagement als Engel und Lebkuchenkinder bei der Sache und wurden am Schluss gebührend akklamiert.

Heller Jubel am Schluss für alle. Seltsam, dass sich nach der Verbeugungstour auf der offenen Bühne kein weiterer „Vorhang“ mehr ergab. Nach nicht einmal fünf Minuten war alles vorbei. Und viele im Publikum spielten „Hokuspokus Hollerbusch! Rasch zu den Garderoben: Husch!“

Christian Thielemann, der Premierendirigent 2015, gab übrigens flammende Plädoyers für Humperdinck und sein Meisterwerk ab – dirigierte schließlich aber nicht einmal die gesamte Premierenserie, sondern nur eher magere vier (allerdings grandiose!) Aufführungen. Jetzt, wo wir wissen, dass er 2019 das Neujahrskonzert leiten – also in der „Hänsel-und-Gretel-Zeit“ vor Ort sein wird: Da wär‘ doch eine weitere Kurzserie „ab der 13. Aufführung“ drin, und es würde der Lobrede auch eine  praktische Umsetzung folgen!

Karl Masek

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