Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: Gaetano Donizetti „ANNA BOLENA“

Edita GRUBEROVA

Wiener Staatsoper
“ANNA BOLENA” von Gaetano Donizetti
14.Oktober 2015 / 16. Aufführung in dieser Inszenierung

 

 In einem Bericht im MERKEROnline über eine Vorstellung der letzten Serie dieser “Anna Bolena” stand über die damalige Titelrollensängerin zu lesen: “Ausdrucksvermögen und Spiel sind ausreichend und wenn einem etwas abgeht, dann höchstens jener gewisse Schuss an schrillem Wahnsinn und klagender Verzweiflung, der dem Gesanglichen bei Donizetti von großen Vorgängerinnen beigemischt wurde.” In dieser Serie wurde nun diesem Manko mehr als Genüge getan, geradezu im Übermass wurde diesmal die Rolle der Anna mit schrillem Wahnsinn und klagender Verzweiflung ausgestattet.

Keine Frage, Edita Gruberova ist an einem Punkt ihrer langen Karriere angelangt, von dem aus sie die dazu geeigneten Rollen, wie etwa die Königinnen Donizettis, vom beengenden Kleid des Belkanto zu befreien instande ist, um die dem Stück immanenten und zu erduldenden Anfechtungen an Verrat, Intrigen, verlorener Liebe, geistigem Verfall und Tod mit entsprechendem gesanglichen Ausdruck zu begegnen. Bemerkenswert, wie diese Sängerin, die vor 45 Jahren im Haus am Ring als damals so bezeichnete “Slowakische Nachtigall” in der Rolle der “Königin der Nacht” debütierte, nun an der Schwelle zum achten Lebensjahrzehnt stehend, diese erforderliche Palette an Farben und Schattierungen in ihren Gesang legen kann und dabei vereinzelt schon auftretende Manierismen im Anpeilen von Tönen vergessen läßt. Natürlich sind sie noch da, die Acuti dieser Partie, an den Arien- oder Aktschlüssen, abgesetzt wie Boden-Luft-Raketen, mit Kraft in höchste Höhen geschossen, bewundernswert zielgenau noch oder entsprechend im Fluge nachjustiert und – wie seit Jahrzehnten gewohnt – applaustreibend.

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Neben ihr, der wohl Ältesten unter den Protagonisten, konnte nur die Jüngste in der Runde, Margarita Gritskova als Smeton mit ihrem jugendlichen und lebendig eingesetzten Sopran noch gefallen. Auch kommt die spielerische Leichtigkeit dieser Figur der schlanken und gut aussehenden Sängerin entgegen.

Margarita GRITSKOVA

Und bis auf das große Duett blieb hingegen die Leistung des italienischen Mezzos Sonia Ganassi als Giovanna Seymour nur blass und unauffällig, die Stimme ohne Resonanz, ohne Wiedererkennungswert. Erst mit der fordernden Partnerin ging sie aus sich heraus. Wenigstens konnte Ryan Speedo Green für den Lord Roquefort seinen markant-knarrigen Bass einsetzen, Carlos Osuna trug als Sir Hervey schönstimmig die schrecklichen Botschaften durch das Haus.
Marco Vinco war als verkühlt angesagt, sein Heinrich der Achte verlor daher an Spiel und Stimme und entzog sich damit der Kritik. Celso Albelo legte einen schlimmen ersten Akt samt Stimmbruch hin, und hatte auch im zweiten Akt außer teils halsig angesetzten Stentortönen nicht viel zu bieten. Das abgenützte Wort vom Bellkanto wäre angemessen, jedenfalls ist der Percy keine Glanzrolle für ihn.
Mit dem “Rest” der Philharmoniker (die Masse ist derzeit auf Tournee im fernen Osten) bereitete Evelino Pido den Klangteppich für den Abend, wobei man, besonders bei den Chorszenen, den gefühlt-langatmigen Eindruck der Schreit- und Stehregie gern durch lebendigere Tempi aufgelockert gehört hätte.

 

Peter Skorepa
MERKEROnline

Fotos: Edita Gruberova (2x) und Margarita Gritskova  (C) Michael Pöhn/Wiener Staatsoper

 

 

P.S.: Thema Dachterrasse: Gott sei Dank ist das Wetter nicht mehr für einen Terrassenaufenthalt geeignet. Ein Blick durch die Glastüre zeigt jedenfalls, dass seit dem 20.September (letzter Kontrollblick) keine einzige Tätigkeit auf dem Dach mehr durchgeführt wurde. Und es hat nicht immer geregnet so wie gestern!

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