Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: FIDELIO – „Oh namenlose Freude“

WIEN/Staatsoper: FIDELIO am 22.12.2013

„O namenlose Freude!“ – und das zwei Tage vor dem Heiligen Abend. Mit der Ansetzung dieser Mini-Serie von Ludwig van Beethovens einziger Oper Fidelio in der Vorweihnachtszeit beweist die Direktion nämlich Gespür für den Augenblick. Die Thematik rund um die Gattenliebe der Leonore zu ihrem Florestan, der im Kerker fristet, passt zu 100% in diese (heute leider nicht mehr wirklich) stillste Zeit des Jahres.

Vielleicht erzielt die antiquierte Inszenierung aus dem Jahr 1970 – am Theaterzettel steht „Nach einer Inszenierung von Otto Schenk“ und „Bühne nach Entwürfen von Günther Schneider Siemssen“ – in der heutigen Zeit nicht mehr ganz die Wirkung von damals, darüber kann man sicher diskutieren. Unbestreitbar ist aber, dass die Massenszenen einer dringenden und sorgfältigen Überarbeitung bedürfen – so beamtenhaft wie der Chor am Ende des 1. Aktes „in freier Luft den Atem leicht zu heben“ hat kann einfach nicht toleriert werden, ebenso wenig wie die peinlich händeringenden Choristen vor dem Wiedersehen mit ihren Frauen im Finale der Oper.

Bei den Solisten stellen sich diese inszenatorischen Probleme hingegen nicht (hier ist übrigens auch ein Stöbern in den Online-Archiven der Staatsoper interessant, denn bei der Premiere vor 43 Jahren sangen keine Geringeren als James King, Gwyneth Jones, Karl Ridderbusch, Theo Adam, Franz Crass, Lucia Popp und Adolf Dallapozza), denn die Besetzung kann sich auch bei der x-ten Wiederholung immer noch sehen und vor allem hören lassen. Ricarda Merbeth gestaltete die Leonore selbstbewusst und eindringlich, ihr Sopran strahlt in der Höhe, wenngleich natürlich in den intensiven Passagen nicht immer die schönste Färbung erklingt, aber das ist dort auch nicht gefragt. Als einzige Schwachstelle war ihre Arie im ersten Akt anzusehen, als in der Mittellage und in den Tiefen keine Linie erkennbar war, woran aber auch Franz Welser-Möst am Pult Mitschuld hatte, der nach einem sensationellen Beginn (das manchmal kitschige Quartett „Mir ist so wunderbar“ klang berührend und wundervoll) mit dem Staatsopernorchester scheinbar im ersten Akt ein wenig den Faden verlor.

Was der Wiener GMD aber nach der Pause mit „seinen“ Philharmonikern ablieferte, das kann als Sternstunde bezeichnet werden und gipfelte in einer grandiosen „3. Leonoren-Ouvertüre“, bei dem Welser-Wöst die gesamte Volatilität der Dynamik-Angaben bis zum Exzess auslotete. Im zweiten Akt hatte er aber auch mit Peter Seiffert einen Florestan der Extraklasse als kongenialen Partner auf der Bühne. Denn egal wie sehr man im Orchestergraben aufdrehte, Seiffert war immer zu hören und zu verstehen, das alles mit lyrischem Schmelz, der all die Kerkerjahre vergessen ließ.

Als Rocco traf der alte Haudegen Matti Salminen zwar nicht wirklich jeden Ton dort wo er genau hingehört, aber das kümmerte einen bei der Bühnenpräsenz des 68-jährigen (!) Finnen nicht wirklich. Angenehm überrascht wurde ich von Tomasz Konieczny, dem seit seinem Wotan, mit dem mich der Pole an der Staatsoper nicht überzeugen konnte, eine positive Weiterentwicklung gelang. Sein Bariton wirkt zwar in den tieferen Regionen immer noch recht „knödelig“, aber mit kraftvoller Höhe und verbesserter deutscher Sprache brillierte er als Bösewicht Don Pizarro. Der „gute“ Minister Don Fernando liegt Boaz Daniel auch gut in der Kehle, da sein kantilener Bariton für dessen Schöngesang perfekt ist.

Eine Luxusbesetzung für Marzelline und Jaquino gab es mit Ildikó Raimondi und Norbert Ernst (sprang für den erkrankten Sebastian Kohlhepp ein). Hier bedauerte man, dass Beethoven diesen beiden Partien nicht mehr Gewicht gegeben hatte und das Haus am Ring kann sich glücklich schätzen, dafür mit zwei solchen Kalibern aufwarten zu können. Wolfram Igor Derntl stach als 1. Gefangener seinen Kollegen Johannes Gisser ein wenig aus. Dass der Chor in szenischer Hinsicht gefordert ist wurde schon erwähnt, dass er aber himmlisch klang muss auch gesagt werden.

Schon lange nicht gehörter Jubel, der bereits nach der Leonoren-Ouvertüre seinen Anfang nahm. 13 Minuten für ungezählte Vorhänge sind heute im Repertoire nicht mehr selbstverständlich.

Ernst Kopica

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