Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: FIDELIO

 

WIEN / Staatsoper:
FIDELIO von Ludwig van Beethoven 
19. Dezember 2013
222. Aufführung in dieser Inszenierung

Den am Ende immer feierlichen Beethoven nahe an Weihnachten anzusetzen, ist gewiss eine gute Idee, zumal sich der Generalmusikdirektor des Hauses (der sich am Programmzettel nicht mehr so nennt) selbst ans Pult begab: Bei Franz Welser-Möst klingt „Fidelio“ streckenweise als das, was er auch ist, nämlich deutsche Romantik, aber der Dirigent peitscht andererseits die Dramatik manchmal bis zur Dissonanz auf, was einen interessanten Gegensatz ergibt. Und die „Dritte Leonore“ ist ja immer – also auch bei ihm und auch sehr gelungen – eine kostbare Viertelstunde „Philharmonisches“ in der Staatsoper.

Die Besetzung hat bis auf zwei Ausnahmen (Pizarro und Jacquino) ihre Rollen schon am Haus gesungen. Ricarda Merbeth arbeitet sich mit eiserner Entschlossenheit ins hochdramatische Fach. Allerdings hat sie die Senta diesen Sommer in Bayreuth um einiges überzeugender in die Kehle bekommen als die Leonore, wo die Anstrengung immer hörbar bleibt. (Allerdings ist diese Mörderpartie kaum je lupenrein zu singen, diese Erfahrung bringt der Opernfreund mit.) Als Erscheinung sympathisch und innig, das „Töte erst sein Weib“ überzeugend schmetternd und dann alle metalligen Jubeltöne herausstoßend, tut das ihrer Stimme nicht unbedingt gut und dem Wohlklang auch nicht. Aber es ist alles in allem eine ansprechende Gestaltung der Rolle.

Peter Seiffert hatte Pech, als gleich zu Beginn das anschwellende „Gott!“ in einem Krächzer endete, aber ein erfahrener Mann wie er lässt sich davon nicht irritieren, und in der Folge war er dann (mit nur noch minimalen Unebenheiten) im Gleis und ließ seinen Heldentenor, der es auch leise kann, lospreschen bis zur „Namenlosen Freude“ und „Wer ein solches Weib errungen“. Denn, wie Welser-Möst im „Prolog“ der Staatsoper so richtig sagt, für die Hauptrollen in „Fidelio“ braucht man einen „Stimmpanzer“, sonst kann man sie nicht singen.

Tomasz Konieczny gab seinen ersten Don Pizarro, blond, schlank, mit einer Brille herumfummelnd, eine durchaus fesselnde Version eines gnadenlosen Apparatschiks. Stimmlich steht man bei ihm stets vor demselben Problem, dass seine Art, die Töne zu quetschen, einfach nicht jedermann gefallen wird. Dazu kommt, dass das Timbre doch recht hell ist und die Stimme stoßartig, statt fließend geführt wird. Ein idealer Pizarro klingt anders.

Neu auch der Jacquino des Sebastian Kohlhepp, einstweilen noch ohne besondere Eigenschaften, während Ildiko Raimondi immer noch eine starke Marzelline ist , wenn auch optisch sehr blass und schmal geworden und auch stimmlich teilweise reduziert (dafür legte sie im Schlussensemble unüberhörbar los). Sie kann die Partie nicht nur, sie kennt sie auch aus dem ff, und es ist wunderbar anzusehen, wie es ihr im Schlussbild dämmert, dass dieser Fidelio, auf den sie ihr Auge geworfen hat, eigentlich eine Frau ist – und sie sich mit absolut sympathischer Geste ihrem Jacquino zuwendet. Eine kluge Frau…

Um Matti Salminen ist noch immer der Glanz des idealen Rocco (auch mit einer hervorragenden deutschen Prosa), aber wenn man die prachtvolle Fülle seines Basses in Erinnerung hat, dann weiß man auch, dass einiges im Lauf der Zeit verloren gegangen ist. Aber die Persönlichkeit kompensiert bekanntlich vieles.

Boaz Daniel kommt als mitfühlender Minister, möchte alles gut machen und tut es, wenn auch stimmlich vielleicht eine Idee angestrengt.

Seltsam, dass sich nach Seifferts Arie keine Hand rührte – es müssen doch genügend Fachleute im Publikum gewesen sein, die genau den Moment kennen, wo man mit dem Klatschen einsetzen muss? Dafür war der Jubel schon nach der „Leonore“ groß, am Schluss noch größer.

Renate Wagner

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