Der Neue Merker

WIEN/ STAATSOPER: „EUGEN ONEGIN“. Frisch gefülltes Tiefkühlfach

WIENER STAATSOPER: „EUGEN ONEGIN“. Frisch gefülltes Tiefkühlfach. 6.5.2017

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Mika Kares (Gremin), Olga Bezsmertna (Tatjana). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Unter dem Erbe der Vorgängerdirektion zählt diese Unszenierung von Falk Richter sicher zu den ungeliebten Stücken. Um seine These von der Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen den Menschen zu untermauern, begrub er die Handlung unter Eisblöcken und in Dauerschneefall. Wenn das nicht zur Musik passt, umso schlimmer für die Musik, denn wichtig ist die Idee des Regisseurs. Aber die gute Kühlung hält die Produktion am Leben und so war in dieser 41.Aufführung ein großer Teil des Besetzung erneuert. Allen voran die Tatjana von Olga Bezsmertna. Die junge Ukrainerin hat nun ihrer Rusalka und ihrer großartigen Desdemona mit dieser zentralen Partie des russischen Repertoires eine weitere große Rolle erarbeitet. Vor allem das junge Mädchen gelingt ihr hervorragend. Mit klarer, unangestrengter und ausgeglichener Stimme durchlebt sie in ihrer Briefszene alle Gefühlsregungen von erster Verliebtheit, Angst vor Zurückweisung und Hoffnung. Als ihre Schwester hätte Margarita Gritskova ihr Wiener Rollendebut geben sollen, das wurde aber kurzfristig zu Debut für Ilseyar Khayrullova, welche der fröhlicheren der beiden Schwestern ihren dunklen Mezzo mit satten Tiefen lieh. Rosie Aldridge war erstmals die Larina und hatte vor allem mit ihrer Perücke Probleme. Als Filipjewna hat Janina Baechle eine Rolle gefunden, in der sie ihren Alt schön einsetzen kann und im Spiel sehr mütterlich-betulich wirkt. Einen gelungenen Rolleneinstand konnte auch Thomas Ebenstein in der skurillen Partie des Triquet verzeichnen. Erstmals überhaupt in Wien war der junge finnische Bass Mika Kares als Gremin. Von der Figur bestätigt er das Klischee von den groß gewachsenen finnischen Bässen und lässt eine schöne Stimme mit profunder Tiefe, guter Höhe und feiner dynamischen Phrasierung hören. Die beiden männlichen Protagonisten sind nicht neu. Pavol Breslik ist ein sehr lyrischer, verträumter Lenski, der schon im Arioso des Ballbildes und noch mehr im „Kudar, kudar“ Anteilnahme erweckt. Der Titelheld wird von Christopher Maltman mit schön timbrierten Bariton gesungen. Der Egomane vollzieht eigentlich keine Wandlung. Ist er im ersten Teil einfach auf seine Bindungsangst fixiert, so bleibt er auch nach Jahren, in denen er nicht einmal sein Gewand wechselt, immer noch auf sich bezogen, hat nun aber Angst vor der Einsamkeit.

Patrick Lange am Pult sorgt für gute Koordination, gibt dem Melodien Tschaikowskys breiten Raum und den Sängern ein guter Begleiter, kann aber die von der Bühne ausgehende Kälte nicht überspielen. Der Chor darf sich bei der Ernte Schneeballschlachten liefern aus dem Werkzeugkoffer seine Brotzeit verzehren und bei einer Eisbar vergnügen.

PS: Im Jahr 1961 galt mein erster Stehplatzbesuch dem Onegin. Wäre das damals schon die aktuelle Produktion gewesen, so hätte sich meine Opernleidenschaft wohl nicht entwickelt.

Wolfgang Habermann

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