Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: EUGEN ONEGIN – Premierenstimmung im Repertoire

WIENER STAATSOPER: EUGEN ONEGIN am 12.4. 2013- Premierenstimmung im „Repertoire“


Aktschluss-Applaus: Hvorostovsky, Kolosova, Korchak, Netrebko, Foto: Maria und Johann Jahnas

 Natürlich kann man nicht ernsthaft von einer Repertoirvorstellung sprechen, wenn eine so hochkarätige Besetzung – großteils in der Muttersprache – aufgeboten wird, die auch im Bolschoi – oder Mariinsky- Theater derzeit weder in der Authentizität noch in der Qualität  überboten werden könnte. Die
schon lange nicht mehr gesehene Länge der „Stehplatz – Schlange“ bis zum Sacher reichend, zeigte vom großen Interesse; die Präsente und Blumenspenden des Sponsors – der Fa. Novomatic – verstärkten den festlichen Eindruck des Abends.

 Eugen Onegin basiert auf dem Versroman von Alexander Puschkin und es wurde von Peter I. Tschaikowski die angestrebte „volle Übereinstimmung der dramatischen Musik mit dem Libretto“ erreicht. Die russische Seele mit ihrer unvergleichlichen Leidensfähigkeit wird bei dieser Musik besonders eindrucksvoll offenbar; unter der leidenschaftlich-lustvollen Leitung von Andris Nelsons beweisen die Wiener Philharmoniker – neben der gewohnten Qualität und Präzision – die Seelenverwandtschaft der russischen und der österreichischen Musik.

 Die Inszenierung von Falk Richter aus dem Jahr 2009 hat schon damals polarisiert, aus heutiger Sicht kann man erkennen, dass es sich um keinen Geniestreich mit Kult-Potential handelt. Es wird weder die Geschichte ambitioniert erzählt, noch werden interessante Regieeinfälle transportiert. Dass die menschliche Gefühlskälte durch stundenlangen Schneefall  – „logischerweise“ auch zur Erntezeit – symbolisiert wird, ermüdet den Geist und das Auge und ist als Regiekonzept etwas dürftig – diese Besetzung hätte sich eine bessere Inszenierung verdient.

 Das größte Interesse wurde dem Wiener Rollendebut von Anna Netrebko als Tatjana entgegengebracht – völlig zu Recht! Sowohl die stimmliche als auch die darstellerische Gestaltung des verträumten, introvertierten Mädchens bis zur selbstbewussten Fürstin ist absolut beeindruckend. Der warme, in allen Lagen sicher und wunderschön klingende Sopran begeistert und rechtfertigt die Hype – man kann manchmal auch unter den falschen  Voraussetzungen zum richtigen Ergebnis kommen. Die lebenslustige Schwester Olga wurde von Alisa Kolosova mit gepflegt strömendem Mezzo mit guter Tiefe glaubhaft gestaltet – die russische Sprachmelodie war bei ihr besonders beeindruckend. Zoryana Kushpler als Larina und Aura Twarowka – diesmal als Filipjewna – ergänzten das Damenquartett auf höchstem Niveau und zeugten wieder einmal von der herausragenden Qualität des Ensembles der Wiener Staatsoper.


Korchak, Hvorostovsky. Foto: Maria und Johann Jahnas

 Dmitri Hvorostovsky war in dieser über weite Strecken konzertant wirkenden Aufführung ein Augenschmaus für die Damen, sein klangschöner Bariton bildete den dazugehörigen Ohrenschmaus – man hatte allerdings den Eindruck, dass er zumindest an diesem Abend an seine stimmlichen Grenzen gehen mußte. Der Dichter Lensky wird von Dmitry Korchak mit seinem sicheren, sehr schönen, lyrischen Tenor eindringlich leidend aber nicht sehr dynamisch dargestellt. Ein still Leidender, der sein Unglück nicht in die Welt hinaus schreit. Einen sehr noblen Fürst Gremin zeigt uns Konstantin
Gorny
. Das ist russische Bass-Kultur vom Feinsten – bis in die tiefste Tiefe gesungen und nicht gebrummt – dazu eine wunderbare deutliche Artikulation, die die Schönheit der russischen Sprache zur Geltung bringt.

 Der „Fremdkörper“ in der russischen Community war der österreichstämmige, französische Rockstar namens Triquet – der bis zur Unkenntlichkeit verkleidete Norbert Ernst sang sein Couplet souverän mit sicherer, schöner Stimme  – absolut auf dem hohen Niveau des Abends.

 Derzeit hat die Wiener Staatsoper ein gute Phase und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass wir in den nächsten Monaten noch einige hochkarätige Vorstellungen erleben werden.

 Maria und Johann Jahnas

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