Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: ELEKTRA

WIEN / Staatsoper: „ELEKTRA“ am 26.06.2017

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Waltraud Meier. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Es gehört zu den Mysterien der menschlichen Psyche, dass man von furchtbar brutalen Handlungen dermaßen fasziniert werden kann und wie persönliche Anteilnahme ausgerechnet auf ein Mörderpaar fällt, das ein Mörderpaar bestraft, das einen mutmaßlichen Mörder erschlug. Diese Bearbeitung der zweieinhalbtausend Jahre alte Geschichte vom Fluch der Atriden fesselt durch die bewusstseinserweiternde Musik von Richard Strauss zusätzlich und stellt den Beginn der kongenialen Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal dar. Wie großartig dieses Werk ist, erkennt man an der Tatsache, dass es sogar die Verlegung in den Kohlenkeller – kombiniert mit einer primitiven Duschanlage und zugehöriger Vertikal-Grottenbahn – in der ärgerlichen Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg – aushält.

Allerdings nur, wenn die Aufführung ausnahmslos mit hervorragenden Interpreten besetzt ist, was in der nun zu Ende gegangenen Serie glücklicherweise der Fall war. Schafft man es, diese Inszenierung geistig auszublenden und liebt man diese hochemotionale Musik am Rande der Tonalität, konnte man in dieser Derniere eine Sternstunde erleben.

Im Mittelpunkt des Interesses stand das Rollendebut von Waltraud Meier als Klytämnestra. Ihre starke Bühnenpersönlichkeit war die ideale Voraussetzung für die Gestaltung dieser panisch verängstigten, durch Albträume gepeinigten Frau. Waltraud Meier ist eine stimmlich präsente Ausnahmekünstlerin, die noch immer sichere Höhen und eine edel klingende Mittellage zur Verfügung hat. In den tieferen Regionen und im Sprechgesang sind allerdings  Einschränkungen in der Größe der Stimme hörbar. Es scheint also der richtige Zeitpunkt zum Fachwechsel gekommen zu sein. So stellen wir uns eine intelligente Karriereplanung im Herbst der Bühnenlaufbahn vor, die der Künstlerin neue interessante Rollen bringen und dem Publikum viel Freude bereiten wird.

Nina Stemme gestaltete die Titelrolle mit unglaublich leidenschaftlichem Ausdruck; ihre riesige, sichere Stimme klang in allen Lagen unangestrengt und edel. Die feinen Nuancen gelangen genauso wie die mächtigen stimmlichen Eruptionen. Der Hass auf die Mutter, das Werben um die Mittäterschaft der Schwester, die Liebe zum zurückgekehrten Bruder und die falsche, einschmeichelnde Freundlichkeit zum Aegisth – dies alles wurde stimmlich eindrucksvoll dargestellt und belegt ihren Platz in der ersten Reihe der „Hochdramatischen“ der Gegenwart.

Im selben Atemzug ist auch Regine Hangler, die lebensbejahende, aber nicht weniger leidenschaftliche Chrysothemis zu nennen, die sich erfolgreich gegen die Teilnahme an den Racheplänen ihrer Schwester zur Wehr setzt und von einem „Leben, eh ich sterbe“ träumt. Die junge Sopranistin aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper legt gerade eine beeindruckende Weiterentwicklung hin, sang und gestaltete die anspruchsvolle Partie mit Leichtigkeit, Gefühl, Sicherheit und Schönheit.

Erstmals erlebten wir den amerikanischen Bassbariton Alan Held in der Rolle des Orest und konnten uns, wie schon als Jochanaan in der Salome, über seine klare, technisch perfekte, schön klingende Stimme freuen. Auch bei ihm beeindruckt die Wortdeutlichkeit, die bei vielen englischsprachigen Sängern zu beobachten ist. Das Kompliment für die verständliche Aussprache gilt erfreulicherweise für das gesamte Ensemble – in dieser Serie war das Mitlesen überflüssig.

Die Nebenrollen waren in dieser Serie teils gut, teils luxuriös besetzt: Herbert Lippert als Aegisth, Wolfgang Bankl als Pfleger des Orest, Simina Ivan als Vertraute, Zoryana Kushpler als Schleppenträgerin und Donna Ellen als Aufseherin gestalteten routiniert die Handlung. Benedikt Kobel war der junge Diener; seinen älteren Kollegen, Dan Paul Dumitrescu hätten wir lieber als Mönch in Don Carlo erlebt – hier war sein Potential die pure Verschwendung.

Die Mägde Monika Bohinec, Ilseyar Khayrullova, Ulrike Helzel, Lauren Michelle und Ildiko Raimondi waren die einzigen, die an diesem brütend heissen Tag von der Inszenierung profitierten – wurden sie doch spärlich bekleidet von den Dienerinnen geduscht. So haben wir auch bei dieser Regiearbeit einen positiven Aspekt gefunden.

Michael Boder bekam in der dritten Vorstellung die Klangmassen von Richard Strauss gut in den Griff und arbeitete berührende Szenen – allen voran das Wiedererkennen von Elektra und Orest – gefühlvoll heraus.

Das Orchester der Wiener Staatsoper bewies in großer Besetzung die überragende Strauss-Kompetenz und zelebrierte die leidenschaftliche Musik mit Virtuosität in allen Instrumentengruppen. Wir erlebten ein tiefgreifendes Klangerlebnis, das in emotionaler Üppigkeit viele Gefühlsregungen auslöste und die Seele berührte.

Maria und Johann Jahnas

 

 

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