Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: DON GIOVANNI – Adam Fischer neues Ehrenmitglied

WIEN/Staatsoper: „DON GIOVANNI“ – Adam Fischer neues Ehrenmitglied

(am 23.1.2017 – Karl Masek)

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Adam Fischer. Copyright: Hackney

Nach der „Don Giovanni-Vorstellung am 26.1. wird dem ungarischen Dirigenten Adam Fischer das Dekret der Ehrenmitgliedschaft an der Wiener Staatsoper überreicht. Das „Erinnerungsblatt“ ist angesagt.

Am 13. September 1980 debütierte der 1949 in Budapest Geborene, in Wien bei Swarowsky Ausgebildete und als blutjunger Korrepetitor bereits im Haus am Ring Tätige umjubelt an der Wiener Staatsoper. Es war eine musikalische Neueinstudierung des „Otello“ in der Regie von Richard Bletschacher („nach einer Inszenierung von Herbert von Karajan“ des Jahres 1957), ich war in dieser Vorstellung (mit Wladimir Atlantow, Giuseppe Taddei und Kiri te Kanawa). Er startete  mit einer furiosen Sturmmusik. Und es blieb ein fulminanter musikdramatischer Abend, über den der gestrenge Franz Endler in der „Presse“ schrieb: „…er ging auf unvorhersehbare Sängerwünsche ein, er widmete sich dem Orchester, er riss mit und er dämpfte, und immer zur rechten Zeit. Er warf sich in den Kampf, den er mit viel Übersicht gewann. Es wäre gut für uns alle, wenn sich mit ihm Hoffnungen erfüllten, die man in letzter Zeit schon oft in junge Dirigenten setzte…“. Karlheinz Roschitz in der „Krone“ titelte sogar: „Sturmmusik und Jubelorkan“…

Bisher hat Fischer im Haus am Ring weit mehr als 300 Abende, 26 Opern, und in der Direktion Egon Seefehlner auch Premieren, dirigiert: „Die verkaufte Braut“, „Cavalleria/Bajazzo“, „Maria Stuarda“ und „La Gioconda“. Besonders häufig „“Otello“ (45mal) und „Fidelio“ (43mal), zuletzt verstärkt Wagner, den „Rosenkavalier“ – und Mozart! Er verbreitet vom Pult aus immer Hochspannung, dirigiert anfangs mit jugendlichem Überschwang (bisweilen auch mit Hektik), in Extreme steigernd. Mit den Jahren wird seine Körpersprache ruhiger, mit Souveränität und imponierender Werkkenntnis macht er viele Repertoireaufführungen zu Ereignissen.

Durch die Mitbegründung der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Festspiele Eisenstadt 1987 leistet er auch kulturpolitisch Bedeutendes, noch in Zeiten des Eisernen Vorhangs. Und Bayreuth bringt ihm (auch durch sein couragiertes Einspringen) einen Karriereschub. Endlers Hoffnungen haben sich voll erfüllt und der Autor dieser Zeilen beglückwünscht Adam Fischer zur bevor stehenden, verdienten Auszeichnung!

In der laufenden Saison betreut Adam Fischer alle 15 Mozart-Aufführungen, was eine erfreuliche Tatsache ist. Dass dem Stammpublikum „Idomeneo“, „Cosi“, „Entführung“ (diese schon besonders lange!) und „Clemenza di Tito“ abgehen, ist aber auch eine Tatsache. Da sollte im Sinne einer umfassenderen und vor allem stilbildenden Mozart-Pflege Abhilfe geschaffen werden!

Alles andere als stilbildend ist nämlich die Inszenierung von Jean-Louis Martinoty. So überhaupt nicht theatergerecht, lässt sie das Ensemble ziemlich alleine. Man tritt auf, man geht ab, alles geht recht willkürlich zu. Die permanente Finsternis auf der Bühne (Hans Schavernoch hat schon viel Besseres geboten, diesmal geht alles durch viele kleine Umbaupausen sehr schwerfällig und umständlich ab) bewirkt stimmungslose Langeweile. Nächtliches Friedhofsambiente ( „Licht“: Fabrice Kebour) quer durch das Stück ermüdet das Auge. Die Kostüme (Yan Tax) liefern auch keine Glanzlichter. Der Abend suggeriert somit absurder Weise beinahe, Mozarts Geniestreich hätte Längen!

Aber beim Genie und wahrscheinlich größten komponierenden Psychologen aller Zeiten, Mozart, ist alles in der Musik da. Überrumpelnde Dramatik schon mit den ersten Takten der Ouvertüre, noch Elemente der Opera seria, wenn man die Arien der Donna Anna hernimmt, köstliche Buffosequenzen – und natürlich ganz viel DRAMMA GIOCOSO.

Das neue Ehrenmitglied am Pult nähert sich allem Anschein nach der Form seines Lebens. Gebannt sieht und hört man zu, wie er der szenischen Fadesse dieser Regie mit Hochspannung vom Pult aus  kontert. Wie er musikalische Details sonder Zahl heraus destilliert und auf vielfältig schillernde Klangfarben Wert legt. Die Sänger führt er temperament- und liebevoll. Mitunter auch nachgiebig, wenn etwa Erwin Schrott  beim „Madamina, il catagolo è questo“ schleppt. Hat die Augen überall. Nur nicht in der Partitur. Die liegt geschlossen vor ihm. Der Routinier und Könner kann sich auf unfehlbare Werkkenntnis verlassen. Das Orchester der Wiener Staatsoper erfüllt ihm jeden Rubato- und Klangfarbenwunsch – bis zum lodernden Höllenfeuer bei Giovannis Untergang. Es  hat insgesamt einen wahrhaft „Philharmonischen Abend“. Und in der Finalszene bekommt man eine Ahnung, warum E.T.A. Hoffmann den „Don Giovanni“ als die „Oper aller Opern“ bezeichnet hat…

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Benjamin Bruns, Irina Lungu. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das Ensemble arrangiert sich mit den szenischen Gegebenheiten, spielt vermutlich das, was es vielleicht in anderen Inszenierungen schon erarbeitet hat. Simon Keenlyside war zuletzt vor 11 Jahren  der skrupellose Frauenverführer am Ring. Elegant die Stimmführung, betörend mit seinem   Kavaliersbariton  (besonders fein gestaltet die Canzonetta „Deh Vieni alla finestra“, apart begleitet von der Mandoline auf der Bühne), stellte er einen Anarchisten, einen erotisch Getriebenen, glaubwürdig dar. Alle Reserven mobilisierte er in der Finalszene. Sorin Coliban war der Komtur mit donnernden Basstönen. Donna Anna (mit Rollendebüt) war Irina Lungu. Die Wettbewerbsgewinnerin in Serie (Operalia-Wettbewerb, Belvedere-Wettbewerb u.s.w.) meisterte ihre Rolle bravourös. Die Trauer, ihre Unentschlossenheit, ihre Liebe zu Ottavio, aber zugleich ewige Hinhaltetaktik, selbst im Schlusssextett, spielte sie eindringlich aus. Ihr schlanker, leuchtkräftiger Sopran verband wunderbares Legato mit absoluter Koloraturen- und Höhensicherheit. Die zweite Rollendebütantin dieses Abends, Dorothea Röschmann, fand nach Anfangsschärfen in der Arie „Ah! Chi mi dice mai quel barbaro dov‘è“ zu bewegender Gestaltung der Donna Elvira, die schließlich nur in des Klosters Mauern ihr Leid zu vergessen hofft.

Der vielleicht beste Mozart-Stilist des Abends war aber Benjamin Bruns als Don Ottavio. Mit  hellem, aber auch zu dramatischen Tönen findendem Tenor gestaltete er sowohl „Dalla sua pace“ als auch „Il mio tesoro…“souverän. Eine noble, technisch fundierte Stimme und ein hörbar besonders  intelligent gestaltender Sänger. Am wenigsten gefiel mir der Leporello Erwin Schrott, der nicht nur schleppte, sondern auch mit viel zu lautstarken, stimmprotzerischen Tönen prunken wollte. Was die Gesamtbalance empfindlich störte. Ileana Tonca war mit immer noch mädchenhaftem Sopran samt Silbertönen eine Zerline, gleichermaßen naiv wie durchtrieben. Punktgenau wie Mozart ihre Nummern komponierte. Manuel Walser, der junge Schweizer Bariton, war ein gar nicht tölpelhafter, halt in jungmännlicher Ehre von Giovanni gekränkter Bauer Masetto, und das mit einer Stimme, die in der Zukunft durchaus an die Titelrolle denken lässt.

Starker Applaus, Bravorufe. Das Publikum signalisierte, dass es mit dem Opernabend sehr zufrieden war.

Karl Masek

 

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