Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: DON GIOVANNI

Wiener Staatsoper
Wolfgang Amadeus Mozart: »Don Giovanni«
5. Oktober 2017
44. Aufführung in der Inszenierung von Jean-Louis Martinoty

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Adam Plachetka, Irina Lungu. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

I.
An der Staatsoper scheint man Don Giovanni ohne Dirigenten zu spielen — zumindest ließ die gestrige Vorstellung das vermuten. Oder, wie ein Philharmoniker einmal nach einer als »Dienst« absolvierten Vorstellung meinte: »Es war.«

II.
Schon der Beginn der Ouverture verhieß, daß der Abend von der Orchesterlautstärke her eher auf der lärmenden Seite angesiedelt sein werde. (Und man wurde nicht enttäuscht.) Sascha Goetzel ließ nur sehr selten leise spielen, von Agogik oder kapellmeisterlicher Gestaltung keine Spur. Dafür ging es auf der Bühne drunter und drüber, klappte die Koordination mit dem Graben oft nicht.

Aber auch dies entsprach den Erwartungen. Der Mensch kann nicht alles haben.

III.
Robert Gleadow eröffnete den Abend als Leporello mit durchaus kräftigem, aber unsauber geführtem Baßbariton; — zumindest in der Mittel- und der oberen Lage. Im tiefen Register mangelte es Gleadow bei seinem Haus-Debut mehrere Male an Durchschlagskraft. Das Bemühen um die Sache mag ich ihm nicht absprechen, engagiertes Spiel ebenfalls nicht. Doch selten wohl wurde die »Register-Arie« so lieblos und beiläufig dargebracht wie an diesem Abend. Keine Glanzleistung.

IV.
Adam Plachetka war wieder als Don Giovanni aufgeboten. Und abermals — warum es verschweigen? — konnte man’s mit der Leistung des Tschechen nicht zufrieden sein. Vor allem im ersten Akt klang Plachetkas Stimme schwerfällig, belegt, ward breit geführt. Daß er ein excellenter Schauspieler ist, wissen wir. Daß er die Höllenfahrt eindrucksvoll zu gestalten weiß, ebenfalls. Nur: Den stimmlichen Adel, die gesanglich ausgedrückte »feine Klinge«, die Fähigkeit zum legato vermißte ich wiederum. »Fin ch’ han dal vino« … ohne jede Raffinesse vorgetragen. Sollte sich der oftmalige Lautstärkenwechsel, welchen Mozart in der Partitur notiert hat, nicht in Orchester und Singstimme wiederfinden? Diesfalls also: ein Rauhbein. Kein Don Giovanni.

V.
Auch die Donna Elvira der Dorothea Röschmann ist in die Tage gekommen; — Vokalfärbungen am laufenden Band gab es da zu hören (um die Töne im oberen Register zu decken?), kaum Dynamikwechsel (zum Beispiel in »Mi tradi quell’ alma ingrata«), scharfe Spitzentöne. Jene — vor allem stimmlich auszudrückende — Eleganz, welche eine Donna Elvira auszeichnen sollte: Gestern ward sie schmerzlich vermißt.

VI.
Was die Eleganz betrifft, war bei der Donna Anna der Irina Lungu mehr davon zu hören. Gewiß, auch die Stimme der Russin zeigte die sattsam bekannten Ermüdungserscheinungen länger andauernder Carrièren: ein zunehmend metallischer Kern, zuweilen Schärfe im oberen Register. Doch alles in allem konnte man’s mit Lungus Leistung zufrieden sein. (Noch dazu, wenn man bedenkt, daß die Sänger an diesem Abend weitgehend auf sich allein gestellt waren.)

VII.
Ist Don Ottavio ein Schwächling? Oder einfach jene Figur, welche Mozart am wenigsten interessierte? Welche daher im Verlauf dieses dramma giocoso keine Verwandlung durchmachen darf? Benjamin Bruns entledigte sich der undankbaren Aufgabe des ständigen Begleiters der Donna Anna mit Würde. Sein Tenor hat allerdings jene lyrische Zartheit eingebüßt, welche uns für den Don Ottavio ebenso wie den Ferrando oder Tamino ideal erscheinen. Dafür gewann Bruns Stimme einen metallischen Kern. Ausgleich für vermißtes legato?

VIII.
Sorin Coliban war vom ersten Takt an ein stimmlich ebenso müder Il Commendatore wie Ryan Speedo Green bei seinem Rollen-Debut ein Masetto. Da wurden Töne produziert, keine Phrasen gesungen. Da stolperten zwei Sänger durch ihre Partien, ohne irgendeinen Willen zur Gestaltung erkennen zu lassen. Enttäuschend.  

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Andrea Carroll. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

IX.
Ein verlorener Abend?

Nun: Andrea Carroll als Zerlina wußte nach ihrer sehr guten Leistung als Susanna abermals zu überzeugen. Als einzige Sängerin des Abends erklangen ihre Arien durchgearbeitet, musikalisch gestaltet. Erzählten Geschichten. Daß Carroll über einen ausnehmend flexiblen Stimmansatz verfügt, die Phrasen vorzubereiten versteht, legato zu singen vermag — ich hörte es mit Dankbarkeit. 

Kein verlorener Abend also. Andrea Carroll sei Dank.

Thomas Prochazka

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