Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: DON GIOVANNI

01_Don_Giovanni_94800_KEENLYSIDE schwarz Face x~1
Simon Keenlyside.
Alle Fotos: Copyright Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper:
DON GIOVANNI von W. A. Mozart
38. Aufführung in dieser Inszenierung
23. Jänner 2017

Kann man die großen Opernhäuser der Welt heutzutage nur noch mit schönen Tenören und einer russischen Primadonna füllen? Wenn ein Theaterzettel Simon Keenlyside als Don Giovanni und Erwin Schrott als Leporello ankündigt, dann wäre das überall eine A-Klassen-Spitzenbesetzung. Die Wiener schien das ziemlich kalt zu lassen – es gab freie Sitze, und das Stehplatzpublikum reichte gerade fürs Parterre, oben war es bestenfalls locker vorhanden. Oder meidet man – was die Zuschauer ja wieder ehren würde – einfach diese grauenvolle Inszenierung?

Wenn man sich Don Giovanni als stattlichen, sinnlichen, womöglich noch fröhlichen Gauner-Verführer vorstellt (auch solche gibt es, man denke nur an Abdrazakov oder Alvarez), ist der Brite Simon Keenlyside natürlich der Anti-Typ. Er wird uns von fast jeder seiner Opernfiguren die neurotische Version liefern – was natürlich sehr spannend ist. Don Giovanni als Mann, der keinerlei Spaß an seinem erotischen Tun zu finden scheint, der es wie ein Getriebener, aber fast lustlos absolviert – zweifellos ein ganz moderner Typ. Und gar nicht sympathisch. Muss er das sein? Sicher nicht.

Es ist wunderbar, wie Mozarts Parlando zu Keenlysides rauer Stimme passt, hier ist er richtig, stößt nie an seine Grenzen (höchstens einmal an ein nicht bewältigtes Piano). Er scheint jede Silbe des Textes und der Musik zu interpretieren, ihm fällt immer noch eine kleine verächtliche Geste, ein zynischer Gesichtsausdruck ein, um sein Rollenverständnis zu runden. Die Champagner-Arie, mit nacktem Oberkörper und mit allem erforderlichen Presto gesungen, wird zur Kriegserklärung an die Welt. Kurz, es ist einfach immer ungemein spannend, diesem Sänger zuzusehen.

Erwin Schrott, mit der dünkleren, samtigeren Stimme als sein Partner, ist, wie man weiß, selbst ein hervorragender und nicht weniger aggressiver Giovanni als Keenlyside, beide übrigens so schlank und drahtig und beweglich, dass ihr Rollentausch zu Beginn des zweiten Aktes kein Unsinn ist (was bei kleinen, dicken Leporellos immer wieder passiert). Aber Schrott ist sich dessen bewusst, dass der Diener der Diener ist, und als solchen gibt er ihn auch. Er spielt keinen wendigen Schurken, er bietet die viel interessantere Version eines eigentlich eher gleichgültigen, fast ängstlichen Adlatus, dem sein Herr schlicht und einfach zu weit geht. Dieser Leporello, stimmlich immer präsent, will sich eigentlich aus allem heraushalten. Kein Komiker, ein Charakter. Fabelhaft.

02_Don_Giovanni_94794_SCHROTT x xxxx~1  05_Don_Giovanni_94808_TONCA xx~1 06_Don_Giovanni_94821_WALSER xx~1
Erwin Schrott / Ileana Tonca / Manuel Walser

Wenn man sich erinnert, welch leichten, lyrischen Tenor Benjamin Bruns mitbrachte, als man ihn 2010, zu Beginn seines Engagements, als Rossinis Conte Almaviva hörte, dann hat er in diesen Jahren einen weiten Weg zurückgelegt. Heute ist seine Stimme voll von dramatischem Nachdruck, ja, für einen Don Ottavio, wie man ihn als „mozartisch“ verstehen würde, mit fast schon zu viel Metall im Timbre. Immerhin – er steht seinen Mann, das ist auch ein Konzept für die Rolle.

Ebenso wie Manuel Walser, für den der Masetto eine der größten Rollen ist, die er (derzeit noch) in Wien singen darf und die er bemerkenswert erfüllt: Beileibt kein Bauerntölpel, sondern einer, der ganz gut versteht, was da vorgeht, sich zu wehren versucht, aber nicht reüssiert. Ein rundes, gescheites Porträt, zusätzlich mit schönem Bariton gesungen.

Den Komtur schließlich donnerte Sorin Coliban am Ende so, dass man ihm die Einladung zur Höllenfahrt glaubte.

04_Don_Giovanni_94805_ROESCHMANN xx~1 03_Don_Giovanni_94803_BRUNS_LUNGU xx~1
Dorothea Röschmann / Benjamin Bruns und Irina Lungu

Die beiden „Donnas“ debutierten an diesem Abend in ihren Rollen an der Wiener Staatsoper, und sowohl Irina Lungu als  Donna Anna wie Dorothea Röschmann als Donna Elvira ließen hören, wie schwer ihre Arien sind, was nie ein gutes Zeichen ist. Dorothea Röschmann nützte die größeren darstellerischen Möglichkeiten im Vergleich zur Trauerweide Anna und war vor allem in den Passagen, wo sie Leporello in Don Giovannis Gestalt umgurrt, geradezu komisch. Beide Damen stiegen jedoch stimmlich zu stark aufs Gas, waren also zu oft schrillend unterwegs, im Gegensatz zur Zerlina der Ileana Tonca, die doch zu wenig an Stimme und der glasklaren Mozart’schen Präzision zu bieten hatte (verwaschen singt man ihn besser nicht).

Man hat Adam Fischer oft genug hoch gelobt, dass man auch sagen darf, wenn ihm etwas einmal – na, sagen wir, weniger geglückt ist. Vor allem zu Beginn, aber auch später immer wieder, schwammen Bühne und Orchester in verschiedene Richtungen, so viele Unsauberkeiten auf einem Fleck sind selten, mancher Sänger wurde Opfer von Geschleppe, und die Spannung hielt auch nicht wirklich. Kann natürlich passieren. Wie sagt doch James Levine? Fehler sind kein Unglück.

Definitiv ein Unglück ist aber diese Inszenierung, über die man sich seit Beginn der Direktion Meyer (es war seine dritte Premiere) ärgert, ärgert, ärgert, allein über die schwachsinnige Lichtregie, die die Szene immer wieder völlig unmotiviert in Karajan’sches Dunkel taucht (ohne dass man Karajan dafür bekäme), die von der Ausstattung her schlechtweg scheußlich ist, kein erkennbares Ambiente schafft… kurz, wenn der Direktor (das wäre eine Tat!) diesen „Don Giovanni“ nicht selbst noch auf den Mist schmeißt und uns einen neuen beschert, dann ist das einer der ersten Wünsche an den Nachfolger.

Renate Wagner

Diese Seite drucken