Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: „DIE ZAUBERFLÖTE“ mit Jubel für neuen Papageno

WIEN/Staatsoper: „DIE ZAUBERFLÖTE“ mit Jubel für neuen Papageno

(am 25.12.2016 – von Karl Masek)

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Georg Nigl. Copyright: Bernd Uhlig

Die Inszenierung des Regie-Duos Moshe Leiser und Patrice Caurier (Premiere: 17. November 2013): Belanglos, uninspiriert. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Willkürlich in ihrer Beliebigkeit. Der Bühnenraum (Christian Fenouillat): Ein Einheitsbild (schon wieder!). Seitlich Fassadenreste von Häusern (der Mozart-Zeit?). Ein Theatervorhang wird gelegentlich hin- und hergezogen. Sonst eine Art leerer Theatersaal, wie vor Beginn einer Stellprobe. Dahinter ein ziemlich baufällig anmutendes Gebäude, ähnlich einem aufgelassenen Gutshof mit großem, scheunenartigem Tor: Hier geht es in den Weisheitstempel Sarastros. Alles von grau-brauner Tristesse. Wenn Sarastro singt: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht“, bleibt es zappenduster (Licht: Christophe Forey). Der Mond kommt beim ersten Erscheinen der Königin der Nacht aus dem Bühnenuntergrund als Art Haifischflosse, Papageno, mit riesigem Seil ausgestattet und zum Selbstmord bereit, singt: Diesen Baum da will ich zieren…“. Kein Baum zu sehen – aber vom Schnürboden fallen eher unlustig zwei, drei vertrocknete Blätter herunter. Vielleicht ist sogar dieser Vorschlag von mir diskutabel; Ioan Holender wie in der Kinder-Zauberflöte als „Baum“ zu  engagieren?
Besonders läppisch die Feuer- und Wasserprobe: Die beiden Geharnischten zünden sich zum genial komponierten Fugato des W.A. Mozart wie Johannes Heesters …“ein kleines Zigarettchen an“. Die weggeworfenen, nicht gelöschten Kippen sind dann Grundlage für ein Feuer in einer Art Kanal, in den Tamino und Pamina hinunter kriechen müssen. Wasserprobe: Kanal färbt sich um auf Blau, waren da Regenschirme? Genug davon.

Leiser/Caurier verteidigten vor der damaligen Premiere in einem Kurier-Interview „…kleine Theatereffekte mit all ihrer Naivität, die stärker sein können als ein millionenteurer Hollywood-Spezialeffekt…“. Aber derlei konnte Jérôme Savary in der für mich einzigen wirklich geglückten „Zauberflöte“-Inszenierung der letzten Jahrzehnte viel besser. Zugegeben, grellbunt war das, musicalhaft, poppig, aber rasant und sprühend von Ideen (Volksoper Wien, als Übernahme von den Bregenzer Festspielen, Ende der achtziger Jahre). Und weiter im selben Interview: „Das Märchen ist wichtig! Es wäre wahnsinnig fad, eine Zauberflöte zu haben, die so aussieht wie die Kinder heute, mit Jeans und Sneakers…“ Und dann kommen – sehr poetisch und märchenhaft – Tamino und Pamina nach der Feuer- und Wasserprobe „gestylt“ im Straßenanzug und in mausgrauem, fadem Kostüm daher? Das verstehe, wer will.

Ich hielt mich also notgedrungen an die Musik und die Singdarsteller/innen. Und was musikalisch kam, war überwiegend sehr erfreulich.
 Georg Nigl, 44-jähriger Wiener Bassbariton, setzte umjubelt eine Wiener Papageno-Tradition von Erich Kunz, Walter Berry, Heinz Holecek und Georg Tichy fort.

(An dieser Stelle das Erinnerungsblatt: Natürlich gab und gibt es noch andere Papageno-Publikumslieblinge: Hans Peter Kammerer ist Südtiroler, Markus Werba ist Kärntner, Adrian Eröd ein gebürtiger Wiener mit ungarischen und französischen Wurzeln. Und das unvergessene Wiener Urgestein Alfred Šramek wäre ein Superpapageno geworden, wäre ihm nicht für eine ebenfalls misslungene Zauberflöte-Inszenierung (1988, Otto Schenk) der dänische Bariton Mikael Melbye vorgezogen worden. Der radebrechte dann den Papageno humorbefreit. Worauf die Beziehung Šrameks zu Direktor Drese zerrüttet blieb…)

Zurück zu Georg Nigl: Mit unbändiger Spiellust gestaltete er diesen Vogelfänger. Alle Hände voll zu tun hatte er. Riesenkäfig auf dem Rücken, in der einen  Hand eine lebendige, flatternde Taube, in der anderen Hand das charakteristische Pfeiferl, das widerstrebende Tier musste in den Käfig gestopft werden, zugleich alle Einsätze des „Der Vogelfänger bin ich ja…“ getroffen werden. Groß die Stimme, voluminös, nicht mit „Fishing-for-Compliment-Tönen“: Aber authentisch und bodenständig, auch Schikaneder nicht aus dem Auge verlierend. Wortdeutlich und ausdrucksvoll sang und sprach der Hilde-Zadek-Schüler. Ein gelungenes Debüt!

Weiter in der Reihenfolge des Programmzettels:
Sorin Coliban war mit sonorem Bass ein solider Sarastro, um Würdigkeit bemüht und mit den tiefen Kellertönen wie fast alle Rollenkollegen kämpfend.
Joseph Dennis gab als Tamino mit schmelzreichem, in der Höhe schön aufgehendem lyrischen Tenor eine mehr als beachtliche Talentprobe. Der junge Amerikaner, Ensemblemitglied seit 2015, ist ein Versprechen für die Zukunft!
Clemens Unterreiner war als Sprecher ein trockener, im Umgang mit dem Prinzen ziemlich arroganter Außenbeamter des Sarastro, als 2. Priester im Zusammenspiel mit Nigl pointensicher.
Peter Jelosits ist in seiner Leib-und Magenrolle als 1. Priester mit ewig jungem, schlankem Tenor unverzichtbar.
Albina Shagimuratova machte schon bei ihrem Hausdebüt 2010 als Königin der Nacht Furore und räumte auch diesmal in derselben Rolle mit überrumpelnder Dramatik und einem großartigen Koloraturenfeuerwerk mächtig ab. Was waren da die lächerlichen „naiven Effekte“ mit den Knallfröschen dagegen! Ovationen für sie. Man freut sich schon auf ihre Donna Anna demnächst!
Ein wunderhübsches „Fräuleinbild“ war die Pamina der Olga Bezsmertna. Nach einigen wenigen noch schärferen Tönen steigerte sie sich bei „Ach, ich fühl‘s, es ist entschwunden“zu berührender Eindringlichkeit.
Die drei Damen waren unsäglich verunstaltet (Kostüme: Agostino Cavalca). Ungeachtet dessen sangen sie stimmschön, präzise,homogen. Ein Sprachcoach hätte hier allerdings noch Handlungsbedarf (Caroline Wenborne, Stephanie Houtzeel, Rosie Aldridge).
Daniela Fally ist ein wertvolles Ensemble-Mitglied, das auch Minirollen (und die Papagena ist eine!) lustig gestaltet und als Luxusbesetzung herrlich singt. Toi,toi,toi für die bevor stehende „Sonnambula“!
Benedikt Kobel war der gefährliche Monostatos, markant gespielt und gesungen. Er schien sicht- und hörbar froh, einmal keine Wurzenpartie singen zu müssen. Man wünscht ihm weitere Rollen im Charakterfach.
Die Zigaretten rauchenden Geharnischten waren bei Herbert Lippert und Dan Paul Dumitrescu gut aufgehoben.
Ausgezeichnet diesmal die Wiener Sängerknaben. Sie sangen die Drei Knaben hochmusikalisch, homogen und mit unerschütterlicher Ruhe. Sie ließen sich auch dann nicht irritieren, als bei „Bald prangt den Morgen zu verkünden“ besonders eilige Temposignale vom Pult kamen.

Womit ich beim Dirigenten Adam Fischer angelangt bin. Der Routinier ist ein großer Könner, keine Frage. Die Ouvertüre habe ich schon lang nicht mehr so dicht, intensiv und prägnant gehört. Das Orchester der Wiener Staatsoper und der Chor der Wiener Staatsoper (Leitung: Martin Schebesta): Edler Klang, schöne Soli (Flöte!), auch klangliche Zuspitzung. Fischer – wie meist – „unter Strom“. Da geraten dann Tempi mitunter hektisch und verhetzt, was für die Akteure auf der Bühne zur Herausforderung wird. Und dann ist nicht immer alles zusammen…

Das Publikum, am ersten Weihnachtsfeiertag touristisch dominiert (viele Kinder, naturgemäß!), zeigte sich sehr angetan, die wilden Tiere waren für die Kids ein Hit, und das Polizisten-Ballett mit Ballettröckchen bei „Das klinget so herrlich…“ (so zwischen „Kottan“ und Schenks „Sternstunde des Josef Bieder“ angesiedelt) war natürlich ein Lacherfolg.  Die Fotografen sorgten auch aus dem Zuschauerraum für Blitzlichtfeuerwerke…

Karl Masek

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