WIEN / Staatsoper: Die tote Stadt

by TP | 10. Januar 2017 07:55

Wiener Staatsoper
Erich Wolfgang Korngold: »DIE TOTE STADT«
9. Jänner 2017
20. Aufführung in der Inszenierung von Willy Decker

ToteStadtSzene
Copyright: Wiener Staatsoper/ Axel Zeininger

I.
Die Staatsoper spielt (nach einer Pause von fast acht Jahren und rechtzeitig zum 120. Geburtstag des Komponisten) wieder Die tote Stadt. In Willy Deckers atmosphärisch dichter Sichtweise auf Pauls Abfall vom Kult um seine verstorbene Frau Marie. Seiner Loslösung.

Das Haus am Ring scheute keine Mühen, das Werk mit ersten Sängern zu besetzen. Das ist erfreulich. Daß Klaus Florian Vogt (vorerst) die erste Vorstellung absagte und eine grassierende Grippewelle weitere Umbesetzungen erforderlich machte, war Pech. Daß Herbert Lippert bei seinem Wiener Rollen-Debut so zu überzeugen wußte, mag vielen als die große Überraschung des Abends gegolten haben.

II.
Die tote Stadt ist eine Familienproduktion. Auch der Text stammt vom Korngold. Diesfalls vom Julius. Dem Vater. (Der in der Partitur genannte Name Paul Schott ist, Opernfreunde wissen es, eine Zusammenfügung aus dem Namen der männlichen Hauptpartie und des Musikverlages, bei welchem das Werk erschien.) Aber Die tote Stadt ist mehr als das: Sie ist des Komponisten durchaus gelungener Versuch der Weiterführung der Spätromantik über den ersten Weltkrieg hinaus.

III.
Gewiß, Korngold vermag die Einflüsse seines Lehrers Alexander von Zemlinsky ebensowenig zu leugnen wie die Anklänge an die Wagnersche Leitmotivtechnik. Und er begeht den selben Fehler wie sein Lehrer: Man denke an die Florentinische Tragödie. Oder Der Zwerg. … Der Makel also: Daß nämlich die Musik vor allem im ersten und im Finale des dritten Bildes Spannung aufbaut, ohne rechtzeitig ihre Höhepunkte zu erklimmen. Das ermüdet. Nicht nur das Publikum.

Der Vergleich mit Richard Strauss macht sicher: An dessen Schilderung der Geschehnisse in der Frau Fürstin Feldmarschall Schlafzimmer reicht Korngolds Vorspiel zum dritten Bild nicht heran. Zuviel Contraction… Strauss wird seinen Kunstgriff der musikalischen Schilderung des Beischlafes übrigens 1929 im Vorspiel zum dritten Aufzug der Arabella wiederholen — auf andere, ebenso geniale Weise. Korngold dagegen: Kunst-Handwerk. Wenngleich ausgezeichnetes. 

Andererseits: Man höre (oder vertiefe sich in die Partitur) und bemerke, wie sich die Hoffnungstonart B-Dur schon in »Glück, das mir verblieb« Bahn bricht. Wie Korngold die Szene der Komödianten im zweiten Bild zu gestalten wußte. Wie B-Dur den positiven Schluß der Oper, Pauls bewältigte Trauerarbeit, beschreibt, nochmals das Lautenlied zitiert. Mit 23 Jahren haben wir nicht so komponiert, gelt ja?

IV.
In der Doppelbesetzung Frank und Fritz, der Pierrot, kehrte Adrian Eröd nach einer Vorstellung 2004 wieder. Ein Geschenk, ihm zu lauschen. Ein Vergessen des Alltags, ihm zuzusehen. Wie Eröd seine Stimmtechnik einzusetzen weiß, wie er sich vom laut aufspielen lassenden Mikko Franck nicht zum Forcieren verleiten ließ… »Mein Sehnen, mein Wähnen«: einer der Höhepunkte des Abends. 

V.
Die tote Stadt stellt nicht nur auf Grund der stimmlichen Anforderungen, sondern auch der Länge der Hauptpartien wegen höchste Ansprüche an die Sänger. Camilly Nylund, erstmals am Haus am Ring als Marie/Marietta zu erleben, bot eine sehr gute Leistung. Zwar dauerte es bis zu Maries Erscheinung, bis Nylunds Stimme — und dann, unerwartet, von der Hinterbühne — so rund und rein klang wie Opernfreunde es von ihr gewohnt sind, aber was soll’s. Besonders dicht auch das dritte Bild … schwer zu spielen und auch nicht unbedingt leicht zu singen. Schade nur, daß dem Lautenlied — »sehr langsam, mit Empfindung« schrieb Korngold in die Partitur — gestern nicht mehr Atmosphäre abzulauschen war.

VI.
Herbert Lippert, auch er ein Rollen-Debutant, hatte — vor ein paar Tagen erst las man die Ankündigungen in den Tageszeitungen — die Rolle des Paul von Klaus Florian Vogt übernommen. Die Tessitura dieser Partie liegt zum Teil unangenehm hoch, erinnert in mehr als einer Passage an jene des Lohengrin. Lippert entledigte sich der ihm gestellten, herkulischen Aufgabe mit jener Unerschrockenheit, welche nur dem Einspringer gegeben ist. Wortdeutlich bis zur letzten Silbe. Vorbildlich. Daß Lipperts Tenor des zum vollkommenen Glück notwendigen Schmelzes gebrach, in der Höhe eng ward, nicht immer frei klang: ein läßlicher Einwand angesichts der gebotenen Leistung. Ein großer persönlicher Erfolg für den Sänger.

VII.
Mikko Franck stand am Pult des von Volkhardt Steude geführten Staatsopernorchesters und ließ — wie immer, bin ich geneigt zu notieren — zu laut aufspielen. Da klang’s an manchen Stellen zu grob, hatten es die Sänger schwerer als notwendig, gegen Korngolds stellenweise (zu) dichte Instrumentation anzusingen. Trotzdem: Den Höhepunkt des Abends bildete die Szene der Komödianten. Da atmete die Musik, wurde leicht. Ein rarer Moment des Opernglücks. … Und nochmals trotzdem: Wie schön ist doch diese Musik. Und wie schön erst, wenn sie noch akzentuierter, mit abgerundeterem Klang unsere Ohren erreichte.

VIII.
Das Haus am Ring bot mit Korngolds Die tote Stadt eine sehr gute Repertoire-Vorstellung eines zu selten gehörten Werkes. Und das alles ganz ohne »Staatsoper 4.0«. Ja, dürfen die denn das?

Thomas Prochazka
MerkerOnline
10. Jänner 2017

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