Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: DIE TOTE STADT – oder: „Das Los eines Einspringers“ am Beispiel des Tenors Herbert Lippert

Camilla Nylund und Herbert Lippert (Foto: Michael Pöhn)

Camilla Nylund und Herbert Lippert (Foto: Michael Pöhn)

WIEN/Staatsoper:  E.W. Korngolds „DIE TOTE STADT“ – oder: „Das Los eines  Einspringers“ am Beispiel des Tenors Herbert Lippert

(am 9.1.2017 – Karl Masek)

Herbert Lippert: Oberösterreicher, Jahrgang 1957, in der Ära Holender zu Beginn der neunziger Jahre als hoffnungsvolles Talent für Mozart und vieles andere engagiert. Bis er 1995 eine Rolle in Schnittkes „Gesualdo“ (eine Uraufführung!) zurücklegte, weil er sich ihr nicht gewachsen fühlte. Und „einem Holender“ legte man nicht ungestraft eine Rolle zurück! Eklat, Abgang von der Wiener Staatsoper, Opern-Karriereknick, aber ein Jahrzehnt Konzerttätigkeit, CD-Aufnahmen mit Solti, mit Harnoncourt. Dies alles sehr erfolgreich. Rückkehr an die Wiener Staatoper in der Direktion Meyer…

Lippert zeigte sich Holender im Nachhinein dankbar. Er hat  die Stimme nicht frühzeitig mit (zu) dramatischen Rollen verschlissen…

Womit wir beim heutigen „Tenoreinspringer vom Dienst“ sind. Freilich, bei Dominique Meyer hat er lohnende Premieren-Aufgaben bekommen: Den Offizier in Hindemiths „Cardillac“ (unter Franz  Welser-Möst), den Skuratow in Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ (ebenfalls unter Welser-Möst), den Machtpolitiker Fürst Goliyzyn in Mussorgskys „Chowanschtschina“ (unter Semyon Bychkow). Aber noch öfter war er „Einspringer vom Dienst“: Als ergreifender „Peter Grimes“ 2013, für Ben Heppner, der gerade seine Karriere beendete. Als „Bacchus“ in der „Ariadne“ hielt er sich Respekt gebietend. Als „Lohengrin“ 2016, sich im 3.Akt bis zur Gralserzählung zu durchaus beeindruckender Statur steigernd. Einmal sogar für den indisponierten Peter Seiffert, als er „fliegend“ den „Siegmund“ im 2.Akt „Walküre“ übernahm. Seiffert spielte stumm auf der Bühne weiter, Lippert sang vom Orchestergraben aus…

Das Los eines Einspringers. Oft bloß halbherzig bedankt. Kein Tenor mit Glamour-Effekt. Aber mit  musikalischer Standfestigkeit und Sicherheit, wohl auch mit guten Nerven ausgestattet. Auch jetzt wieder: Klaus Florian Vogt war als „Paul“ angesetzt, sagte relativ kurzfristig ab. Ich spekuliere ausnahmsweise: Er ist wohl mitten in der Vorbereitung für sein Tannhäuser-Debüt in München (Mai 2017). Da kommt die äußerst anstrengende und fordernde Parie des „Paul“ vielleicht in die Quere, zumal, wenn die Stimme gerade nicht optimal disponiert ist. Oder er ist einfach krank in Grippezeiten und „hofft, am 12.1. die Rolle des ‚Paul‘ wieder singen zu können…“.

Lippert rettete mit Rollendebüt also die erste Vorstellung der „Tote-Stadt“-Serie, für die (Grippewelle!) zwei weitere kurzfristige Umbesetzungen erforderlich waren: Für Janina Baechle sprang Monika Bohinec als „Brigitta“ ein und Joseph Dennis übernahm den „Victorin“ von Norbert Ernst.

Vom lautstarken, undifferenzierten Dirigat des Mikko Franck so gar nicht helfend unterstützt, malträtierte Lippert seinen ohnehin grellen Tenor bis in gequälte Extremhöhen, was mehr als bloß einmal Ohrenpein verursachte. Dazu kamen erhebliche Textunsicherheiten. Der Maestro suggeritore, Mario Pasquariello, hatte wohl einen stressigen Abend, um den Einspringer immer wieder aufs richtige Textgleis zu führen. Er hat sich Lipperts Beifall vor dem Vorhang verdient!

Nur: Solche musikalischen „Ritte über den Bodensee“ möchte man nicht öfter hören und dem verdienten Ensemblemitglied auch nicht wieder zumuten! Dass Herbert Lippert herzlich akklamiert wurde, war  (und das Publikum war sehr fair) dem Einspringerbonus geschuldet. Manchmal ist „Dankbarkeit“ doch eine Kategorie, sogar in der Oper…

In der geschmack-  und stilvollen „Fin-de-siècle-Inszenierung von Willi Decker in der sehr ansehnlichen Ausstattung von Wolfgang Gussmann (Premiere der Übernahme von den Salzburger Festspielen: 12. Dezember 2004) hielt sich die „restliche“ Besetzung gut gegen die entfachten Sturmfluten im Orchester.

Camilla Nylund (Rollendebüt) war als die „Marietta“/“Erscheinung Mariens“ in der Doppelrolle von großer Bühnenpräsenz und erfreute mit ausdrucksvollem, in der Höhe schön aufbühendem Sopran. Adrian Eröd ließ sich vernünftiger Weise nicht zum Forcieren provozieren und war auf seine Art ein kultivierter Freund „Frank“ und ein berührender Pierrot „Fritz“.

Monika Bohinec, Simina Ivan (sie war schon in der seinerzeitigen Premiere dabei!), Miriam Albano, der Tänzer Lukas Gaudernak, Joseph Dennis und Thomas Ebenstein traten als „Mariettas Truppe“ den erfreulichen Beweis an, dass das Wiener Staatsopern-Ensemble höchst intakt ist.

Karl Masek

 

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