Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: DIE FLEDERMAUS -hochkarätige Sylvester-Fledermaus

Wiener Staatsoper
„GLÜCKLICH IST, WER VERGISST“: HOCHKARÄTIGE SYLVESTER-FLEDERMAUS (31.12.2017)

Das Meisterstück von Johann Strauss „Die Fledermaus“ kam nicht ganz 1 Jahr nach dem fatalen Börsenkrach des Jahres 1873 im Theater an der Wien mit triumphalen Erfolg heraus. Das Motto „Glücklich ist wer vergisst, was nicht zu ändern ist!“ war offenbar genug Basis für diese Sternstunde des Musiktheaters. Und der Slogan war vermutlich auch zu Sylvester 2017 der „Erfolgs-Motor“– und da eine hochkarätige musikalische Wiederaufnahme der unverwüstlichen bald 40jährigen Otto Schenk/Günther Schneider-Siemssen-Produktion zu erleben war, herrschte im überbuchten Haus am Ring einen „Bomben-Stimmung“.

Viele „Newcomer“ waren aufgeboten- und die meisten bewährten sich. Allen voran agierte Cornelius Meister als „spiritus rector“ dieser „Fledermaus“. Der 37jährige norddeutsche Dirigent war jetzt 7 Jahre lang der ambitionierte wie erfolgreiche „Chef“ des RSO, das ORF-Radio-Symphonieorchesters. Er verlässt im kommenden Sommer Wien n Richtung Stuttgart, wo er der Chefdirigent der Stuttgarter Oper wird; man darf nur hoffen, dass ihn die Wiener Staatsoper weiterhin zurückholt. Die „Komische Operette in drei Akten“ hielt genau die erforderliche Balance zwischen norddeutscher Gründlichkeit und Wienerischer Walzerseligkeit, die Ouvertüre avancierte zu einem Paradebeispiel der Klang-Fülle des Orchesters der Wiener Staatsoper. Und die Begleitung der Solisten war mustergültig. Fast ganz neu war auch der Eisenstein von Michael Schade. Der kanadisch-deutsche Tenor war lange Zeit als Alfred zu erleben, seit dem 31.12.2016 ist er in die Rolle des gefoppten Eisenstein geschlüpft. Spielfreudig, höhensicher und wortdeutlich – ein Glücksfall für eine ambitionierte Repertoire-Vorstellung.

Ganz neu für Wiens „Fledermaus“  war die einstige Zerbinetta und Königin der Nacht Laura Aikin. Die US-Sopranistin ist ins dramatischere Fach zu Donna Anna,Lulu oder Marguerite (Les Huguenots) übergewechselt. Und auch ihre Rosalinde ist großartig: sie verfügt über die nötige Tiefe im „Csardas“ und hält das Des am Ende. Sie hat Lust an der Komödiantik, ihr ungarischer Akzent ist perfekt. Kurzum: ein rundum gelungenes Rollendebüt! Großartig auch der neue Alfred von Benjamin Bruns. Der in Hannover geborene Tenor wird immer besser, die Stimme wächst noch immer und sitzt inzwischen perfekt. Als Alfred signalisiert er, dass er sich demnächst in Richtung Max, Florestan und Stolzing entwickeln dürfte. Man darf sich drauf freuen!

Auch die dritte Debütantin – Maria Nazarova  muss nachdrücklich gelobt werden. Die temperamentvolle, zierliche Sopranistin zieht als Adele alle Register ihrer köstlichen Persönlichkeit, ein paar vorsichtige Spitzentöne schmälern kaum die Leistung der in Salzburg ausgebildeten Sängerin. Und die „Talentprobe“ im dritten Akt ist wahrlich umwerfend! Mehrfach bewährt der Rest der Besetzung: Jochen Schmeckenbecher ist ein urkomischer und zugleich geradezu stimmgewaltiger Gefängnisdirektor Frank, Clemens Unterreiner zieht souverän alle Fäden seiner „Racheaktion“, sein Singen bleibt auf Belcanto-Linie und das „Brüderlein“ wird zu einem Höhepunkt der Vorstellung. Stephanie Houzeel muss die Stimme allzu hell „einfärben“, um mit der unangenehmen Lage des Prinzen Orlofsky zurande zu kommen. Vom Typus des gelangweilten Dandy-Milliardärs ist sie jedoch ideal! Peter Simonischek ist ein grandioser Frosch, macht aktuelle Anspielungen auf Grasser, Kurz und den „Blauen Dunst“ einer „österreichischen Nichtraucher-Regelung“. Peter Jelosits gibt einen skurrilen „Dr.Stotterbock“ – sein Dr. Blind ist ein Paradebeispiel dafür wie wichtig auch die kleinste Rolle ist. Lydia Rathkolb ist eine resolute Ida, die in den Ensembles des 2.Aktes auch ihre souveräne Höhe einsetzen kann.

Und dann traten ja noch zwei Überraschungsgäste auf: Lidia Baich, die Violin-Virtuosin, überwältigte das Publikum mit Johann Strauss- Variationen und Andreas Schager wechselte von Tristan, Tannhäuser und Siegfried zu Franz Lehar, dessen „Giuditta“ im Jahr 1934 in der Wiener Staatsoper uraufgeführt worden ist. „Freunde, das Leben ist lebenswert!“ Dieser Ohrwurm ist wohl noch selten von einem echten Heldentenor intoniert worden, der im kommenden Juni den Max in „Der Freischütz“ übernehmen wird – und der zuletzt als Apollo in „Daphne“ begeisterte.

Alles in allem eine Vorstellung, in der auch der Chor der Wiener Staatsoper (Leitung Martin Schebesta) und das Ballett (Choreographie Gerlinde Dill) von der überschäumenden Gesamt-Wirkung angesteckt wurde. Und das Publikum, das sich um die Karten geprügelt hatte, kam auf seine Rechnung. Die „Fledermaus“, die in dieser Art zum 164.Mal gegeben wurde, dürfte auch in den nächsten Jahren aktuell bleiben…

Peter Dusek

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