Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: DIE FLEDERMAUS


WIEN / Staatsoper:
DIE FLEDERMAUS von Johann Strauß 
31.
Dezember 2016
160. Aufführung in dieser Inszenierung

Wenn man ein Werk sehr gut kennt und sehr gerne mag, ist man ihm entweder ein sehr guter oder sehr schlechter Zuschauer. Alle Jahre Silvester-„Fledermaus“, da sammelt sich einiges an Erfahrungen und Vergleichsmöglichkeiten an. Und dann kann man auch sagen, wo die Aufführung rangierte, mit der man an der Staatsoper ins Jahr 2017 hinüberging – nämlich nur im unteren Mittelfeld.

Das lag sicher auch am Dirigenten Sascha Goetzel. An der Staatsoper hat dieses Werk an diesem Abend erstmals dirigiert, schwer zu sagen, wie viel Erfahrung er damit hat, aber jedenfalls war der Abend von der Ouvertüre an in höchstem Maße uneben, nie ging der geniale Schwung der Musik durch, schien immer wieder geradezu zu stoppen, abgesehen davon, dass von den letztlich vier Stunden Spielzeit die wenigste Zeit erbaulich und erfreulich war. Es gelang auch nicht, Orchester und Bühne zusammen zu halten. Alles in allem hing der musikalische Segen schief.

Michael Schade sang seinen ersten Eisenstein, auf den er sich gefreut hat, und da Operette zu spielen auch eine Sache der Erfahrung ist, wird er zweifellos von Abend zu Abend besser und sicherer werden. Man muss ganz fest in einer Rolle stehen, um auch die innere Gelassenheit zu haben, sie in allen Details auszuspielen. Das fehlte am Debutabend, nicht nur wegen Textstolperern, sondern auch, weil man ihm die Geheimnisse der Pointen in den notwendigerweise absolut exakten Sprechpassagen noch nicht beigebracht hat. So viel Vergnügen Schade offenbar auch an der Sache hatte, würde man außerdem bezweifeln, dass er mit seinem Charaktertenor überhaupt die richtige Stimme hat, um einen schwelgerischen Operettentenor hinzulegen.  

Regine Hangler war keine Debutantin in der Rolle, sie hat sie zur vorigen Jahreswende schon verkörpert, kann aber auch noch einiges lernen. Abgesehen davon, dass sie nicht der Typ der strahlenden Diva, sondern eher der molligen Komikerin ist, reicht die helle, klare Stimme zwar für die durchschnittlichen Anforderungen der Rosalinde, aber als es an den Csardas ging, war sie zögerlich und offenbarte den Mangel an Kraft und Temperament (Eigenschaften, mit denen der gute Johann Strauß die meisten Interpretinnen dieser Rolle überfordert).

Es mag angesichts des ordentlichen, aber nicht sehr inspirierenden Frank des Wolfgang Bankl noch einmal erlaubt sein, sich an den großen Alfred Sramek zu erinnern – der Vergleich macht uns sicher im Wissen, was wir da verloren haben. Die einen versuchen, Komik zu erzeugen, aber nur jene, die sie wirklich genuin in sich  haben, sind die wahren Sterne am Operettenhimmel.

Norbert Ernst, der ja fast schon ein Alfred-Veteran ist, war diesmal krächzig bei Stimme und nicht sehr vergnügt bei der Sache. Peter Jelosits als Dr. Blind und Lydia Rathkolb als Ida sind Besetzungen, die wenig Interesse erzeugen.

Und Peter Simonischek spielte an diesem Abend zum 20. Mal den Frosch, und es schien, als habe er sich an der Rolle abgearbeitet – er unternahm den Gang durch die Pointen mit solch trockener Routine, dass weder bei ihm noch beim Publikum Lust an wahrer Komödiantik aufkam.

Wollte man sich den besseren Leistungen des Abends zuwenden, so ist Daniela Fally (die gut daran tut, ihr Repertoire auszuweiten) zwar noch immer optisch und als späte Soubrette eine ausgezeichnete Adele, die sie schließlich oft genug gesungen hat, aber vielleicht lag es diesmal auch an der viel zu groben Abendregie, dass sie (vor allem im ersten Akt) schamlos und bis zur Ärgerlichkeit übertrieb (auch in der Arie „Spiel ich die Unschuld vom Lande“). Selbst in der Operette kann weniger entschieden mehr sein.

Interessant, dass einzig Clemens Unterreiner als Dr. Falke darstellerisch und gesanglich perfekt in seine Rolle geschlüpft war.

Elena Maximova als Orlofsky war eine sympathische Überraschung, obwohl die Rolle für sie, die ein echter, dunkler Mezzo ist, etwas zu hoch liegt. Aber die echte Russin als echter russischer Prinz, mit echtem Akzent (wobei sie ihren deutschen Text hervorragend gelernt hat), war ein besonderes Vergnügen. Csaba Markovits als ihr Diener musste extrem laut und aufdringlich sein: Man muss schon annehmen, dass da bei der Einstudierung dieser Serie einiges falsch gelaufen ist.

Nicht hingegen der Einsatz von Chor und Ballett, wobei es Gerlinde Dill einfach prächtig gelang,  „Unter Donner und Blitz“ nicht als Balletteinlage zu gestalten, sondern wirklich den Eindruck erweckt, als ob Orlofskys Gäste hier in einen wahren Polka-Taumel geraten…

Dass man einen „Überraschungsgast“ als solchen ins Programmheft schreibt (was dem Prinzip der Überraschung ja diametral entgegensetzt ist), sei als kleiner Unsinn am Rande vermerkt. Die „Fledermaus“ ist ohnedies ausverkauft (obwohl auf der Straße nicht wenige Karten angeboten wurden), daran ändert nichts, wer bei Orlofsky auftritt. Juan Diego Florez verströmte, was das Publikum von ihm erwartet, seine Serie hoher „C“, wenn er Militär und Marie besingt, aber er ließ es nicht dabei bewenden. Neuerdings greift er bei seinen Soloabenden ja gerne zur Gitarre, es wirkte ungemein. Und als er zum Jahreswechsel „Auld Lang Syne“ schmelzen ließ, war das ein kurzer besinnlicher Moment, bevor das Publikum aufgefordert wurde, mit ihm „Guantanamera“ (mit eingearbeitetem „I wish you a happy New Year“) zu singen: Die Wiener sind wirklich gute, hoch musikalische Mitsinger…

Darum hätte man sich für diese „Fledermaus“ auch eigentlich weniger Jubel erwartet, denn so richtig gerechtfertigt war er nicht. Aber man freut sich gerne mit allen, die sich an diesem Meisterwerk erfreuen, und vielleicht ärgert sich nur der exzessive „Fledermaus“-Freund, wenn so viele Wünsche offen bleiben.

Renate Wagner

Diese Seite drucken