Der Neue Merker

WIEN/ STAATSOPER: DER SPIELER von Prokofjew – „Ka Werk für a Premiere?“. Mitnichten! Premiere

WIEN: DER SPIELER – PREMIERE STAATSOPER, 4. OKTOBER 2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Linda Watson (Babulenka). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das musikdramatische Werk von Sergej Prokofjew führte in der Wr. Staatsoper bislang ein Schattendasein. Lediglich seine beiden grossen Ballette, „Cinderella“ und vor allen Dingen natürlich „Romeo und Julia“ sind halbwegs regelmäßig im Repertoire zu finden. Von seinen Opern gab es lediglich 1951 eine Eigenproduktion von „Die Liebe zu den drei Orangen“. Von diesem Werk gab es 1979 und 2010 auch zwei Produktionen in der Volksoper. Im Haus am Ring waren seit der Wiedereröffnung lediglich 1964 „Der Spieler“ als Gastspiel des Nationaltheaters Belgrad und 1971 – unvergessen für alle, die dabei waren – „Krieg und Frieden“ im Rahmen eines Gastspiels des Moskauer Bolschoi-Theasters zu sehen.

Nunmehr gibt es mit „Der Spieler“ die ereste Eigenproduktion einer Prokofjew-Oper. Das Werk basiert auf einem Roman von Dostojewski und verfasste Prokofjew selbst das Libretto. 1915 begann er mit der Arbeit daran und vollendete diese 1917. Auf Grund der Wirren der russischen Revolution kam es jedoch nicht zur Uraufführung. Diese fand erst 1929 in Brüssel statt.

Das Werk spielt an einem fiktiven Ort namens Roulettenburg und handelt von einem General, der Schulden hat und auf den Tod einer Verwandten Babulenka hofft, von der er sich eine Erbschaft erwartet um danach die von ihm geliebte Blanche zu heiraten. Im Mittelpunkt der Handlung steht Alexej, der Hauslehrer der Stieftochter des Generals, Polina, für die er schwärmt. Die Hoffnungen des Generals werden enttäuscht, als die Babuklenka auftaucht und sagt, dass sie ihr Vernögen lieber verspiele  als es ihm zu vererben. Der General beauftragt Alexej zu versuchen, dies zu verhindern, was allerdings nicht gelingt. Nachdem Babulenka einen grossen Teil ihres Vermögens verspielt hat, beschliesst sie abzureisen und will Polina überreden, mit ihr zu kommen, was diese aber ablehnt. Nachdem der Besitz des Generals von seinem Gläubiger verkauft wird, will Alexej Polina helfen. Er spielt und gewinnt eine grössere Summe, die er Polina schenkt. Diese fühlt sich gekauft und wirft ihm das Geld ins Gesicht. Alexej bleibt allein.  

Die Musik ist, wie immer bei Projkofjew zwar modern, aber durchaus melodiös. Es gibt sowohl herrliche lyrische Passagen als auch rythmische Klangkaskaden. Manchmal klingt es auch geheimnisvoll, wie z.B. in der grossen Szene der Babulenka im 3. Akt. Grossartig auch das Zwischenspiel im 4. Akt. 

In der Pause der Aufführung wurde einigermassen über die Wahl des Werkes gemeckert. Das hat in Wien Tradition. Wann immer ein Werk abseits des Standardrepertoires in den Spielplan kommt, gibt es Stammbesucher, die damit nicht zufrieden sind. Aus meiner Stehplatzzeit ist mir eine damals schon ältere Dame in Erinnerung, die bei solchen Opern zu sagen pflegte: „Ka Werk für a Premiere“. Ich finde es hingegen durchaus begrüssenwert vom Direktor, nicht immer die ausgetretenen Pfade des Repertoieres zu gehen, auch wenn der Zuspruch des Publikums .- vorsichtig formuliert – endenwollend sein wird. Mir persönlich sind solche Neuinszenierungen immer noch lieber als die egomanischen Neudeutungen irgend eines Regisseurs von Werken, die wir in brauchbaren Inszenierungen im Repertoire haben.

Die Regie dieser Neuinszenierung lag in Händen von Karoline Gruber, die uns noch von einer nicht gerade gelungenen Inszenierung von Puccinis „Le Villi“ im Jahre 2005 in Erinnerung ist. Es ist im übrigen Interessant, was Frau Gruber zu dem Umstand, dass sie bei allen ihren Inszenierungen die Werke in das Heute versetzt, im Online-Merker-Interview gesagt hat. Sie ist der Meinung, dass die Zuschauer Inszenierungen im historischen Gewand schneller zur Seite schieben. Na ja, das gilt vielleicht für eine Minderheit, der Grossteil des Opernpublikums sieht Opern noch immer gerne zumindest annähernd in der Zeit, die der Librettist angibt. Man muss allerdings fairerweise sagen, dass das beim „Spieler“ keine Rolle spielt, denn das Thema ist zeitlos. Frau Gruber verlegt die Handlung in eine Art – es tut mir leid, aber mir fällt keine bessere Bezeichnung ein – Ringelspielhotel. Ringelspiele dominieren nämlich den ganzen Abend die Szene (Bühnenbild: Roy Spahn). Zunächst eher dezent im 1. u. 2. Akt, dann immer gesteigerter, bis zur unltimativen Verschmelzung zwischen Ringelspiel und Roulette-Kessel im 2. Bild des 4. Aktes. Die Personenführung ist sehr exakt, manchmal sogar überdeutlich, wie z.B. im 1. Bild des 4. Aktes, wenn Polina Alexej ziemlich eindeutig an die Wäsche will. Höhepunkt ist sicher die Spielszene, wenn die Menschen gleichzeitig die Jetons sind. Das Ende verändert sie insofern, als Polina Alexej nicht verlässt, sondern er sie offenbar umbringt. Ansonsten wird die Geschichte erzählt, was in jedem Fall positiv anzumerken ist. Die Kostüme von Mechthild Seipel sind elegant und kleidsam.

Auch musikalische kann man mit der Aufführung über weite Strecken zufrieden sein. Simone Young hat das Staatsopernorchester, für das das Werk ja vollkommenes Neuland war, sehr gut einstudiert und war auch in der Lautstärke gemäßigter, als man es von ihr im Repertoire gewohnt ist. Vielleicht hätten  manche Stellen noch etwas akzentuierter ausfallen können. Erfreulich war festzustellen, dass man diesmal grossteils auf russischsprachige Sänger zurückgegriffen hat und hier wäre in erster Linie Misha Didyk in der zentralen Rolle des Alexej zu nennen. Er ist heute einer der gefragtesten Tenöre im slawischen und russischen Fach und war in Wien schon als Sergej in „Lady Macbeth von Mzensk“ und als Boris in „Katja Kabanova zuu hören. Mit seiner heldisch timbrierten Stimme sang er ausgezeichnet und konnte auch darstellerisch überzeugen. Elena Guseva als Polina sang sehr intensiv und trotzdem klangschön und war darstellerisch auch überzeugend. Dmitry Ulyanov sang mit vollklingender Stimme den General und war auch darstellerisch sehr präsent. Einigermassen enttäuscht war ich von Elena Maximova als Blanche. Abgesehen davon, dass ihr die Partie sichtlich zu hoch lag, war sie auch darstellerisch eher blass. Thomas Ebenstein spielte sehr überzeugend den Marquis, doch seine Stimme ist halt ein eigenes Kapitel. Morten Frank Larsen blieb als Mr. Astley relativ unauffällig. Ein Kapitel für sich war Linda Watson als Babulenka. Sie sang sehr rollengerecht schön und versuchte auch intensiv zu gestalten, nur leider mangelt es ihr etwas an Persönlichkeit. Den übrigen zahlreichen Mitwirkenden sei ein Pauschallob ausgesprochen.

Am Ende gab es eher verhaltenen Applaus, ledigtlich bei Guseva, Watson, Didyk, Ulyanov und Simone Young gab es Bravorufe, das Regieteam wurde mit höflichem Applaus ohne Misstöne bedacht.

Heinrich Schramm-Schiessl

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