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WIEN/ Staatsoper: DER SPIELER – Noch keine Ehrenrettung für Prokofjew, aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Begegnung

WIENER STAATSOPER: DER SPIELER am 20.10.2017

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Misha Didyk, Elena Guseva. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Sergej Prokofjew – was für ein Komponist! Wer kennt nicht, bewusst oder unbewusst, eines seiner Werke. Im Kinderzimmer hält er mit „Peter und der Wolf“ Einzug, die Klaviersonaten des Virtuosen sind fixer Programmpunkt vieler Pianisten, eine Konzertsaison ohne sein 1. Violinkonzert, seine 5. Sinfonie oder eines seiner genialen, alle Facetten abdeckenden, Klavierkonzerte erscheint unvorstellbar. Aus Prokofjews zahlreichen Filmmusiken schafften es seine Arbeiten zu „Lieutnant Kijé“ und Sergej Eisensteins „Alexander Newsky“ zu Konzertehren und Einspielungen durch prominente Dirigenten (z.B. Claudio Abbado). Und nicht zuletzt kam Prokofjews 1. Sinfonie sogar zu Werbe-Jingle Ehren – wenn man das als Ehre verstehen will. Auf der Bühne ist er als Ballettkomponist („Romeo und Julia“!) noch ein Begriff. Doch Sergej Prokofjew als Opernkomponist? Selbst begeisterte Opernliebhaber werden da in ihren Aufzeichnungen nicht besonders fündig. Und wer vor allem in Wien Opern besucht, konnte zu diesem Thema bisher sehr wenig Erfahrung sammeln. 1995 eine gekürzte konzertante Aufführung von „Krieg und Frieden“ im Wiener Konzerthaus und eine szenische (Christine Mielitz) und musikalische Höchstleistung der Volksoper zur selben Zeit mit dem „Feurigen Engel“.

Die Staatsoper zeigte laut Archiv „Die Liebe zu den 3 Orangen“ in den Fünfzigerjahren im Ausweichquartier Volksoper und durch ein Gastspiel des Bolschoi-Theaters 1971.

Dieser stiefmütterlichen Behandlung des Opernkomponisten Prokofjew bereitete die Direktion der Wiener Staatsoper nun ein Ende, indem sie seine erste Oper „Der Spieler“, wohl auch ermutigt durch Erfolge an einigen deutschen Bühnen, als erste Premiere der Saison präsentierte. Prokofjew schrieb das Libretto zu der Oper selbst und basierte es auf dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Ebenso wie Dostojewksi schrieb Prokofjev sein Werk in kurzer Zeit, musste dann aber auf die Uraufführung wegen der politischen Wirren des 1.Weltkriegs und in Russland über 10 Jahre warten. Die Erstauffühung fand 1925 im Théâtre de la Monnaie (ein amüsanter Zufall für eine Oper über das Geld) in Brüssel statt.

Wenn man sich nun das Textbuch ansieht, so denke ich, dass es Prokofjew sehr gut gelungen ist, aus den 17 Kapiteln des Romans eine spannende und atmosphärisch dichte Opernhandlung in 4 Akten zu machen. Der Komponist konzentriert sich besonders auf die fast manische Liebesbeziehung des Hauslehrers Alexej zur Generalstochter Polina und die menschlichen Schicksale, die durch die Spielsucht zerstört werden. Prokofjew beendet das Werk nach jener Szene des Romans, in der Polina Alexej endgültig verlässt, nachdem sie sein im Casino gewonnenes Geld zur Tilgung ihrer Schulden ablehnt. Alexej bleibt – ein wenig an Onegin erinnernd – verzweifelt zurück (und wendet sich im Roman dann endgültig dem Spiel zu).

In Karoline Grubers Inszenierung jedoch wird Polina von Alexej getötet. Ein durchaus dramatischer Akzent, der auch mit dem dramatischen musikalischen Finale in Einklang steht – jedoch für mich die Tragik Alexejs nicht transportiert, der alleine mit seinem Unglück zurückbleibt.  Ähnlich auch der Schluß des 3. Aktes, in dem Blanche, eine auf reiche Männer spezialisierte Schönheit, den General mit ihrem neuen Liebhaber Fürst Nilsky verlässt. Die Inszenierung vermittelt den Eindruck, dass der General, auf der Couch nach Blanche sich streckend, von ihrem Schal umschlungen und erdrosselt wird. Plakativ, aber doch sehr widersprüchlich zur Vorlage. (Dort geht der General als Ehemann mit Blanche nach Paris wo er zwar nichts zu sagen hat, aber immerhin neben seiner Angebeteten recht gut leben kann). Wenngleich mich diese beiden Lösungen nicht überzeugten, war ich mit der Inszenierung zufrieden. Gruber arbeitete mit den Sängerinnen und Sänger sehr genau und so bewegten sich alle Bühnenakteure sehr gut und vermittelten ihre Emotionen sehr glaubhaft. Das komödiantische Potential, das etwa der Auftritt der Babulenka sicher in sich birgt, blieb unausgeschöpft. Das Bühnenbild von Roy Spahn und die Kostüme von Mechthild Seipel siedelten das Geschehen in der Entstehungszeit des Werkes an. Das Ringelspiel – laut Frau Grubers Anmerkungen in der Staatsopernzeitschrift „Prolog“-   als Sinnbild von Roulette und ausweglosen Sich-im-Kreis Bewegens prägte die Bühne, bis hin zu einem Miniatur Pferde-Karussell im linken vorderen Eck. Die Kostüme und Masken fand ich geschmackvoll bzw. den Charakter der Figuren unterstützend.  In Summe für meinen Geschmack eine solide Inszenierung.

Als Dirigentin der Produktion wurde Simone Young engagiert. Ich schätze Young als dynamische und kompakte Orchesterleiterin. Dementsprechend gelang ihr der 2. Teil der Aufführung auch ausgezeichnet. Im 3. und 4. Akt verlässt aus meiner Sicht Prokofjew definitiv den Boden des Konversationsstücks, als das „Der Spieler“ immer wieder im Vorfeld bezeichnet wurde, und taucht in tiefe menschliche Leidenschaften ein. Ob die resignierende Babulenka, die das ganze Geld verjubelt hat, der verzweifelte General, die Casinoszene – ein intensive Fortsetzung der Casinoszene in Tschaikowskijs „Pique Dame“ und das Finale Alexej/Polina. In all diesen Szenen verstand es Young, mit dem bestens disponierten Orchester der Wiener Staatsoper ausdrucksstark und spannungsgeladen zu musizieren. Im Gegensatz dazu verlief der 1. Teil recht monoton. Die Rythmik und Farbigkeit der Partitur konnte die Australierin hier nicht recht hörbar machen. Der Auftritt der Babulenka blieb eine beiläufige Angelegenheit – wobei ich hinzufügen möchte, dass Prokofjew hier auch nicht vor Inspiration explodierte. Generell finde ich die ersten beiden Akte weniger stark. Es befinden sich zwar darin die für Prokofkjew typische Motorik und die kunstvolle Linienführung der Holzbläser, eine besondere Wirkung konnte die Musik jedoch auf mich nicht entfalten. Aber vielleicht benötigt das Werk einen zweiten oder dritten Besuch, um sich dem Opernkomponisten Prokofjew noch besser annähern zu können.

Auch wenn die Besetzungsliste der Oper über 30 Personen umfasst, was im wesentlichen der Casinoszene geschuldet ist, so konzentriert sich das Geschehen doch auf 6 Personen, die stimmlich und als Charaktere sehr gut ausgewählt waren. Als Alexej war Misha Didyk zu bewundern. Nach leichten Startproblemen gewann sein heller, kraftvoller Tenor an Durchschlagskraft. Besonders im 1. Teil bewies Didyk echtes Stehvermögen, weil hier der Rolle einiges abverlangt wird. Darstellerisch überzeugte er hundertprozentig. Zudem war Didyk auch sehr wortdeutlich. Als seine angebetete Polina war die junge Russin Elena Guseva zu hören. Ihr angenehmer, weicher lyrischer Sopran klang in allen Lagen ausgewogen und hatte auch für die dramatischen Passagen die nötige Kraft. Ein großer Gewinn und gerne auch in anderen Rollen zu hören. Der kraftvolle und sonore Bass Dimitry Ulyanow bot eine bravouröse Darstellung des Generals. Sowohl in Darstellung als auch gesanglich eine Idealbesetzung. Linda Watson gab mit erprobtem Heldensopran eine metallische – auch ein wenig scharfe – Babulenka. Für diese Rolle ein sehr adäquate Besetzung. Der Marquis, ein schmierige Wucherer, wurde dem sehr guten Thomas Ebenstein anvertraut. Ebensteins Tenor wird zunehmend dunkler und lyrischer. Bei Elena Maximova kann man sich gut vorstellen, dass sich Männer gerne in Ihrer Gesellschaft befinden. Stimmlich war der Beginn unerwartet hart und herb, im Laufe der Aufführung gewann ihr Mezzo wieder die gewohnte dunkle Schönheit und Ausgewogenheit.

Frank Morten Larsen gab einen klangvollen und noblen Mr. Astly, ein im Vergleich zum Roman in der Oper unterentwickelte Rolle. Verläßlich auf hohem Niveau Clemens Unterreiner als Babulenkas Diener Potapitsch. Pavel Kolgatin gefiel mit seinem hellen Tenor als Fürst Nilsky. Die restliche Besetzungsliste, die zum Teil klangvolle Namen aus dem Ensemble aufwies, erfüllte ihre Aufgaben zur höchsten Zufriedenheit. Dazu zählten in der Reihenfolge des Programmzettels: Marcus Pelz und Carina Fischer als Ehepaar Baron Barnhelm, Alexandru Moisiuc als Casinodirektor, Vladimir Potansksy und Raoni Hübner des Barros als Croupiers, weiters Slavis Besedin, Christian Pursell,  Regine Hangler, Ileana Tonca, Alexandra Yangel, Sabine Kogler, Viktoria Schwingsackl, Leonardo Navarro, Santiago Sánchez, Wolfram Igor Derntl, Manuel Walser, Alejandro Pizarro-Enriquez, Wataru Sano, Martin Müller, Konrad Huber, Dominik Rieger und Franz Gruber. Ohne ein so gutes Ensemble wäre die Aufführung solcher Werke viel schwieriger.

Fazit: Noch keine Ehrenrettung für den Opernkomponisten Prokofjew, aber auf jeden Fall eine lohenswerte Begegnung sowie eine gelungene Neuproduktion der Staatsoper.

Johann Nepomuk Steiner

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