Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: DER SPIELER

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Fotos: Wiener Staatsoper  / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper:
DER SPIELER von Sergej Prokofjew
Premiere: 4. Oktober 2017

„Roulettenburg“ ist in höherem Sinn real, ist Symbol für alle Städte dieser Art, ob Baden Baden oder Monte Carlo, wo immer die Kugel rollt und die Menschen gierig auf die Spieltische starren. Schnelles Geld, Geld, Geld, darum geht es. Es ist eine wirkliche Welt und eine hochgradig unwirkliche in ihrer Überhitztheit der menschlichen Emotionen – und folglich eignet sie sich sehr gut für musikalische Umsetzung.

Dennoch hat „Der Spieler“, den sich Sergej Prokofjew während des Ersten Weltkriegs nach dem gleichnamigen Dostojewski-Roman auch als Librettist selbst geschrieben hat, seine Probleme – zumal für den Zuschauer, der des Russischen nicht mächtig ist (also die kompakte Majorität). Gewiß, ein Großteil der Figuren stimmt auf Anhieb, ist erkennbar – der General in Wartestellung auf eine Erbschaft, wobei er eine teure Französin umschwärmt, für die er nur mit Geld interessant ist; der Marquis, der dem General Geld geliehen hat und hofft, es durch die Mitgift von dessen Stieftochter Polina gewissermaßen mit Zinseszinsen wieder zu bekommen; die Erb-Oma Babulenka, auf deren Tod alle warten, die in persona erscheint und aus Wut über die gierige Bande mutwillig den größten Teil ihres Vermögens verspielt, so dass von ihr nichts mehr zu erhoffen sind. Das teilt sich theater-logisch mit.

Schwieriger sind die Hauptfiguren: Was geht in Alexej, dem Hauslehrer, vor? Man weiß von Anfang an, dass er spielt, aber wirklich besessen im Spielsaal erlebte man ihn erst am Ende. Anfangs muss man mit ansehen, wie Polina, die im Grunde auch nicht wirklich durchschaubar ist, ihn demütigt und aufhetzt zugleich, um ihn am Ende – als es nur noch um Geld geht – zu benützen und doch wieder wegzustoßen. Das ist psychologisch kaum wirklich aufzulösen, muss einfach in die Geschichte eingebettet werden, um jenes hektische Ganze zu geben, um das sich alles gewissermaßen „dreht“…

Und diese Problematik löst die Inszenierung von Karoline Gruber sehr geschickt, nicht zuletzt mit Hilfe des Bühnenbilds, wobei das große Karussell, das immer da ist, erst im vorletzten Bild, im Spielsaal, wirklich gedreht wird. Vorher fahren nur besinnlich ein paar Spielzeugpferdchen vorbei. Ein kleines Spielzeugkarussell am Bühnenrand verweist darauf, in welch bunter Scheinwelt man sich befindet. Diese hat Bühnenbildner Roy Spahn sparsam, aber stimmig charakterisiert – tatsächlich reichen ein paar vergoldete Dekorelemente, ein paar Fauteuils, wenn nötig, um die Szenerie einer zeitlosen, in sich geschlossenen Welt rund um das Kasino auf die Bühne zu stellen, und manches an den Kostümen (Mechtild Seipel) wirkt sogar mehr gestrig als heutig (die Hauptfiguren ausgenommen, denen haftet keine Historie an).

In solchem Rahmen kann Karoline Gruber einerseits eine surreale Welt schaffen, in der es viel Groteskes, viel Goldflitter (der Reichtum wird durch schwebende Goldplättchen charakterisiert, die faszinierende Wirkung zeigen) und Luftballone gibt, es herrscht fast einen Hauch von Rummelplatz. Dennoch legt sie Wert darauf, dass man die Hauptfiguren (nicht die am Rande der Handlung, die sind auf grotesk-total angelegt) irgendwie noch menschlich nehmen kann… Sie fügt viel Personal ein, Bedienstete, Leibwächter mit Pistolen, (obwohl der Marquis kein Oligarch von heute ist …), immer ist alles in Bewegung, die tiefe Bühne wird in vielen Schichten bespielt, man bekommt etwas zum Schauen. Was angesichts der nicht überdramatischen Handlung hilfreich ist.

Im Rahmen des Glaubhaften bleibt, bei aller Stilisierung, die das Geschehen eine Handbreit über den Boden hebt, auch die „Beleidigungsszene“ (der aufgehetzte Alexej gegen Baron Wurmerhelm) an einer Table Haute im Hotel, desgleichen die hoch beeindruckenden Auftritte der Babulenka. Das Werk und die Inszenierung flippen quasi erst aus, wenn es in den Spielsaal geht und sich das „Ringelspiel“ zu drehen beginnt. Da wird die Regisseurin überdeutlich, was die Entmenschlichung durch Geldgier angeht. Die grotesk verkleidete Masse, die hier herumwankt, halb Tiere, halb Gespenster, ist der Staatsopern-Beitrag zum „Tanz der Vampire“, zumal Alexej, der gewinnt und immer gieriger wird, plötzlich mit weißem Gesicht, roten Augen und Krallentatzen dasteht, vom Menschlichen ganz abgerückt… Dafür schafft es das tragisch-aufgeheizte Schlußduett zwischen Alexej und Polina dann nicht, noch einmal einen Höhepunkt auf das Geschehen zu setzen… und dass der Held seine Geliebte umbringt, ist eigentlich nicht vorgesehen?

Sergej Prokofjew ist kein Tschaikowsky, er taucht die Zuhörer nicht in belcantesk-russischen Wohllaut, er pflegt ein arienloses Parlando, zu dem das Orchester einen Großteil der Charakteristik liefert. Nun kennt man den „Spieler“ nicht besonders genau (arte zeigte einst die Berliner Aufführung, YouTube bietet zwei aus St. Petersburg), aber es scheint, dass Simone Young besonders brillant, detailliert und akzentuiert mit dieser Musik verfährt, die oft schmerzlich hochfährt und die Handlung ohne Unterbrechung vorantreibt.

Die Staatsoper hat vier „Original-Russen“ für die Besetzung, und das ist zweifellos von Vorteil – Dmitry Ulyanov plustert sich als General zu Angeberpose auf, zeigt sich auch gelegentlich komisch, hat eine wirklich große Szene, wenn er begreift, dass die Erbschaft weg ist, und verfügt über den charakteristischen harten Baß, den man bei Russen so oft trifft. Unsere „einheimische“ Russin, Elena Maximova, schwebt als Luxusnutte Blanche in der richtigen Attitüde gepflegter Künstlichkeit und evidenter Herzlosigkeit herum, ihr Mezzo kommt nur in Nebenrollen-Ausmaß zur Geltung.

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Misha Didyk und Elena Guseva  / Linda Watson  

In der Titelrolle gibt Misha Didyk als Alexej das Gehetzte, Unstete der Figur, ein Mensch, von vergeblicher Liebe getrieben, am Ende im Strudel des Spiels ausflippend – all das mit dem typischen Charaktertenor, der hier gefordert ist (und gegen Ende dann schon Ermüdungserscheinungen hören lässt). Die gewisse Schärfe russischer Stimmen ist auch Elena Guseva zu eigen, die als Polina zwischen Gefühlen aller Art zu schwanken hat – ein nicht aufzulösendes Problem des Librettos. An sich wäre sie als schöne Blondine eine Lichtgestalt, aber so ganz kann man ihren Aktionen eben doch nicht folgen.

Zwei Höhepunkte des Abends kommen von Erb-Oma Babulenka – Linda Watson trampelt zuerst als boshafte Groteskfigur herein, wirkt aber noch stärker, wenn sie verarmt aus dem Spielsaal schleicht und die Umwelt ihr im Lauf ihres ganz verinnerlichten zweiten Auftritts noch Pelz, Schmuck, sogar Stiefel vom Leib nimmt… ein schauriges Gleichnis. Stimmlich geht ihr hochdramatischer Sopran fulminant mit der Rolle um.

Unter den Nebenfiguren beeindruckt vor allem Thomas Ebenstein als Marquis, der in diesem Rahmen als „Russe“ durchgehen könnte, so echt und überzeugend wirkt, was er mit durchdringendem Tenor charakterisiert. Mit einer Art Gesichtsmaske (?) gibt Morten Frank Larsen den Mr. Astley, Clemens Unterreiner lässt sich als Potapitsch, der Begleiter der Babulenka, seine Effekte nicht nehmen, Marcus Pelz und Carina Fischer als Baron und Baronin Wurmerhelm werden in kuriosem Preußen-Look herbeigekarrt, Alexandru Moisiuc, Vlaldimir Potansky und Raoni Hübner de Barros sind wohl die Casino-Angestellten (nicht zuletzt am grün-glitzernden Jackett zu erkennen), im Gespensterreigen der Spiel-Gesellschaft schwankt Ileana Tonca als blasse Dame. Im übrigen verzeichnet der Programmzettel viele Protagonisten des Hauses in einer Art von Statistenrollen.

Auch in dieser durchaus spektakulären Aufmachung bleibt der „Spieler“ eine letztendlich spröde Oper, die über manche Strecken einfach der Langweile nicht entgeht. Fürs Repertoire wird man sie nicht gewinnen. Wenn man sie schon spielt, kommt diese Inszenierung allerdings dem Publikum, das sich lange bedankte, sehr entgegen.

Renate Wagner

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