Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: DAPHNE. „Tagtraum einer sexuell unerfüllten Frau“

WIEN / Staatsoper: DAPHNE – „Tagtraum einer sexuell unerfüllten Frau“

1.12. 2017 – Karl Masek

Bildergebnis für wiener staatsoper daphne
Copyright: Wiener Staatsoper / Pöhn

Die auf den griechischen Mythos zurückgehende Handlung der Oper ‚Daphne‘ wird in der aktuellen Produktion (Inszenierung: Nicolas Joel) in das Ambiente der antikisierenden Münchner Villa Stuck verlegt und als eine Art Tagtraum einer sexuell unerfüllten jungen Frau erzählt, so titelt die Wiener Staatsoper in ihrer Online-Plattform zur aktuellen Vorstellungsserie.

‚Daphne‘ ist offenbar immer ein besonders reizvoller Stoff, offensichtlich auch für Opern-Libretti, gewesen.  Die Handlung basiert auf einem der ältesten und besonders oft vertonten Stoffe der gesamten Musikgeschichte. Die erste nachweisbare Oper (Jacopo Peri komponierte sie 1597 in Florenz)  und auch die vermutlich erste deutsche Oper (Heinrich Schütz) verwenden die Sage der Nymphe Daphne, die zum Schutz vor den Nachstellungen Apollos in einen Lorbeerbaum (daphne laurus) verwandelt wird. Die Geschichte aus der griechischen Mythologie wurde u.a. von den Dichtern Ovid und Plutarch überliefert. Oft spricht man von der „Ersten grünen Oper“.

Die 13. (und drittletzte) Oper von Richard Strauss hatte eine eher turbulente Entstehungsgeschichte durch die wenig harmonische Zusammenarbeit mit dem vom Komponisten  wenig geschätzten Textdichter Joseph Gregor. Er war eben kein Hugo von Hofmannsthal und kein Stefan Zweig, sondern eher das, was man heute „Theaterdramaturg“ nennt. Nach drei Textversionen entschied sich Strauss endlich für die letzte, nicht ohne selbst beim Text noch Hand anzulegen. Was den scharfzüngigen Kritiker des ‚Standard‘, Peter Vujica, nicht daran hinderte, das Libretto 2004, damals  bei der Premiere dieser Inszenierung, als „urfad“ zu bezeichnen, in dem der alte Richard Strauss mit „umständlicher, klischeehafter kompositorischer Betulichkeit“ unterwegs war …

Nun gut. Als prononcierter Bildungsbürger mit ausgeprägter Schwärmerei für die Antike und deren Mythologie lag für Strauss nach ‚Ariadne auf Naxos‘ und ‚Die ägyptische Helena‘ gerade im sich ausbreitenden Nationalsozialismus Deutschlands nach 1933 die Wahl eines weiteren antiken Stoffes nahe. Als ein Schritt in die „Innere Emigration“ vor den bedrohlichen, immer brutaler auftretenden – und als abgründig ungebildet, ja ordinär, empfundenen – Nazis. In die eigene Phantasiewelt einer „Bukolischen Tragödie“…

Und die eigene Phantasiewelt (die Tagträume) der ‚Daphne‘, anfangs auf einer Art Freud-Couch, von einem Fauteuil aus beobachtet von Apollo (warum der „Lichtgott“ ausgerechnet in Schwarz gehüllt ist?)  Samt Rahmenhandlung des Nicolas Joel im metaphernreichen Bühnenraum des Pet Halmen dieser Inszenierung (mit Premiere: 13.6. 2004). Der griechische Salon der Villa („Antikisierendes“, Fin de siècle, bissel Jugendstil) mutiert zum „Theater auf dem Theater“.

„Kompositorische Betulichkeit“? Viel eher eine gekonnte kompositorische Spätlese des Altmeisters, der bei der Entstehungszeit der ‚Daphne‘ bereits über 70 war. Ja, ein Reifestil, der musikalische Lebenserfahrungen zusammenfasst, der sich darüber hinaus an etlichen Stellen zu inspirierten Höhenflügen aufschwingt und eindrucksvoll zeigt, was er an Melodienreichtum und Instrumentationskunst und schier abgeklärter Schönheit immer noch drauf hat. Und wie er mit seiner Klangpracht so manch papierenen Reim vergessen lässt.

Oft haben Zeitzeugen bestätigt, der „Richardl“ habe zwischen den Skatpartien AUCH komponiert – und nicht zwischen der Kompositionsarbeit AUCH Skat gespielt. Unfassbar, was da im Fall von ‚Daphne‘ entstanden ist von einem, dem man immer wieder nachgesagt hat, er habe nebst genialen Stellen dazwischen routinierte, nicht immer inspirierte „Meterware“ produziert …

Nun also die „21. Aufführung dieser Inszenierung“: Mit erlesener Ästhetik ausgestattet, vom aquamarinblauen, elegant geschwungenen Vorhang bis zu den geschmackvollen Kostümen schon einmal schön zum Anschauen. Vor allem aber musikalisch in einer Konstellation, wie man sie sicher nicht oft geboten bekommt.

Ein Hausdebüt, fünf Rollendebüts bei dieser Wiederaufnahme seit ziemlich genau sechs Jahren. Das Orchester der Wiener Staatsoper, das an Abenden wie diesem die legendäre „Wunderharfen-Qualtiät“ der Dresdner Staatskapelle (für Strauss) locker erreicht, wenn nicht gar überbietet. Die Dirigentin Simone Young, die auch anlässlich der „Strauss-Tage“ besondere Kompetenz, eminenten Klangsinn beweist, bekanntermaßen gerne dem Klangrausch huldigt – mitunter die Zügel schießen lassend.

Drei Sänger überboten einander an Stimmglanz, kraftvollem Impetus und bravouröser Bewältigung auch der schwierigsten Stellen:

Andreas Schager wurde bei seinem Hausdebüt als ‚Apollo‘ umjubelt  Er bewältigte die lange Zeit als unsingbar geltende Rolle (spätestens der unvergessliche Johan Botha belehrte uns bei 20 gesungenen Apollos eines besseren!) glorios. Staunenswerte Kraftreserven von eherner Wucht, hinreißender Höhenglanz, ein tenoraler Draufgänger, der gleichwohl auch die nötigen weichen Mezzavoce-Töne hatte. Die vielen vertrackten Hochtöne („Aufwärts geht’s mit schlagenden Hufen … Was seh ich: Himmlische Schönheit…“) meisterte er ohne erkennbare Anstrengung, ohne den Eindruck, da ginge es an eine Grenze. Ein Sänger, der singt, als gäb’s kein Morgen. Im derzeitigen Stadium seiner Karriere klingt seine Stimme urgesund. Dennoch hörte man mit leiser Sorge von Parforce-Ritten des unerschrockenen Sängers, scheinbar ohne Nerven ausgestattet. Am unmittelbar folgenden Tag kommt an der Berliner Oper in der Bismarckstraße ‚Tannhäuser‘(!), dann zurück nach Wien für zwei weitere ‚Apollos‘. An sieben Tagen vier Abende mit „Mörderrollen“! Man hofft, dass da die Stimme nicht mittelfristig Schaden nimmt. Im Moment überwiegen Glück und Freude, den Österreicher Schager im Haus am Ring zu haben.

Benjamin Bruns als ‚Leukippos‘ ließ sich da ebenfalls nicht lumpen. Der Edelstilist hat vor Jahren (er ist seit 2010 Ensemblemitglied und wird es hoffentlich auch künftig bleiben!) mit Händel und Mozart begonnen. Feingliedrig, eher zartstimmig. Er hat eine unerhörte Stimmentwicklung genommen, an Kraft und Höhenpotenz zugelegt, ohne die Stimmfarben für Mozart einzubüßen. Er „matchte“ sich mit Schager, dass es eine Freude war. Seine vielleicht beste Leistung bisher im Haus am Ring. Auch er wurde beim Rollendebüt gefeiert.

Regina Hangler (die Oberösterreicherin) durfte nach internationalen Erfolgen in eben dieser Rolle (mit Franz Welser-Möst) die Titelrolle nun erstmals in Wien verkörpern. Sie sang die ätherische Rolle (sieht man von ein paar am Anfang noch steif angesetzten Tönen ab, aber das war wohl einer gewissen Premieren-Aufregung geschuldet) mit unschuldig-keuschem Ausdruck ihrer instrumental eingesetzten Stimme, der staunen machte. Zumal Hangler dann anderseits ungeahnte Kraftreserven entwickelte und auch über die stürmischsten Orchesterwogen drüberkam. Die langsame Verwandlung in eine Säule spielte sie mit großer Intensität. Verdiente Ovation für das junge Ensemblemitglied!

Kein Schwachpunkt bei den anderen Rollen. Dan Paul Dumitrescu mit weichem, noblem Bass beim ersten ‚Peneios‘, Janina Baechle eine ‚Gaea‘, die sogar die tiefsten aller „Kellertöne“ hörbar machte. Präzise und homogen die vier Schäfer (Gabriel Bermúdez (RD, Wolfram Igor Derntl, Jens Musger und Hans Peter Kammerer) und die beiden hervorragenden Mägde Ileana Tonca und Margaret Plummer, RD).

Der Chor der Wiener Staatsoper und die Eleven der Ballettakademie der Wiener Staatsoper machten ihre Sache gut.

Beste Stimmung im beifallsfreudigen Publikum. Fast volles Haus.

Karl Masek

PS: Die weiteren beiden Aufführungen dieser Saison: 4./7.12. 2017

 

 

 

 

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