Der Neue Merker

Wien / Staatsoper: DAPHNE

Daphne_277991 x
Foto: Wiener Staatsoper

WIEN / Staatsoper:
DAPHNE von Richard Strauss
22.Aufführung in dieser Inszenierung
4.
Dezember 2017

Man versteht schon, warum manche Werke von Richard Strauss es beim Publikum leicht haben – „Rosenkavalier“ und „Arabella“, „Ariadne“ (zumindest das Vorspiel) und „Capriccio“, auch „Salome“ und „Elektra“: Da geht es um echte, nachvollziehbare Menschen, um glaubhafte Situationen, und was sie sagen (singen), kann man auch verstehen, sprich: begreifen.

Bei der „Daphne“ ist das nicht so. Da hat Librettist Joseph Gregor ganz offensichtlich die Ambition gezeigt, sich noch unverständlicher auszudrücken als Hofmannsthal in der „Frau ohne Schatten“. Man hätte die Geschichte einer jungen Frau zwischen zwei Männern (und wenn der eine nur ein Hirte ist, der andere Gott Apollo persönlich, kann man sich vorstellen, dass die Karten ungleich verteilt sind) durchaus verständlicher machen können als dermaßen am Mythenbaum der Griechen zu rütteln… Irgendwann gibt man auch das Mitlesen auf (die Sänger versteht man ohnedies nur partiell), weil einfach zu abstrus ist, was da so gesungen wird.

Man weiß, wie Strauss sich gerettet hat – er komponierte darauf los, im wunderbaren symphonischen Furor, und wahrscheinlich könnte man die „Daphne“ als gut eineinhalbstündige Sinfonische Dichtung ohne Gesang auch genießen. Dieser schwebt gewissermaßen über und neben der Musik. Immerhin hat er auch seine enormen Stärken – die Tenöre zum Beispiel. Gleich zwei, einer, der sehr gefordert wird, und einer, der volles Wagner-Kaliber mitbringen muss. Bei Strauss, der sein Schönstes immer in Frauenkehlen legte, eine Seltenheit… Alles in allem: musikalisch eine wunderschöne Oper. Man freut sich, wenn man sie hört, es passiert ja selten genug.

Uralt-Opernfreunde werden sich noch erinnern, wie Hilde Güden 1965 in der Version von Rudolf Hartmann / Karl Böhm in Goldregen getaucht wurde. Derzeit leben wir noch immer mit der Aufführung, die Regisseur Nicolas Joel 2004 geschaffen hat, ein bisschen im „Ariadne“-Stil als Theater auf dem Theater. Die eigentlich „bukolische“ Schäferin Daphne liegt hier als geschminkte Fin-de-Siècle-Dame auf einem Sofa, der Gatte hat ihr alles ganz „griechisch“ eingerichtet, die Umwelt spielt mit. Das heißt, der Papa trägt Frack, die Mama hat sich hingegen antik verkleidet, die Mägde sind im Stubenmädchen-Look von anno dazumal. und zumindest einer der „Schäfer“ trägt Livree… kurz, eine Mix-Welt, gegen die nichts einzuwenden ist, unverfälschtes altes Griechenland konnte man ja schon 2004 nicht mehr auf die Bühne bringen.

01_Daphne__HANGLER

So wird Daphnes Geschichte ein bisschen zum Traumspiel der jungen Frau, was zur krud-verwirrenden Handlung passt, und wenn sie am Ende in einen goldenen Baum eingeschlossen ist – na, das ist der goldene Käfig, und Sigmund Freud hatte zur seelischen Situation dieser Damen (und zu ihren Wunschträumen) einiges zu sagen. Kurz, diese „Daphne“ funktioniert als Aufführung, auch mit ihren starken Schminkmasken und mit dem drolligen „Ballett“ roter Teufelchen (Renato Zanella), die aus einer dann riesig im Hintergrund drohenden tragischen Theatermaske der Griechen herausspringen… (Ausstattung: Pet Halmen)

Gut, dass es Richard-Strauss-Tage gibt, um so ein Werk hervorzuholen, aber man hat es vernünftigerweise nur getan, weil man die richtige Besetzung dafür hatte. Und da muss man Andreas Schager zuerst nennen, der nun schon ein paar Jahre als wahres Tenorphänomen durch die deutschen Lande zieht und endlich auch in seiner Heimat debutieren durfte. Seine Stimme ist in ihrer offensichtlichen Unerschöpflichkeit und in des Sängers Bereitschaft, sie zu verschwenden, derzeit wahrscheinlich unikat – für einen solchen Krafttenor sind „Wälse“-Rufe geschrieben worden und auch der Strauss’sche Apollo (sein Wiener Vorgänger war immerhin Johan Botha, unvergeßlichen Angedenkens). Schager besitzt zu einer soliden Mittellage eine Stimme, die immer kraftvoller und strahlender wird, je höher sie klettert, und das ganz ohne Gebrüll oder Disziplinlosigkeit. Als Darsteller kann er in dieser Rolle wenig zeigen, Apollo steht wirklich nur herum – und das meist noch mit einer das Gesicht fast verdeckenden Maske. Aber der göttliche Donner, den er in höchsten Tenorhöhen erzeugt, der elektrisiert wirklich.

04_Daphne_SCHAGER_Apoll~1  08_Daphne_1_BRUNS Leukippis~1

Leukippos ist „nur“ der Hirte und der zweite Tenor im Geschehen, was nicht bedeutet, dass er nicht mit einem „ersten“ Sänger besetzt werden muss: Benjamin Bruns nimmt es mit dem Kollegen wacker auf, und es ist bemerkenswert, wie der schmale junge Mann, als der er mit der neuen Direktion einst gekommen ist (und hinreißend Rossini sang), „zugelegt“ hat, an Stimmkraft und heldischem Glanz (und ein bisschen an Umfang, der ja auch dazu gehört).

Neben diesem Tenor-Wettbewerb mag die Titelrollensängerin Gefahr laufen, ein wenig in den Hintergrund zu treten, aber Regine Hangler (der die weiße Schminke und das raffinierte Kleid gut stehen) hat eine echte Strauss-Stimme. Sie brauchte ganz kurz, um sich einzusingen, und war dann voll sowohl in den technischen Schwierigkeiten wie in den stimmlichen Farben und Nuancen der Rolle (und da hat Strauss seiner Interpretin wieder einmal etwas abverlangt!). Schade nur, dass sie nicht ganz durchhielt – am Ende, bei der Verwandlung in einen Baum, müsste die große, strahlende Stimme ganz schmal und lyrisch werden… statt dessen hat sie eher gebröckelt. Dennoch, das ist eine Leistung, die diese Sängerin an der Wiener Staatsoper zweifellos ein gewaltiges Stück weiter gebracht hat.

Dan Paul Dumitrescu und Janina Baechle waren als Papa und Mama (im Original Peneios und Gaea, hier wohl eher als Herr und Frau Neureich) für die dunklen Töne zuständig, was sie verlässlich taten, es gab zwei flotte Dienstmädchen (im Original Mägde) in Gestalt von Ileana Tonca und Margaret Plummer und noch einige Schäfer / Diener. Besetzungsmäßig eine runde, gelungene Sache.

Simone Young stand am Pult und hatte eigentlich, wie ausgeführt, eine große Strauss’sche Sinfonische Dichtung zu dirigieren. So was spielen die Wiener Philharmoniker, wie man weiß, wunderbar schwelgerisch. Ein Abend, um in Musik zu baden. Wenn bloß der Text nicht so ausgesucht albern wäre. Wie gut, dass man ihn ohnedies kaum versteht.

Renate Wagner

Diese Seite drucken