Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: CHOWANSCHTSCHINA – Ein ewiges Auf und Ab

WIENER STAATSOPER: „CHOWANSCHTSCHINA“ – Ein ewiges Auf und Ab

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Ferruccio Furlanetto. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Nachdem sich das Publikum durch das mäßig hübsche Baugerüst im Foyer auf seine Plätze begeben hat, wird es dann vier Stunden lang optisch mit einem ähnlichen Gerüst auf der Bühne beglückt. Auch wenn dieses Gerüst mit seinen vielen Aufzügen viel in Bewegung ist, ermüdet es den Zuschauer schon nach kurzer Zeit. Dem spröden Werk Mussorgskys wird damit kein Gefallen getan. Während im Jahre 1682 in Frankreich der Sonnenkönig getrost feststellen konnte „L’état c’est moi“ und sein neu erbautes Versailles genießen konnte, war die Machtverteilung in Moskau total ungeklärt. Fjodor III. war gestorben und da er keinen Sohn hatte, wurden die beiden Halbbrüder Ivan und Peter gemeinsam zum Zaren gekrönt, aber ihre Schwester Sofia zur Regentin. Diese schwache Regierung musste sich auf verschiedene Allianzen stützen und so gelangte Fürst Ivan Chowanski als Anführer einer marodierenden Schützentruppe zu großem Einfluss und träumte davon, selbst Zar zu werden. Einer seiner Gegenspieler ist der Fürst Golizyn, der sich als Liebhaber der Regentin auch in einer guten Ausgangsposition sieht. Als wären diese internen Kämpfe nicht genug, kommt auch noch ein Religionskrieg dazu, in dem Dossifei als Anführer der Raskolniki die Reformen des Patriarchen Nikon ablehnen, sich schließlich aber, nachdem sie ihre Sache verloren sehen, zur kollektiven Selbstverbrennung entschließen. Irgendwelche sinnvolle Interaktionen zwischen den Kontrahenden sind aber bei diesem Bühnenbild kaum möglich, da beispielsweise bei der zentralen Aussprache der drei wesentlichen Akteure im zweiten Akt jeder in einem eigenen Stockwerk steht und sich wie ein Seekranker über die Reeling beugen muss, um mit den anderen überhaupt Blickkontakt zu haben. Bei dieser, jede Spannung vermeidenden Realisierung ist es nicht verwunderlich, dass das ohnedies nicht überfüllte Auditorium nach jeder der beiden Pausen dünner besiedelt war.

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Andrzej Dobber, Thomas Ebenstein. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das Werk hat als Gattungsbezeichnung musikalisches Volksdrama und somit gebührt dem Chor der Staatsoper und dem Slowakischen Philharmonischen Chor die Palme unter den Akteuren. In beeindruckender Intensität geben sie dem Volk, das all die Ränke der Oberen auszubaden hat, ihre Stimme. Die Solisten sind weitestgehend die gleichen wie bei der Premiere vor drei Jahren. Feruccio Furlanetto gibt einen eindrucksvollen Kowanski, der aber schon Beginn mehr resignativ als machtbewusst wirkt. Als sein gegen Ende doch geläuterter Sohn kann Christopher Ventris punkten. Einen sehr ausgeruhten Eindruck machte Herbert Lippert als Golizyn. Ain Anger hat einen voluminösen, dunklen Bass, er sollte dies aber im letzten Akt nicht mit allzu viel Druck präsentieren. Andrzej Dobber gelingt die große Szene im dritten Akt, in der er sich um Russland sorgt, ganz hervorragend. Elena Maximova steigert sich im Laufe des Abends. Beim Orakel hat sie mit der tiefen Lage noch einige Probleme, aber vor allem die letzte Szene gelingt wunderbar lyrisch. Lydia Rathkolb ist wieder die „keusche“ Susanne und Caroline Wenborne die Deutsche Emma. Ein sehr gutes Rollendebut als Schreiber lieferte Thomas Ebenstein, der die Partie nicht mit einem scharfen Charaktertenor, sondern mit schöner Stimme sang. Auch Carlos Osuna als Kuska gelang ein gutes Debut.

Am Pult stand erstmals Michael Güttler. Ob ihm die geringe Dramatik anzulasten ist oder ob nicht doch die einschläfernde Regie daran Schuld hat ?

Wolfgang Habermann

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