Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: CHOWANSCHTSCHINA. Letzte Aufführung der aktuellen Serie

WIEN/Staatsoper: CHOWANSCHTSCHINA – Letzte Aufführung der aktuellen Serie

am 17.9. 2017 – Karl Masek

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Ain Anger, Elena Maximova. Copyright: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

„Chowanschtschina“ handelt von den Geschichten um die Revolte der Chowanskis und das Machtvakuum im Russland von etwa 1682 bis 1689, von der Thronbesteigung bis zum definitiven Machtantritt des Zaren Peter des Großen. Machtkämpfe sonder Zahl zwischen den verschiedensten Gruppierungen und Ideologien, die auf dem Rücken des leidgeprüften russischen Volkes ausgetragen wurden, zeigt Modest Mussorgski sowohl in seiner eindringlichen Musik als auch im Libretto, das er im Gegensatz zu ‚Boris Godunow‘ selbst erstellte. Wobei die slawische Endung von Familiennamen mit „-tschina“ immer etwas zutiefst Gefährliches und Negatives bedeutet. Despotentum, Verfolgung, Unterdrückung, Korruption. Im Falle von ‚Chowanschtschina‘ könnte man, frei übersetzt, auch von den „Chowanski-Schweinereien“ sprechen. Die innerrussischen Konfliktherde von damals: Erschreckend, auch heute Parallelen zu entdecken: Sich am Westen zu orientieren oder auf die „Kraft des alten Russland“ bauen? „Sicherheit“ in ultrakonservativ Bewahrendem und in in religiösem Fundamentalismus suchen? Ob Fürst Chowanski und seine mordenden und brandschatzenden Strelitzen, ob der westlich orientierte Fürst Golyzin (aber auch er ein eitler, brutaler Despot!), ob der Günstling der Zarin Sophia, Schaklowity (Intrigen befeuernd, Denunziationen erzwingend, dann wieder der Patriot, der sich Sorgen um „sein“ Russland macht), ob der fanatische Sektierer Dossifei: Ihnen allen geht es um Machterhalt und Machtgewinnung, sicher nicht um das Wohl des Volkes.

Mussorgski bezeichnete sein Werk als ‚Musikalisches Volksdrama‘ – und in der Tat: Protagonist in ‚Chowanschtschina‘ ist der Chor. Mussorgski schrieb einmal an seinen Malerfreund Ilja Repin: „Das Volk möchte ich darstellen: Schlafe ich, so träume ich davon: esse ich, so denke ich daran: trinke ich, so erscheint es vor meinen Augen. Das Volk allein ist unverfälscht, groß und ohne Tünche oder Flitter.“ Und weit seiner Zeit voraus war der legendäre russische Bassist Fjodor Schaljapin in seinem Urteil über das Werk Mussorgskis: „Das ist ein Realismus besonderer Art, wie wir ihn von jenen russischen Bauern kennen, die aus rohen Balken … eine Kirche bauen, deren kunstvolle Ornamentik selbst die beste Intarsienarbeit übertrifft.“

 Der Chor der Wiener Staatsoper und der Slowakische Philharmonische Chor (Perfekte Einstudierung: Thomas Lang und Jozef Chabroň)wurden am Ende der Aufführung  besonders akklamiert. Für mehr als vier macht- und prachtvolle, eindringliche und packende vokale Sternstunden. Die Chöre machten einen Opernabend wertvoll, den eine statische, langweilige  Inszenierung und ein enervierendes Einheits-Bühnenbild-Gerüst, das Interaktion verunmöglicht, über Gebühr lang erscheinen ließ (Regie: Lev Dodin, Ausstattung: Alexander Borovskiy, Choreographie: Yuri Vasilko, Bewegungsregie: Yuri Kamutianskiy – der bewegte wohl eher die Lifte als die Menschen auf der Bühne -). Nur zwei Sätze noch zu der schon vom Premierenpublikum heftig abgelehnten Regie: Man hofft inständig, nun ist es mit Gerüst- Inszenierungen, Paternostern und Aufzug-Hin-und-Her-Gefahre bis auf Weiteres vorbei! Man hat sich nach ‚Elektra‘, Glucks ‚Armide‘ und  mit ‚Chowanschtschina‘ gründlich satt gesehen an dieser Dauermetapher mehrerer Inszenatoren(‚Gewöhnlich gut informierte Kreise‘ sprechen schon davon, dass die alte Kupfer-Inszenierung der ‚Elektra‘ ausgegraben werden soll, und vielleicht ist die alte, eindringliche Chowanschtschina aus der Ära Drese  doch noch nicht skartiert) …

Hat Claudio Abbado bei der Inszenierung von1989 noch eine musikalische Mischfassung aus Schostakowitsch-Bearbeitung, Mussorgski-Original und dem Finale von Strawinsky gewählt, geht man jetzt zur  Schostakowitsch-Fassung zurück. Michael Güttler übernimmt diese Fassung bei den Reprisen der aktuellen Serie. Schostakowitsch erweist sich dabei einmal mehr als Instrumentationsgenie. Das Orchester der Wiener Staatsoper zaubert vielschichtige, oftmals geradezu mystische  Klänge im Graben, begleitet die Sänger hochsensibel.

Die Sängerleistungen waren bis hin zu kleinsten Nebenrollen sehr gut bis ausgezeichnet.

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Ferruccio Furlanetto. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ferruccio Furlanetto ist als Iwan Chowanski auch im Herbst seiner Karriere von bemerkenswerter   Stimmschönheit und Kraft.

Christopher Ventris gibt dem Andrei Chowanski kraftvoll-männliche Statur und singt mit heldentenoralem Nachdruck.

Herbert Lippert  als eitel-arroganter, dabei abergläubisch –  ängstlicher Golizyn war ausgezeichnet bei Stimme mit besonderer Steigerung beim Streitgespräch mit Chowanski und Dossifei im 2. Aufzug (!). Bombensicher die trompetigen Höhen, bemerkenswert bei ihm auch das idiomatisch gut klingende Russisch.

Der zwielichtige Schaklowity lag Andrzej Dobber ideal in der Kehle. Sein Klagegesang über sein armes, unglückliches Russland berührte tief.

Überragend (und mit besonders viel Jubel bedacht!) Ain Anger als Dossifei. Hier hatte man aus der  Alfred Kirchner/Erich Wonder-Inszenierung Paata Burchuladse unverlierbar im Ohr. Anger sang ihn ebenfalls mit prachtvollem Timbre, noblen, dunklen Bassfarben und einer staunenswerten dynamischen Bandbreite von hochdramatischer Kraft bis zu geradezu zärtlichen Piani reichend.

Elena Maximova war eine edel timbrierte, schlankstimmige , sinnlich-junge Marfa, die auch in der Zukunftsweissagung für Golizyn die ganz tiefen Alttöne erreicht – sensibel unterstützt vom Dirigent mit rücksichtsvollem Pianissimo.

Lydia Rathkolb: in der bösen Sektiererinnenrolle Susanna ist sie furchterregend prägnant.

Caroline Wenborne, schon mehrfach zu Bayreuth-Ehren gekommen, am Haus meist bloß in Wurzenrollen eingesetzt, stattete die lutherdeutsche Emma mit hochdramatischen Tönen aus, sollte doch wieder vermehrt Chancen in größeren Partien erhalten.

Famos bis in schwindelerregende Hochtöne Thomas Ebenstein als pfiffig-ängstlicher Schreiber, der immer besser in das „Zednik-Fach“ hineinwächst. Alle anderen seien diesmal mit einem Pauschallob bedacht.

Mit Bedauern nahm ich den doch beträchtlichen Exodus der Zuschauer in der 2. Pause zur Kenntnis. Im Stehparterre war zum Schluss kaum mehr als eine Handvoll Menschen anwesend!

Verdienter Applaus und Bravi für die Chöre (s.o.), Michael Güttler und das Orchester und in leichter dynamischer Abstufung für Anger, Furlanetto, Ventris, Lippert, Maximova , Ebenstein und Dobber.

Karl Masek

 

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