Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS – Frischer Wind aus der Ägäis

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Lise Davidsen (Ariadne). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

23.11.2017: „ARIADNE AUF NAXOS“ –  Frischer Wind aus der Ägäis

Diese Produktion aus dem Jahr 2012 gehört zu den geglückten Neuinszenierungen der Ära Dominique Meyer.  Sven-Eric Bechtolf (Regie) und Rolf Gllittenberg (Bühne) haben mit 2 Schauplätzen aus dem Palais des reichsten Mannes von Wien –  einem Allzwecksalon für das Vorspiel und steil ansteigende Treppen für die fürstlichen Besucher der Operndarbietung und viel Spielraum davor –  musikfreundlich inszeniert, weil die Singstimmen durch die rückwärtige Raumbegrenzung nach vorne projiziert werden. Die weder der mythischen Vorzeit noch dem späten 17. Jh (Vorspiel)  oder der Entstehungszeit des  Werkes (vor 1916) zuzuordnenden Kostüme von Marianne Glittenberg sind originell, witzig und bunt und bringen demnach Farbe auf die Szene.  Nur Ariadne trägt, ihrer Trauer gemäß, ein schwarzes Kleid. Dadurch dass die Personen des Vorspiels, vor allem der Komponist, der sich am Ende mit Zerbinetta liiert,  auch im Opernteil auf der Bühne bleiben, wird die Zusammengehörigkeit der beiden Teile unterstrichen.

Dem brillanten Premierendirigat von Franz Welser-Möst folgte im Oktober 2014 eine lockerere, humorvollere und emotionalere Lesart durch Christian Thielemann. Nun hat Peter Schneider (statt des verstorbenen Jeffrey Tate) die musikalische Leitung des Werkes übernommen, das er seit 1998 in Wien nicht mehr dirigiert hatte – im Gegensatz  zu seinen Vorgängern ohne Orchesterproben.  Lustbetont, mit sichtlichem Amusement, von den Musikern entsprechend gekontert, ging er das Vorspiel an, ließ den Sängern für eine prägnante Textgestaltung viel Raum, den Instrumentalisten für diverse delikate Details, und geleitete den jungen Komponisten mit viel Schwung von einem Gefühlsausbruch zum nächsten. Nach der Pause hörte man aus der leidvollen Ariadne-Musik sehr wohl heraus, dass Ariadne da doch ein wenig Theater spielt – also lockere Begleitung angesagt ist. Wunderschön und gar nicht langatmig gerieten vom Orchester her die Lyrismen, quicklebendig die Aktionen der 4 Komödianten (auf Rollern Ariadnes Lager umkreisend), und als Krönung des Abends die so gar nicht cvon hohlem Pathos gettragene, sondern nach echter emotionaler Erfüllung klingende finale Vereinigung von Ariadne mit dem Gott Bacchus. Liebevoll folgten die Musiker der ganz selbstverständlich anmutenden Zeichengebung des Maestro.

Eine neue Titelheldin ließ mehr als nur aufhorchen. Dominiqe Meyer hatte die junge Dänin Lise  Davidsen bei einem Sängerwettbewerb entdeckt und ihre noch junge Karriere zu fördern beschlossen. Da ist eine echte nordische Hochdramatische im Kommen, die auch von der Statur her diesem Fach entspricht. Ein enormes Stimmvolumen, das in allen Lagen trägt, ein angenehmes Timbre bis in die topsichere Höhe, vieler vokaler Nuancen fähig, ermöglichte der Sängerin, aus der verlassenen, todessehnsüchtigen Prinzessin eine eindrucksvolle Heroine zu machen. In ihrer Mimik und Gestik im Vorspiel war auch ein Spieltalent zu erkennen, das in der Oper dann aber wenig Entfaltungsmöglichkeit hat. Aber sobald sich der vermeintliche Todesbote näherte, mit der Bombenstimme und in der imposanten Gestalt von Stephen Gould, da war das göttliche Paar perfekt. Für Gould war es natürlich kein Wiener Rollendebut, aber nach längerer Absenz in dieser Rolle glaubte man feststellen zu dürfen, dass sein Stimmvolumen womöglich immer noch wächst. Und dass er keinen forcierten Ton zu produzieren braucht, um den göttlichen Ansprüchen zu genügen, bleibt eine erfreuliche Tatsache. Noch dazu ist seine Tenorstimme wirklich schön, rund und voll – eine  Ausnahmeerscheinung in jeder Hinsicht. Sein sensibles Spiel macht die Freude komplett.

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Stephen Gould. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Aber auch auf sozial etwas tieferer Ebene gab es gutes Neues und Wohlbekanntes zu hören. Markus Eiche ist einer der vortrefflichsten Musiklehrer, die wir kennen lernen durften. Mit einer gesunden, im allerbesten Reifestadium angelangten Stimme und der diesem Sänger immer schon eigenen deklamatorischen Präsenz konnte er  seine Bühnenpartner ebenso wie uns Zuhörern die Anliegen des Strauss-Alter-Egos trefflich vermitteln. Noch dazu auf liebevolle Art. Mit viel Leidenschaft und glaubwürdiger physischer Präsenz in der Hosenrolle warf sich Rachel Frenkel erstmals in die Rolle des Komponisten. Aus meiner Position in einer bühnennahen Loge reichte ihre Stimmkraft durchaus für die passionierten Bekenntnisse der Hofmannsthal-Straussischen Figur, zu deren Credo „Musik ist eine heilige Kunst“ gehört. Entfernter sitzende Stammbesucher fanden ihren Gesang forciert und unschön. Sicher wird sich das verdiente Ensemblemitglied überlegen müssen, ob sie die Partie beibehalten möchte.

Als für die erkrankte Daniela Fally einspringende Zerbinetta gab es ein Wiedersehen bzw. -hören mit der Premieren-Gilda aus dem Jahr 2014, Erin Morley. Die bezaubernd aussehende und spielende junge Amerikanerin bewältigte die Bravourrolle anstandslos, mit wohlklingendem, schön abgerundetem Sopran. Der Sonderapplaus für die „Großmächtige Prinzessin“ samt virtuosem Folge-Solo war verdient! Ein interessantes und wohltönendes Nymphen-Trio stellten Maria Nazarova, Ulrike Helzel und Olga Bezsmertna, schon von der unterschiedlichen Körpergröße her, auf die Bühne. Sehr lebendig auch Manuel Walser als Herlekin, Peter Jelosits als Scaramuccio, Ryan Speedo Green (Rollendebut) als Truffaldino und Pavel Kolgatin als Brighella.

Groß und schlank, passt Thomas Ebenstsein, auch von der vokalen Flexibiliät her, sehr gut für den Tanzmeister. Dem opportunistischen Lakai verleiht der gewandte Marcus Pelz stimmlich und darstellerisch ein ganz persönliches Flair. Als Perückenmacher ist Wolfram Igor Derntl auch tenoral voll präsent. Daniel Lökös amtiert gekonnt als Polizist.
Bleibt als Erstauftretender, last but not least, der Herr – denn als solchen spielt er ihn – Haushofmeister von Peter Matić zu loben. Seine wohlklingende und markante Sprechstimme  und das Quäntchen Selbstironie, das er in die Rollengestaltung einbringt, sichert dem arroganten Höfling nicht nur die Autorität, sondern auch die Sympathien des Publikums. Einer, der selber weiß: „Wir alle spielen Theater, und wer es weiß, ist klug“ kann nur amüsant sein.

Das war der ganze Abend!

Sieglinde Pfabigan

 

 

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