Der Neue Merker

WIEN/ Staatsoper: ARABELLA – zweite Vorstellung der Serie

Chen Reiss mit Benjamin Bruns

Chen Reiss mit Benjamin Bruns. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: „ARABELLA“ am 18.12.2017

Leider hat uns am Ende der großartigen Strauss-Tage doch noch das Mittelmaß eingeholt, und das hat absolut nichts mit den durchwegs sehr guten Sängerinnen und Sängern zu tun. Nach den beglückenden Interpretationen der „Salome“ und der „Ariadne auf Naxos“ durch Peter Schneider überraschte Simone Young mit einem einfühlsamen „Daphne“-Dirigat. Bei Ingo Metzmacher und Adam Fischer waren „Elektra“ und „Der Rosenkavalier“ in besten Händen. Eine tolle Interpretation der Ballettmusiken „Verklungene Feste“ und ganz besonders der „Josephslegende“ erlebten wir von Gerritt Prießnitz, einem kompetenten Kapellmeister, den wir in erster Linie aus der Volksoper kennen. Er erzielte mit dem wunderbaren Staatsopernorchester den strahlenden Glanz und die Leidenschaft, die den Wiener Strauss-Klang ausmacht.

Sehr wenig war davon bei der zweiten Vorstellung der Arabella zu hören und zu spüren. Glücklicherweise sind die Wiener Philharmoniker nicht imstande, wirklich schlecht zu spielen; Begeisterung wurde an diesem Abend aber nicht ausgelöst und wir wurden an das Zitat der Feldmarschallin bzw an das Motto von Peter Schneider erinnert: „Und in dem WIE, da liegt der ganze Unterschied“. Die Interpretation des  jungen, deutschen Dirigenten Patrick Lange war an diesem Abend noch nicht auf  dem gewohnten Level der Strauss-Tage.

In der Besetzung erlebten wir eine gelungene Mischung von Rollendebutanten und bewährten Kräften. In der Titelpartie feierte die Münchnerin Anna Gabler ein gelungenes Hausdebut. In der zweiten Vorstellung waren die kleinen Unzulänglichkeiten des ersten Abends überwunden und wir hörten und sahen eine echte, junge Adelige mit einem breiten Gefühlsspektrum, das mit schöner, klarer, technisch guter und ausreichend großer Stimme überzeugend vermittelt wurde. Das Duett mit ihrer Schwester Zdenka wurde dank der perfekten Harmonie mit dem glockenhellen Sopran von Chen Reiss zum emotionalen Höhepunkt des Abends. Auch der Wechsel zwischen Zdenko und Zdenka gelangen der jungen, israelischen Sopranistin natürlich und schön.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Kurt Rydl in dieser Serie erstmals den Graf Waldner dargestellt hat. Sein Potential für die Darstellung der miesen Charaktere scheint unermesslich und er zelebriert den spielsüchtigen, rücksichtslosen Ungustl als Steigerung des Ochs, der das Wohl und Wehe der Familie gnadenlos seiner Charakterlosigkeit opfert. Das „Teschek, bedien dich!“ wird als Symbol der exzessiven Gier ausgelebt. Kurt Rydl scheint diese Typen zu lieben und spielt sie mit unbändiger Leidenschaft – dass sein mächtiger Bass bereits deutliche Abnützungserscheinungen aufweist, kann aufgrund des riesigen Arbeitspensums nicht verwundern.

Seine Gattin Adelaide ist ein eleganter Gegenpart zum grob poltertenden Ex-Rittmeister. Zoriana Kushpler ist optisch und gesanglich eine bewährte Idealbesetzung; ihr warmer, präsenter Mezzosopran lässt keine Wünsche offen.

Die Gruppe der Bewerber um die Gunst der Arabella macht diesmal besondere Freude: Christopher Maltman ist ein sehr dominanter Mandryka, der mir seinem mächtigen Bariton glaubhaft vermittelt, dass er daheim mit Bären ringt. Stimmlich kämpft er mit dem Schwert, nicht mit dem Florett,  was ja für den kroatischen Landadeligen durchaus rollengerecht ist. Im Liebesduett mit Arabella nimmt er jedoch seine große Stimme einfühlsam zurück und erfreut mit zärtlichem Ausdruck – ebenfalls ein sehr gelungenes Rollendebut.

Matteo, der tenorale Widersacher erweist sich als weitere, beeindruckende Partie für Benjamin Bruns. Nach seinem großartigen Leukippos in der Daphne überzeugte er als verliebter, getäuschter und zum Schluss doch noch zufriedener Brautwerber. Der mehr in Richtung „Spinto“ gewachsene, schön klingende und technisch gute Tenor lässt noch die erfreuliche Interpretation vieler anspruchsvoller Rollen erwarten.

Die werbenden Grafen waren mit Thomas Ebenstein (Elemer), Gabriel Bermudez (Dominik) und Sorin Coliban (Lamoral) gesanglich sehr gut besetzt – wir verstehen allerdings bis heute nicht, warum man sie in dieser Inszenierung so extrem verblödelt.

Das Temperamentbündel Maria Nazarova wirbelte in dieser Serie erstmals als Fiakermilli über die Bühne und servierte die höchsten Töne souverän und ohne Gequitsche – ihre Stimmlage könnte man mit „nach oben offen“ bezeichnen. Donna Ellen war auch diesmal eine bewährte Kartenaufschlägerin.

Am Stück und an den Gesangssolisten lag es also wirklich nicht, dass die Arabella in den Strauss-Tagen den geringsten Eindruck hinterließ. Trotz des Jammerns auf hohem Niveau sind wir froh und dankbar für die beglückenden Erlebnisse mit der Musik von Richard Strauss in den vergangenen Wochen.

Maria und Johann Jahnas

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