WIEN/ Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR – wunschlos glücklich!

by ac | 13. November 2017 10:43

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Piotr Beczala, Anna Netrebko, Roberto Frontali. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIENER STAATSOPER, 12. November 2017

Francesco Cilèa: Adriana Lecouvreur

Wunschlos glücklich!

Was soll man eigentlich nach einer Opernaufführung wie dieser schreiben, bei dem keine Wünsche offen blieben? Dass solche Abende wahres „Festspielniveau“ haben, das andernorts zu weitaus höheren Preisen oftmals fehlt? Dass ein „primadonna assoluta“ auch in der heutigen Zeit eine „primadonna assoluta“ bleibt, auch wenn vielleicht die Rolle nicht zu 100 % ihrer Stimmlage entspricht? Dass ein ausgezeichneter Tenor zum herausragenden Weltklassetenor wird, wenn er mit einem Gegenüber auftreten darf, das er auch persönlich sehr schätzt? Dass die Wiener Philharmoniker immer noch Sternstunden gestalten können, auch wenn der Opernalltag manchmal daran zweifeln lässt? Dass ein enthusiasmiertes Wiener Publikum noch zu Jubelstürmen zu begeistern ist und nicht mehr das „Dinner danach“ Vorrgang hat?

So gesehen und gehört bei der zweiten Aufführung der 4er-Serie von Francesco Cilèas „Adriana Lecouvreur“ an der Wiener Staatsoper! Anna Netrebko gestaltete die rasend verliebte Schauspielerin, der Triumphe auf der Bühne und die Liebe ihres Maurizio mehr bedeuten als Titel und Kronen, mit einer solchen Eindringlichkeit, dass man auf der Sesselkante des Balkonsitzplanes an ihren Lippen hängt und seufzend mitleidet. Von ihrer ersten Arie an hat sie die Bühne und die Bühne auf der Bühne im Griff! Natürlich verfügt sie nicht mehr über die reine Sopranstimme ihrer ersten Karrierejahre (schon damals merkte man allerdings diesen dunklen und unverwechselbaren Kern und Charakter ihres Timbres), aber erinnert man sich an die Premierenserie vor 3 ½ Jahren, da macht der Vergleich sicher. Eine Angela Gheorghiu „spielte“ eine gute Adriana, eine Anna Netrebko „ist“ aber in jeder Sekunde diese Adriana Lecouvreur!

Um Piotr Beczala musste man nach den letzten Produktionen etwas besorgt sein, der unverwechselbare Schmelz und die Kraft seiner Stimme hatten etwas gelitten, aber als Maurizio kehrte er in vollem Saft zurück. Beczala, den man auf den sozialen Medien immer wieder im Freundeskreis von Netrebko sieht und der sich mit der Austro-Russin offenbar prächtig versteht, findet hier die ideale Balance zwischen Attacke und lyrischer Gestaltung, sein manchmal kitschiger Schmelz, um dessen er ja auch gefeiert wird, ist auch wieder total präsent.

Elena Zhidkova als Principessa di Bouillon strahlte schon bei ihrem ersten Auftritt die Kühle aus, die später von Adriana beim Öffnen des Veilchenstraußes entgegentritt. Sie bewies in all ihrer Berechnung, aber auch in ihrer Leidenschaft und in ihrem gekränkten Stolz in bester slawischer Mezzotradition ihre Spitzenklasse. Aber auch Alexandru Moisiuc (als ihr betrügender und betrogener Ehemann) und Raúl Giménez als zynischer, intriganter und stets präsenter Abate trugen wesentlich zum Erfolg des Abends bei. Mehr als eine Nebenrolle verkörperte Roberto Frontali – als unglücklich verliebter, väterlicher Freund der Titelheldin.

Evelino Pidò hatte das Heft bzw. das Wiener Staatsopernorchester stets in der Hand und konzentrierte sich in erster Linie auf die eingängige Musik Cilèas, während die Koordination der Stimmen vom Mann im Souffleurkasten (oft sichtbar) wahrgenommen wurde. Für David McVicars Inszenierung spricht, dass sie im Repertoirebetrieb leicht umsetzbar ist. Allerdings sei an dieser Stelle der Einwand gebracht, dass zwei (durch offenbar längere Umbauzeiten notwendig gewordene) Pausen den Handlungsfluss über Gebühr hemmen. Was soll’s, das Publikum jubelte elf Minuten lang.

Ernst Kopica

MERKEROnline

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