Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR

Wiener Staatsoper
Francesco Cilèa: »ADRIANA LECOUVREUR«
12. November 2017
8. Aufführung in der Inszenierung von David McVicar

leco4I.
Hätte es eines Beweises bedurft, er wäre hiermit erfolgreich erbracht: Ein Werk mag noch so unbekannt sein; wird es mit ersten Sängern besetzt und einer Auge und Verstand nicht beleidigenden Scene gegeben, ist das Haus ausverkauft. Noch dazu in Wien, wo das Publikum der Sänger wegen kommt: — niemals aber der Produktionen wegen. (Dies allen Feuilletonisten und zukünftigen Direktoren ins Stammbuch.)

II.
Regisseur David McVicars Produktion der Adriana Lecouvreur ist — ihrer Schwester, Laurent Pellys La fille du regiment gleich — eine Wanderinszenierung. Welche nun, nach sechs Vor­stellungen im Oktober 2014, wieder in Wien Station macht.

Regisseur David McVicar siedelte die Scene in der Originalzeit, um 1730, an. Eine Transformation in die Gegenwart lehnte er ab, denn »die Figuren passen in kein modernes Umfeld. Der Abbé zum Beispiel — wie sollte er in der heutigen Zeit glaubhaft wirken?« So kommt das Publikum in den Genuß eines hölzernen Bühnenbildhauses, Kandelabern (Bühne: Charles Edwards) und geschmackvollen, wunderschönen und dabei die Opulenz jener Zeit nicht verleugnende Kostümen (Brigitte Reifenstuel).

III.
Adrienne Couvreur, geboren am 5. April 1692 als Tochter eines Hutmachers in Damery (Champagne), begann ihre Carrière mit 18 Jahren am Theater von Lille. Am 27. März 1717 debutierte sie, die ihrem Namen das adelige »Le« hinzugefügt hatte, an der Comédie Française in Paris. (Heute steht an dieser Stelle das Théâtre de l’Odéon.) Ihr Erfolg soll so groß gewesen sein, daß bereits in der zweiten Vorstellung Philippe Duc d’Orléans und Zar Peter der Große in der Proscenium-Loge saßen.

Während der bisherige »Star« des Theaters, Mademoiselle Duclos, dem traditionellen, declamatorischen Stil verhaftet war, überholte die Le Couvreur erstere mit einem natürlicheren Vortrag schon bald in der Publikumsgunst. Und mit einfachen, zur Rolle passenden, historischen Kostümen. (Damals waren die Schauspieler für ihre Kostüme selbst verantwortlich. Eine Praxis, welche sich in Einzelfällen bis in unsere Tage erhalten hat.) Nie zuvor hatte eine Schauspielerin in Paris solche Erfolge gefeiert wie die Le Couvreur — vor allem in Stücken von Corneille und Racine.

Adrienne Le Couvreur unterhielt eine über Jahre währende Beziehung zu Moritz, Graf von Sachsen. Wie die Veröffentlichung der Briefe der Le Couvreur 1926 zeigte, allerdings eine, welche nichts mit jener von Eugène Scribe für sein Stück idealisierten zu tun hatte. Moritz von Sachsen gestattete sich nicht nur in Zeiten seiner Abwesenheit von Paris die eine oder andere Liebschaft. Was die Verehrer der Le Couvreur, darunter Voltaire, betraf, soll er sich jedoch nicht so verständnisvoll gezeigt haben…

Adrienne Le Courvreur starb am 20. März 1730. Manche Berichte geben Lungenschwindsucht als Todesursache an, andere die Ruhr.

IV.
Francesco Cilèa hatte seine 1902 uraufgeführte, vierte Oper bis 1930 immer wieder überarbeitet. Evelino Pidò, der auch die Premièren-Serie musikalisch betreut hat, verrät im Interview im Programmheft, daß er mangels Einsicht in das (vielleicht) verschollene Autograph von der »letzten« einsehbaren Partitur ausging, jener, »welche der Originalversion von 1930 am nächsten kommt«.

Cilèas Partitur ist elegant … dabei voll musikalischen Witzes. (Man denke nur an die Theater-Scenen des ersten Aktes. Oder an das Duett AbatePrincipessa des dritten.) Welch Brio unterstreicht da geistreiche Rede und Widerrede! Arturo Colautti lauschte seinen Text Eugène Scribe genau ab…

Evelino Pidò hat mit dem Staatsopernorchester gearbeitet. Das war nicht zu überhören. Und man folgte willig unter Albena Danailovas Leitung, ließ Cilèas Partitur blühen… Caressirte hier, tupfte da, bildete die Seelenregungen der Figuren mit teils opulentem Klang ab. Interessant auch zu hören, wie sich das Klangbild des Orchesters mit dem Wechsel des Konzertmeisters (am Donnerstag: Volkhard Steude) änderte. Diesmal klang alles noch weicher, noch runder. Und welch’ Unterschied zum rauhen Klangbild der 2010 am Royal Opera House Covent Garden entstandenen DVD-Aufnahme…

V.
Adriana Lecouvreur steht in der besten italienischen Operntradition, wird das Werk doch mit einer Chor-Scene eröffnet, entwickelt sich der Abend den ungeschriebenen Gesetzen gemäß. Alexandru Moisiuc als Il Principe di Bouillon und Raúl Giménez als Abate (di Chazeuil) sind — neben dem Michonnet Roberto Frontalis — die ersten Vertreter größerer Rollen, welche ins Geschehen eingreifen. Sowohl Moisiuc als auch Giménez waren in der stimmlichen wie schauspielerischen Gestaltung ihrer Partien sehr präsent, trugen das ihre zum Erfolg des Abends bei.

VI.
Cilèa schrieb in der Adriana Lecouvreur sehr sängerfreundlich. Die tessiture liegen durchwegs tief. Sopran und Tenor krönen ihre Arien im ersten Akt mit einem hohen As als Spitzenton: — mit nicht wenig Effekt. (Später birgt die Paritur auch Aufstiege bis zum hohen B, z.B. im großen Duett des zweiten Aktes.) Die Principessa di Bouillon wird als Mezzosopran in »Acerba voluttà« mit einem hohen Ges gefordert.

Elena Zhidkova war eine hervorragende Principessa di Bouillon, mit gleichmäßig ansprechender Stimme über den kompletten Stimmumfang. Sie hatte die Partie bereits vor drei Jahren gesungen, hatte damals schon den stärksten Eindruck hinterlassen. Wie sie im finalen Duett des zweiten Aktes mit der Adriana Anna Netrebkos concurirte, im dritten ihre Rivalin herausforderte: Das macht der Zhidkova so schnell niemand nach.

VII.
Cilèa setzte in der Adriana Lecouvreur Leitmotive ein: — in einer mehr Verdi denn Wagner nahestehenden Weise allerdings. So erklingt im zweiten Akt bei der Ankunft Adrianas, bevor ihr ihr geliebter Maurizio als Conte di Sassonia vorgestellt wird, das Liebesmotiv aus dem ersten Akt. Und wenn Adriana im vierten Akt die Schatulle mit den vergifteten Veilchen öffnet, ertönt im Orchester das Motiv der Principessa di Bouillon, solcherart den Absender identifizierend.

VIII.
Roberto Frontali sang und spielte den Michonnet mit der Einsicht der Figur in die Unausweichlichkeiten des Lebens. Nicht nur »Ecco il monologo«, auch die erste, in das Duett mit Adriana mündende Scene »Eccoci soli« legten Zeugnis ab vom Gestaltungswillen Frontalis. Sein Michonnet war kein älterer, verliebter Trottel, sondern ein seine Gefühle hintanstellende, als väterliche Zuneigung maskierende Wissender. Michonnets Verzicht gleicht jenem der Marschallin … nachdem Adriana ihm Kunde von ihrem Cavaliere gegeben hatte.

IX.
Ihr Cavalière: Maurizio, Conte di Sassonia. Piotr Beczała debutierte mit dieser Serie an der Wiener Staatsoper in dieser Partie. Und wie! … Beczała sang einen virilen Maurizio mit kraftvollem, jedoch nie forciert klingendem Stimmeinsatz und sicherer Höhe. Wie bei seinen Kollegen war es ein Vergnügen, ihm bei der Arbeit zuzuhören. Gleichgültig ob in den Scenen mit der Principessa, mit Adriana oder der Schilderung der Schlacht von Mittau (eigentlich Mitau, heute Jelgava und als ehemalige Hauptstadt von Kurland 44 km südwestlich von Riga gelegen): Da blieb, nehmt nur alles in allem, kein Wunsch offen.

X.
Gleiches gilt es von Anna Netrebko in der Titelpartie zu berichten. Netrebko hatte die Adriana Lecouvreur zuvor nur einmal am Mariinski-Theater in St. Petersburg gesungen. Auch für sie also fast ein Rollen-Debut.

Netrebkos Interpretation der Adriana neigte freilich eher jener der Diva zu, weniger der der Schauspielerin.

Und: Fast hatte es den Anschein, als sei Netrebkos Stimme in der Mittellage noch einmal nachgedunkelt, während sie im oberen Register weiterhin ihre Helligkeit bewahrte. Dabei klang die Stimme rund und voll: Wir wissen ja, daß Netrebkos Stimme in der Mittellage jenen betörenden Klang verströmt, der sie zu einer der ganz Großen der Opernwelt gemacht hat. So kommt die tessitura der Partie der Adriana Anna Netrebko entgegen: Ob sie damit ihre neue signature role gefunden hat?

XI.
Die Wiener Staatsoper bietet mit dieser Serie jedenfalls ganz große Oper. — Hingehen, ansehen und ein unterschätztes Meisterwerk entdecken.

Thomas Prochazka

Diese Seite drucken