Der Neue Merker

WIEN / Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR

Adriana_Lecouvreur_NETREBKO x nur Kopf 2
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
ADRIANA LECOUVREUR von Francesco Cilèa
7.
Aufführung in dieser Inszenierung
9.November 2017

Es hat seit der Premiere im März 2014 mehr als dreieinhalb Jahre gedauert, bis man die „Adriana Lecouvreur“ des Francesco Cilea an der Wiener Staatsoper wieder angesetzt hat. Nach den sechs Aufführungen damals hat sich keine hochrangige Diva gefunden, die wohl die unabdingbare Voraussetzung ist, diese Oper in den Spielplan zu nehmen. Nun, jetzt hat man sie in Anna Netrebko, die gemeinsam mit Piotr Beczala (die beiden waren ja, sehr bemerkenswert, wie man weiß, als Elsa und Lohengrin schon ein Traumpaar) dieses Werk wieder zum verdienten Triumph führte.

Verdient, weil die Musik tatsächlich wunderschön ist, kein knalliger Puccini-Tosca-Verismo, sondern kleinteiliger, lyrischer, differenzierter, mit ausufernd schwelgerischen Passagen, vielfältiger (knallige Dramatik ist auch dabei) – kurz, das kann man schon von Zeit zu Zeit hören, und Evelino Pidò, der schon bei der Premiere am Dirigentenpult stand, hilft den Sängern und dem Publikum, dies auskosten zu dürfen.

Das geschieht in einer „period“-Inszenierung von David McVicar, sprich, die Zeit der historischen Adriana Lecouvreur  (1692-1730) beschwörenden Umsetzung. So etwas hat für das Publikum immer den Vorteil, dass man nicht einen Großteil seiner Zeit damit verbringen muss, sich zu überlegen, was der Regisseur wohl gemeint haben mag, und für die Sänger, dass sie in den Kostümen von anno dazumal meist gut aussehen und sich ohne Störungen entfalten können.

Und das tun sie, voran Anna Netrebko, die ihre bekannte Fähigkeiten, sich in eine Rolle zu stürzen, hier voll auslebt. „Alles drin“ in dieser Figur – eingeführt als die große Schauspielerin (sie muss in einigen Szenen tatsächlich rezitieren, was Sänger manchmal nicht so gut können, die Netrebko aber mit hinreißendem Pathos und der großen Geste der Comédie-Française von anno dazumal unternimmt), die meint, in einen kleinen sächsischen Soldaten strahlend verliebt zu sein. Als dieser sich dann (die originale Adriana hatte tatsächlich eine Affäre mit einem Sohn Augusts von Sachsen) als Prinz herausstellt, bekommt sie es mit dessen Geliebter zu tun: Zwei Akte lang weicht das Liebesgeflüster zähneknirschenden, wütenden Auseinandersetzungen mit der fürstlichen Rivalin, die nicht loslassen will. Und schließlich wird nichts aus dem Happyend, weil Adriana an den vergifteten Blumen stirbt, die ihr die andere geschickt hat. Der Tenor bekommt, wie so oft in der Oper, den letzten schluchzenden Aufschrei an der Leiche… Das ist Scribe, nicht wirklich hochkarätig, aber wirkungsvoll. Oper eben.

Die Netrebko als Diva, Liebende, Kämpferin, Enttäuschte, Verzweifelte, Sterbende – sie bringt es mit vollem, auch überzeugendem darstellerischen Einsatz und natürlich ihrer Stimme, an der nicht zuletzt erstaunt, was sie alles aushält: Bis zum Ende ist da nicht das kleinste Nachlassen an Kraft und Ausdruck festzustellen. Sie kann, wie immer (eine gute Technik ist so viel in diesem Beruf!) alles, darf schon in der ersten Arie zeigen, dass sie auch die zartesten Piani zu setzen vermag, ganz abgesehen von ihren immer bombensicheren Höhen und der reichen Farbenpalette ihrer Stimme. Die nur einen befremdlichen Aspekt hat – wenn sie in der tieferen Mittellage guttural-dunkle Töne herausstößt, die absolut nicht in ihr Profil passen. Dass ihr einst heller Koloratursopran immer dunkler wurde und heute in der Dramatik oft wie ein Mezzo klingt – das macht für die Rollen, die sie singt, keinen Sinn. Dass es den Gesamteindruck letztlich nicht schmälert, ist selbstverständlich: Die Diva als Diva fand ihr enthusiastisches, beglücktes, mit einer eindrucksvollen Leistung beschenktes Publikum.

Adriana_Lecouvreur_die zwei

Piotr Beczala als Maurizio, Conte di Sassonia, arbeitet sehr an sich, um darstellerisch jene Leichtigkeit zu erlangen, die ein jugendlicher Liebhaber braucht. So ganz gelingt es nicht, aber er kann ja seinen Tenor als überzeugendes Argument einsetzen. Gemeinsam mit der Netrebko ist er am stärksten, wenn sie ihre Spitzentöne schmettern können, das ist dann Oper zum Quadrat, wenn zwei solche Kaliber sich finden. Dass man im Lauf des Abends manchmal Anstrengung merkte (auch in dem einen oder anderen flach geratenen Übergang), macht das Traumpaar Wiens nicht kleiner – wen sollte man sich sonst wünschen, wenn die einst ideale Londoner Kombination Gheorghiu / Kaufmann ja auch schon Vergangenheit ist?

Nun ist es ja eine Dreiecksgeschichte, Adriana braucht eine starke Rivalin, und Elena Zhidkova als Principessa di Bouillon ist das allemale, bildschön und „cool“ bis in die Fingerspitzen, auch wenn sie stimmlich tobt. Was sie mit einem relativ schlanken Mezzo tut, der die Farbenskala der Netrebko-Stimme noch deutlicher macht.

Die drei wichtigsten Nebenrollen waren von der Premiere her gleich besetzt, und die Herrschaften stehen fest in ihren Figuren, Alexandru Moisiuc als dunkle Töne rollender, mächtiger und wohl auch gefährlicher Principe di Bouillon (sprich: betrogener Gatte), Raúl Giménez als intriganter Abate, der seine boshaften Reaktionen lustvoll singt und ausspielt, und vor allem Roberto Frontali als der Inspizient Michonnet, Adrianas steter, verlässlicher Herzensfreund, auch wenn ihm selbst das Herz bricht, weil er sie schließlich so vergeblich liebt. Das ist nicht die klassische Baritonrolle wie bei Verdi, sondern ein berührender Charakter, wo es nicht auf Belcanto ankommt, sondern um das Erfassen einer ergreifenden Figur.

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Die anderen Nebenrollen, neu besetzt, sind wirklich solche – und von der undankbaren Art, dass sie zwar immer wieder (wenn es um das Theatervolk rund um Adriana geht) über die Bühne wieseln dürfen, aber persönlich nichts zu vermelden haben.

Es war ein schöner Sängerabend. Sehr schade, dass er nur in einer Radioaufzeichnung und nicht im Bild erhalten bleibt, solche Leistungen wie die Netrebko-Adriana wiederholen sich ja nicht so schnell. Vielleicht kann man doch noch einen Stream bringen?

Renate Wagner

P.S. Und ganz, ganz tiefen Dank an die Direktion für die nun spürbar größeren Untertitel, diese sind eine Wohltat. Wer, wie die Unterzeichnete, eine Nur-Lesebrillen-Trägerin ist, wird es herzlich danken, jetzt gelegentlich mühelos und brillenlos mitlesen zu können.

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