Der Neue Merker

WIEN/ Staatsballett/ Staatsoper: „BALANCHINE / LIANG / PROIETTO“ DREI TANZPOETEN UND DOCH EIN POET ZUVIEL

1.11.2016 : Ballettpremiere: „BALANCHINE / LIANG / PROIETTO“

DREI TANZPOETEN UND DOCH EIN POET ZUVIEL

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Eno Peci, Ketevan Papava. Copyright: Ashley Taylor/ Wiener Staatsballett

Perfekt getanzt. Sehr schön anzusehen, vom Anfang bis zum Ende. „BALANCHINE  /  LIANG  /  PROIETTO“, der Titel des neuen dreiteiligen Programms des Wiener Staatsballetts, dürfte dem normalen Opernbesucher wohl nur wenig oder kaum etwas  sagen. Jedoch, ein Abend durchaus empfehlenswert für einen Besuch: Erstklassig trainierte Tänzer sind in elegantem Bewegungsfluss in drei mit Poesie durchwobenen Tanzstücken zu erleben.

Eine Choreographen-Legende steht an erster Stelle: George Balanchines „Symphonie in C“ aus dem Jahr 1947, getanzt auf die frisch atmende Jugendsymphonie von Georges Bizet. In diesem Stück hat Balanchine kristallklare tänzerische Neoklassik in edelster akademischer Ausformung den feinen Nuancen der brillant dahin sprudelnden Musik hundertprozentig angepasst. Ein kleiner Abstrich, vielleicht: Das immens präzise tanzende Ensemble lässt manchmal an quirlige Marionetten denken, ganz auf Technik und zauberhafte Manier ausgerichtete, welche aber doch nicht immer so ganz den subtilen Gehalt der Symbiose Musik/Tanz zu übersetzen vermögen. Vier Hauptpaare für die vier Sätze der Symphonie, dazu noch je zwei weitere Solopaare und Ensemble – es sind zu viele vorzügliche Solisten, um alle Namen anzuführen. Allenfalls: Springlebendig Nina Tonoli und Denys Cherevychko im dritten, dem humorvollen Scherzo.

Zweiter Teil: „Murmuration„. Eine von den wechselnden Formationen des Vogelfluges inspirierte Tanzpoesie – alles zielt hier aber auf menschliche Beziehungen, auf angestrebte Konfigurationen hin. Edwaard Liang, Amerikaner aus Taiwan, hat sein sehr positiv aufgenommenes Stück 2013 für das Houston Ballet kreiert. Ein Violinkonzert des Italieners Ezio Bossi untermalt im aktuellen Minimal Music-Stil mit ständig repetierendem angenehmen Klang und recht stimmungsvoll die Gleit- und Erkundungsflüge der Vogel-Tänzer-Schwärme am nächtlichen Himmel, immer wieder mit lyrischen Momenten durchsetzt. Doch kraftvolle Dynamik steckt dahinter: Liang versteht, die Tänzer im Fluss zu halten und überrascht auch mit ästhetischer Feinzeichnung. Roman Lazik führt die herum schwärmenden Scharen empfindsam und ganz ohne Pathos an, Nina Poláková und Kollegen sind ihm gleichwertige Partner.

Tanzpoet Nummer drei, Daniel Proietto, junger Argentinier mit romantischem Herz, möchte in seiner uraufgeführten „Blanc“-Phantasmagorie den Betrachter von der Gegenwart in die Ballettwelt des 19. Jahrhunderts und wieder zurück in die Gegenwart führen. Choreographisch ist „Blanc“ ein feine und sehr sensible Kreation. Dramaturgisch überfrachtet hat Proietto jedoch in seiner Expedition von Chopins 1. Klavierkonzert und mit Rückschau auf das historische Ballet blanc wie auch Michael Fokins „Les Sylphides“ (1909) zu recht nervig und interessant schillernder Musik von Mikael Karlsson sein respektables Anliegen.
Ein lyrische Statements von Alan Lucien Oyen rezitierender ‚Poet‘, Schauspieler Laurence Rupp, eher hilflos zwischen den Elfengestalten irrend und für einen Großteil des Publikums kaum verständlich, bringt Unsicherheit ins Haus (als ein Unschuldiger) und so gar keine Spannung ins Spiel. Sein tanzender Schatten, Eno Peci, zeigt Charakter, dennoch entschwindet ihm schließlich seine Muse, seine erträumte Sylphide (Ketevan Papava). Dazwischen erfreuen stimmige Romantik-Reminiszenzen mit einer ansehnlichen Sylphidenschar und auch eine rassige Sequenz mit einer ’negativen‘ Sylphide (Natascha Mair) und zwei ’negativen‘ Poeten (Davide Dato, Massayu Kimoto).

Dieser eine Poet war jedenfalls zuviel, um den sehr guten Ballettabend zu einem vollen Erfolg zu machen. Jedenfalls musikalisch hilfreich dazu im Orchestergraben: Dirigent Faycal Karoui, Violinsolistin Albena Danailova in „Murmuration“, Pianistin Maria Radutu in „Blanc“. Oder ist es doch ein voller Erfolg? Den tänzerischen Leistungen, den choreographischen Schöpfungen nach: ja.

Meinhard Rüdenauer 

 

 

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