Der Neue Merker

WIEN/ Staatsballett: LE PAVILLON D’ARMIDE“ und „SACRE“ – menschliche Kreaturen in ihrer Nacktheit

Wiener Staatsoper

16.3.2017: Ballettabend „LE PAVILLON D’ARMIDE“ und „SACRE“ – menschliche Kreaturen in ihrer Nacktheit

John Neumeiers zweiteiliger Vaslaw-Nijinsky-Abend mit dem Konstrukt von „Le Pavillon d’Armide“ und „Sacre“ spricht vielleicht weniger den Geschmack des Publikums an, trifft jedoch voll dessen Sensibilität, fordert Konzentration und hinterlässt seine Spuren. Zuerst Reflexionen über den legendären Tänzer Nijinsky (1889 – 1950) und dessen schickalshaften Leidensweg und seine Visionen als Nervenkranker in der Heilanstalt – Nikolai Tscherepnins sinnlicher musikalischer Liebespavillon, uraufgeführt1907, ist hier von Neumeier krass zu einer psychiatrischen Klinik umgedeutet. Nach der Pause hierauf winden sich entblößte Kreaturen in einem skurrilen Totentanz, schutzlos ausgeliefert in ihrer ganzen Nacktheit und unbewussten menschlichen Trieben. Und Igor Strawinskis eruptiver „La sacre de printemps“-Musik kann sich auch der Hörer nicht entziehen. Noch dazu in der durchdringenden Interpretation des Orchesters unter Michael Boder.

Lupenrein aber auch, absolut perfekt Neumeiers Intentionen hingegeben präsentierten sich die Tänzer des Wiener Staatsballetts in ihren so fordernden Rollengestaltungen: Rebecca Horner als das Opfer in „Sacre“, Francesco Costa, Nikisha Fogo, rasant wechselnde Gruppierungen mit ihren Zuckungen und zackigen Körpersignalen in grotesken Figurationen. Und der junge Jakob Feyferlik vermag in aller Natürlichkeit als der psychisch erkrankte Nijinsky, ein in seiner Verstörung in Erinnerungen Hilfe suchender, zutiefst zu überzeugen. Dazu ein stimmiges Rollendebüt von Eno Peci als kühler Nervenarzt und klar konturierte Personenzeichnungen von Ioanna Avraam, Liudmila Konovalova, Natascha Mair, Davide Dato, Masayu Kimoto – ein Ballettabend, der in eindringlichen Sequenzen über die Verletzlichkeit des Menschen erzählt. 

Meinhard Rüdenauer

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