Der Neue Merker

WIEN / Staatsballett: LE CORSAIRE

Wiener Staatsballett in der Staatsoper
Adolph Adam et al.: »LE CORSAIRE«
20. und 23. September 2016
8. bzw. 9. Aufführung in der Choreographie von Manuel Legris

Probenfoto zu 'Le Corsaire', 2. Akt: Nina Poláková (Médora) vor ihrem Rollen-Debüt mit Denys Cherevychko (Conrad) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Probenfoto zu »Le Corsaire«, 2. Akt: Nina Poláková (Médora) vor ihrem Rollen-Debüt mit Denys Cherevychko (Conrad)
© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Mit dem abendfüllenden Ballett Le Corsaire begann die Compagnie Mitte des Monats ihre erste Auftrittsserie nach der Sommerpause. Ein großes Unterfangen, das sowohl den Solisten als auch dem Corps de ballet viel abverlangte; erwartete doch das Publikum eine Fortsetzung der erfolgreichen Premièren-Serie im Frühling 2016.

Allerdings: Man bemerkt die Nachwehen der Sommerferien. Da hapert es hie und da mit der Genauigkeit in den Corps-Szenen, da steckt noch die Schwere der Sommerhitze in den Beinen. Sowohl auf der Bühne als auch im Graben ist man noch nicht ganz wieder angekommen. Wobei: Von der zweiten zur dritten Vorstellung ist ein Fortschritt in die richtige Richtung zu konstatieren.

Diese Woche stellte man zwei Besetzungen vor, die unterschiedlicher nicht sein können: Das herausragende Paar der Aufführung vom Dienstag bildeten Alice Firenze und Davide Dato in den Rollen der Zulméa und des Birbanto. Einmal mehr konnte man die Exaktheit und das Zusammenspiel der beiden Italiener bewundern. Dagegen konnte niemand antanzen, da hatten es Ioanna Avraam und Masayu Kimoto am Freitag schwer. Im unmittelbaren Vergleich war die letztere Darbietung unexakt. Besonders die Soli des Birbanto wirkten eher unscheinbar und verschliffen.

Höhepunkt am Dienstag war Liudmila Konovalovas Interpretation der Médora. Sie hatte die Partie kurzfristig von Maria Yakovleva übernommen. Liudmila Konovalova stellt diese Rolle mit einer Sicherheit auf die Bühne, die dem Zuschauer Bewunderung abringt: Da stimmten Exakheit, Tempo und Phrasierung, das werden wir so schnell nicht überzeugender erleben. Leider war Robert Gabdullin als Conrad an dem Abend nicht in seiner Bestform zu erleben. Eher schwer wirkten die Bewegungen — schade. Gut zu wissen, daß er wesentlich besser tanzen kann.

Zum Ausgleich bot die 9. Aufführung einen Conrad, der seinesgleichen sucht. Denys Cherevychko tanzt derzeit wohl auf dem Zenit seiner Karriere. Es ist nahezu unwahrscheinlich, welch zusätzliche Schwierigkeiten er in seine Soli einbaut! Und dabei wirkte alles ganz selbstverständlich. Die Spannung, die er auf der Bühne und im Publikum erzeugte, half seiner Partnerin Nina Poláková bei ihrem Rollen-Debut als Médora. Sie, sonst eher eine Tänzerin mit leicht melancholischer Ausstrahlung, wuchs dank ihres Partners an diesem Abend über sich hinaus. Die ein oder andere Ungenauigkeit sei dem Debut geschuldet und wird sicherlich bei der nächsten Vorstellung ausgemerzt sein.

Probenfoto zu 'Le Corsaire', 1. Akt: Natascha Mair (Gulnare) mit Francesco Costa (Lanquedem) vor ihrem Rollen-Debut © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Probenfoto zu »Le Corsaire«, 1. Akt: Natascha Mair (Gulnare) mit Francesco Costa (Lanquedem) vor ihrem Rollen-Debut
© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Nach einigen Umbesetzungen mußten sich zwei frisch gekürte Solistinnen als Gulnare beweisen: Zuerst Nina Tonoli, die etwas vorsichtig an diese umfangreiche Partie heranging, sich aber sehr wacker schlug. Die Belgierin verfügt über Grazie und Ausdruck, welchen sie nicht zuletzt ihren wunderbaren port de bras verdankt. Eher sparsam in den Bewegungen — hier kommt die englische Ausbildung zum Tragen — überzeugte sie durch Exakheit und Ruhe in der Ausführung.

Ganz anders Natascha Mair bei ihrem Rollen-Debut: Sie agierte frisch und frei, man hatte als Zuschauer das Gefühl, daß sie einfach tanzte und sich nicht so viele Gedanken machte wie Nina Tonoli. Leider misslang die eine oder andere Passage völlig. Da stimmte die Phrasierung nicht, der Auftritt im zweiten Bild des ersten Aktes wirkte nervös, fast hyperaktiv — ohne Haltepunkte, ohne Akzente. Und das Solo im verwunschenen Garten: noch stark verbesserungswürdig. Natascha Mair müsste mehr Ruhe in ihre Bewegungen bringen, mehr auf den Punkt arbeiten, dann verginge das Kreiseln und Schwanken. Von einer Solistin erwartet man solidere Arbeit.

Man darf gespannt sein, wie die nächste neuernannte Solistin, Nikisha Fogo, sich in der Partie der Gulnare schlagen wird. Die beiden Auftritte als Odaliske ließen doch reichlich Wünsche offen.

Nachdem Mihail Sosnovschi am Dienstag mit bewährter Bühnenpräsenz den Lanquedem getanzt hatte, war die Neugier auf Francesco Costa in der Partie naturgemäß groß. Auf diesen jungen Tänzer wird man in den nächsten Monaten und Jahren achten müssen. Seine Leistung war beachtlich. Costa hat sehr gut aufgepaßt, was die Kollegen ihm in den vergangenen Vorstellungen dieser Produktion vortanzten. Und er verfügt die technischen Möglichkeiten, dieses Wissen auch umzusetzen. Hier wächst ein Tänzer heran, der über eine erfreuliche Bühnenpräsenz verfügt.

Die musikalische Leitung der Abende lag wieder in den bewährten Händen von Valery Ovsianikov. Die beiden Vorstellungen waren wunderbare Beispiele, wie unterschiedlich ein Orchester klingen kann, wenn man mit verschiedenen Konzertmeistern spielt: So warm und schön der Klang auch sein mag, aber das Ballett-Repertoire scheint dem neuen Konzertmeister José Maria Blumenschein doch eher unbekannt zu sein. Wir können uns auf sehr harmonisch klingende Abende freuen, wenn er sich mit dieser Literatur näher auseinander gesetzt haben wird.

Albena Danailova, die dem Orchester schon über Jahre angehört, bot eine ganz andere Führungsqualität: Die Vorstellung am Freitag besaß mehr Schwung, eine andere Dynamik, die sich natürlich im ganzen Haus ausbreitete. Schade nur, daß da die Blechbläser nicht so wirklich bei der Sache waren… Wunderschön dafür an beiden Abenden die Flötensoli von Karl-Heinz Schütz.

Die Choreographie, die Musik, die Ausstattung und natürlich die tänzerischen Leistungen machen Lust auf mehr. Da wird von Vorstellung zu Vorstellung ein Zusammenwachsen mit neuen Mitgliedern, ein Sichwiederhineinfinden nach der langen Pause zu beobachten sein.

Man kann nur einmal mehr »Danke!« sagen an Manuel Legris, daß er die Compagnie noch weiter begleiten wird.

Ulrike Klein
MerkerOnline
24. September 2016

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