Der Neue Merker

WIEN/ Staatsballett in der Volksoper: „ROMÉO ET JULIETTE“ – moderne Tanzsprache versus romantische Empathien

VOLKSOPER: 19.12.2017: „ROMÉO ET JULIETTE“ – moderne Tanzsprache versus romantische Empathien

Romeo und Julia sind hier diesmal wohl nicht als gar so dankbare Rollen für die exzellenten Tänzer des Wiener Staatsballetts zu bezeichnen. Hector Berlioz´ ausladender und mit großem Chor und drei Gesangssolisten üppig aufgefüllter Symphonie dramatique „Roméo et Juliette“ der Satzfolge angeglichen gestaltete Davide Bombana seine neue getanzte Version von Shakespeares Liebesdrama mit respektablem choreographischen Können. Er vermischt Sänger und Tänzer auf der Bühne, versetzt die Story in eine diffuse Gegenwart und spielt dabei die zur Zeit gepflegte Tanzsprache und -artistik gegen die so ausgeprägt sensible Emphatik des Romantikers Berlioz aus. Die szenische Aufführung dieser Chorsymphonie wirkt unter der Leitung von Gerrit Prießnitz musikalisch stets sehr harmonisch, theatralische Spannungsbögen bauen sich aber trotz sehr kraftvoller, betont dynamisch gestalteter Ballettsequenzen keine auf.

Auch die zweite Besetzung kann gefallen, kann mit Hingabe und Virtuosität voll überzeugen. Bombana charakterisiert seine Tänzer eher als heutige Straßenkinder, ganz unpathetisch, mehr der „West Side Story“ als an Veroneser Adelsfamilien angenähert. Francesco Costa ist als Roméo ein der Liebe verfallener natürlicher Junge, der völlig überraschend sein Glück zu finden vermeint. Mit verständnisvoller Anteilnahme berührt Joanna Avraam als Juliette, sich sensibel hingebend. Gala Jovanovic muss als sich negativ einmischende Fee Mab eine zwielichtige verführerische Rolle spielen. Mihail Sosnovschi ist als Pater Lorenzo ein Priester, der mit erhobenem Haupt die verfeindete Gesellschaft zu Versöhnung beschwört. Keisuke Nejime ( Mercutio), László Benedek (Tybalt) und Felipe Vieira (Benvolio) bieten all die geforderten artistischen Einlagen. Romantische Gefühlswelt wird durch bewegte moderne Tanzsprache gedeutet – das Publikum erfreut sich an den feinen Leistungen der Solisten und an einer interessanten, doch kaum bekannten Musik, bleibt aber überwiegend leicht unterkühlt.

Meinhard Rüdenauer

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