Der Neue Merker

WIEN/ Staatsballett in der Staatsoper: RAYMONDA – russisch, russisch, russisch, zum Lieben oder doch …..

WIEN/ Staatsballett in der Staatsoper: RAYMONDA

22.12.2016: „RAYMONDA“ – russisch, russisch, russisch, zum Lieben oder doch …..


Nina Polakova. Copyright: Wiener Staatsoper

…. oder doch zu sehr dieser Traumwelt des zaristischen Balletts verhaftet, in der Peter I. Tschaikowski seine nach wie vor schönsten aller Ballettmusiken schrieb und Choreograph Marius Petipa den klassischen Stil prägte. Also, mit „Raymonda“ zurück ins alte Russland, in das Jahr 1898, und diesem Edelfräulein aus der Provence zugewandt, welches sich nach ihrem geliebten Rittersmann Jean de Brienne sehnt, jedoch vom grimmigen Sarazenen Abderachman umworben und bedroht wird. Darf sie sich heute noch sehen lassen? Choreographen-Legende Marius Petipa ist 1898 der Schöpfer dieses grossen Tanzspektakels gewesen. Ein im Zaren- und später auch im Sowjetreich beliebtes Stück, hierauf von Rudolf Nurejew ab den 60er Jahren in diversen choreographischen Versionen den Ballettliebhabern im Westen geschenkt. „Raymonda“-Komponist Alexander Konstantinowitsch Glasunow (1865 – 1936), ein Großmeister seines Faches, hochgeschätzt wegen seiner brillanten Orchestrierungen, hatte es nicht so leicht dabei gehabt: Die großen Tschaikowski-Ballett waren schon geschrieben, und ganz so melodienreich konnte er es auch wieder nicht schaffen. Trotzdem: eine eindrucksvolle Partitur mit einer Reihe kraftvoll mitreißender Charaktertänze mit markanten Themen ist zu genießen.

Die Wiederaufnahme Rudolfs Nurejews Wiener Einstudierung aus dem Jahr 1985 (zuletzt gezeigt 1999) wirkte am Beginn des langen dreiaktigen Abends noch wie eine Einspielvorstellung. Anlaufzeit benötigten die Tänzer, um sich in diese längst entschwundene Poesie einzuleben. Alles mit gutem Ende: Nach dem dritte Akt, ein schönes großes Hochzeitsfest-Schlusstableau mit Le cortège hongroise, klassischem Grand Pas classique, einem Galopp-Finale und Apothéose, wurde dem Ensemble zurecht zugejubelt. Zwischen der heute doch wenig berührenden Handlung gibt es eine Reihe feiner, feinster Gruppentänze und Solovariationen, in denen die heikelsten Finessen gefordert werden. Der hochmusikalische Nurejew hatte schon ideal verstanden, Petipas tradierten Stil kunstgerecht in unsere Zeit zu übersetzen.

Insgesamt sieben Aufführungen mit wechselnden Besetzungen sind in dieser Saison angesetzt. Als Raymonda und ihr Retter de Brienne wirken Nina Poláková und Jakob Feyferlik in ihren Pas de deux im Zusammenspiel wie ein zartes, empfindsames jugendfrisches Liebepaar. Der so gar nicht grimmige doch so virtuose Davide Dato mimt den kampfesfreudigen Abderachman. Nina Tonoli, Natascha Mair, Masayu Kimoto, Richard Szabo und, und …. Walzertänzer, Bacchanal, Sarazenen und so manch anderes orientalisches – sehr rein getanzt, gut studiert. Dirigent Kevin Rhodes schien mit seinen ausschwingenden Bewegungen mittanzen zu wollen. Forcierte bei Glasunows wiederholt pathetischem Aufrauschen aber zu oft manche Tempi (eher derbes Blech), in den ausgesponnen lyrischen Sequenzen fand das Orchester zu seinen Qualitäten. Ja, doch, in die Poesie einmal eingelebt ist diese „Raymonda“ durchaus zum Lieben.

 

Meinhard Rüdenauer

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