Der Neue Merker

WIEN / Schatzkammer: GOTTES LOB

DSC04345Gottes Lob Plakat~1

WIEN / Schatzkammer (Kunsthistorisches Museum):
GOTTES LOB
Kirchliche Textilien aus der Zeit Maria Theresias
Vom  4. Mai 2016 bis zum 7. November 2016 

Wer stickt, sündigt nicht

Sind kostbare Priestergewänder nur Gebrauchsgegenstände? Sie sind auch Kunstwerke, wie das Kunsthistorische Museum nun zeigt. In der vom Haus betriebenen „Schatzkammer“ (es gibt zwei, die weltliche und die geistliche) bietet eine Sonderausstellung zu „Gottes Lob“, was man üblicherweise aus konservatorischen Gründen nicht permanent präsentieren kann: Beispiele aus dem Bestand barocker liturgischer Gewänder, wie sie aus dem Zeitalter von Kaiser Karl VI. und seiner Tochter Maria Theresia erhalten sind. Wien gilt als Zentrum solcher Kostbarkeiten und die Ausstellung lehrt eine Menge, was man diesbezüglich noch nicht wusste.

Von Heiner Wesemann

DSC04344 Gottes Lob  Eingang~1

Durch den Schweizerhof direkt    Die Schatzkammer in der Hofburg ist durch den Schweizerhof zugänglich, und dort ist auch die Kasse. Die Sonderausstellung findet in einem Raum statt, der über die Treppe zur Hofburgkapelle erreichbar ist. Hier hat Kuratorin Katja Schmitz von Lebedur in einer Art von mittleren Laufsteg (Glaskasten) die kostbarsten Stücke ausgestellt, die im Leben der kaiserlichen Familie eine große Rolle gespielt haben.

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Zu jedem Ereignis eine Messe    Jedes offizielle und auch jedes familiäre Ereignis am Kaiserhof war mit einer prunkvollen Messe verbunden, und zu diesen Gelegenheiten haben die hohen Herrschaften oft Gewänder gespendet (auch in Form eigener – abgelegter – Kleidung, da die Stoffe zu kostbar waren, um sie nicht wieder zu verwenden). Der Schmuck war verschwenderisch, Gold- und Silberfäden eingearbeitet, Juwelen appliziert, ganz abgesehen von dem künstlerischen Reichtum in Idee und Ausführung. Vordringlich finden sich Blumenmuster und Ornamente, gelegentlich auch ganze gestickte Szenen (etwa die Taufe von Jesus in einem Oval eingestickt).

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Sticken für Kaisertöchter    Wer vor zweitausend Jahren eine züchtige römische „Matrone“ sein wollte und aus vornehmster Familie stammte, setzte sich an den Spinnroggen und den Webstuhl und spann seine Wolle selbst, webte die Stoffe. Ähnlich war das Ideal für eine hohe Dame des Barocks, auch komplizierte Stickereien ausführen zu können.  Maria Theresia ersparte dies ihren Töchtern nicht – zumal sie den treffend Spruch von sich gab: „Wer stickt, sündigt nicht…“ Die beiden Erzherzoginnen, die hier, von Liotard porträtiert, als junge Mädchen beim Sticken gezeigt werden, Maria Amalia (die spätere Herzogin von Parma) und Maria Antonia (die später als Marie Antoinette Königin von Frankreich war), sehen allerdings nicht sehr glücklich dabei aus…

DSC04322 Stickende Erzherzoginnen x~1

Prunkstücke aus der Familie   Das Kunsthistorische Museum besitzt an die 1700 Objekte an liturgischen Gewändern, und man zeigt u.a. Stücke, die in besonderer Beziehung zur kaiserlichen Familie stehen – unter den Ornaten, Paramenten und Kaseln (Fachbezeichnungen, die vielleicht gar nicht allgemein vertraut sind), die von Maria Theresia und ihren Eltern reichlich gespendet wurden, findet sich auch ein Mantelkleid-Ornat, das laut Überlieferung aus dem Gewand hergestellt wurde, das Franz Stephan von Lothringen zu seiner Hochzeit mit Maria Theresia getragen hat. Dazu noch ganz „private“ Objekte aus dem Leben der kaiserlichen Familie: Man sieht auch die Eheringe von Maria Theresia und Franz Stephen von Lothringen. Kronprinz Rudolf und Prinzessin Stephanie von Belgien haben sie später getragen – die glückliche Ehe der Vorgänger wurde ihnen damit leider nicht zuteil.

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Als es zu Ende ging … Es finden sich auch Mitren in der Ausstellung, jene spitzmützigen Kopfbedeckungen, die neben dem Papst nur Kardinälen und Bischöfen vorbehalten waren. Eine Mitra brachte Papst Pius VI. Kaiser Joseph II. als Gastgeschenk nach Wien, ohne dass es ihm gelungen wäre, aus Maria Theresias Sohn einen in seinem Sinne guten Katholiken zu machen… Mit ihm ging nicht nur der Barock, sondern auch der überbordende Katholizismus des Kaiserhauses zu Ende.

DSC04337 moderner Ornat~1

Moderne Intervention    Es ist Gewohnheit geworden, zu Ausstellungen mit „alten“ Themen moderne Künstler heranzuziehen, die quasi ihre zeitgenössischen Kommentare zu dem Gebotenen beisteuern. In diesem Fall sind es der auch als Bühnengestalter tätige Christof Cremer sowie der Berliner Modekünstler Stephan Hann. „Moderne“ Variationen der Messgewänder können da weniger in der  Form als im „Inhalt“ variieren – so hat Hamm auf einem Kasel anstelle der klassischen Ornamente Texte in ornamentaler Form appliziert oder Cremer ein Kasel in Form eines schwarz-goldenen Umhangs gestaltet (den manche Dame möglicherweise auch in die Oper tragen könnte…)

Kaiserliche Schatzkammer Wien, Hofburg, Schweizerhof
Bis 7. November 2016, täglich außer Di, 9.00 bis17.30 Uhr
Einlass ist jeweils bis eine halbe Stunde vor Schließzeit

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