Der Neue Merker

WIEN / Scala: JACOBOWSKY UND DER OBERST

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Hermann J. Kogler, Martina Dähne, Alexander Rossi  (Foto: Bettina Frenzel)

WIEN / Scala:
JACOBOWSKY UND DER OBERST von Franz Werfel
Premiere: 27. Mai 2017

Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ ist und bleibt ein schönes Stück aus der Lade der „Well Made Plays“, aber heutzutage ist es mehr. Denn da steht ein Flüchtling, dem der Tod im Nacken sitzt, für alle, die verzweifelt davonlaufen mit dem (oft vergeblichen) Wunsch, ein neues Vaterland zu finden. Freilich, so letztendlich gnädig wie mit Jacobowsky geht das Schicksal nicht mit allen um – nicht nur, dass er die Taschen glücklicherweise unerschöpflich voll von Geld hat, der Theatergott in Gestalt von Autor Werfel lässt ihn auch immer wieder Glück haben, wenn er es braucht… und dergleichen gehört wohl eher in die Welt der Fiktion als der Realität.

Man kann und will Franz Werfel, dessen Stück durch die Verfilmung mit Danny Kaye und Curd Jürgens verdienten Weltruhm erlangte, nicht vorwerfen, dass er hier nicht nur das traurige Lamento des armen, verfolgten Juden anstimmen wollte. Dass er dessen Schicksal mit einem stolz geschwellten polnischen Offizier zusammen spannt, macht nun die „Komödie einer Tragödie“ aus, wie das Stück benannt wurde, und lässt die Dinge doch im Endeffekt meist zu betulich erscheinen. Schließlich geht es ja auch um die Pointen, die der flüchtende Jude S.L. Jacobowsky als Weisheiten aus seinem tragischen Leben anzubringen hat: Denn Lächeln ist das Erbteil ihres Stammes, wie es bei Torberg so richtig heißt.

Man folgt Jacobowsky aus dem besetzten Paris bis an die Küste, wo er doch noch im rettenden U-Boot der Briten den Nazis entkommt (die stimmungsvoll gelungenen Bühnenbilder samt Auto hat Sam Madwar beigestellt). Diese Odyssee wird gewürzt durch das bramarbasierende Gepolter des Polen Oberst Stjerbinsky, die trockenen Kommentare von dessen Burschen Szabuniewicz und schließlich enorm aufgeputzt durch eine schöne Französin, die nicht von ungefähr „Marianne“ heißt (denn so bezeichnet man bekanntlich ihre ganze Nation).

Die Inszenierung von Bruno Max geht dem Stück und seiner Glätte ein wenig auf den Leim, lässt alles zu lang ausspielen (kürzen, kürzen, kürzen) und verliebt sich in die Werfel’schen Effekte. Das heißt, dass sowohl der Oberst des Alexander Rossi wie der übertrieben sächselnde Nazi des Bernie Feit zu überdeutlich ausfallen und als komische Figuren ausgestellt werden, was vor allem bei Letztgenanntem verheerend ist – denn damit wird die tödliche Gefährlichkeit, die von der Figur ausgeht, unterspielt.

Und der Oberst verdiente auch, nicht nur als dummer, herumbrüllender Gockel auf der Bühne zu stehen, sondern als ein Mann, der glaubt, was er sagt – erst, wenn er nach den Leiden der Flucht gegen Ende wie verwandelt erscheint, wird ein echter Mensch daraus. Was auch für die Marianne der Martina Dähne gilt, die die – von Werfel angelegte – Zickigkeit der Figur anfangs durchaus etwas unterdrücken könnte, zeigt sie doch am Ende, welch große Seele in ihr wohnt. Eine Kostbarkeit an trockener Pointierung ist der Szabuniewicz von Robert Stuc, idealer kann man sich diese Figur gar nicht vorstellen. 

Natürlich dreht sich das Stück um S.L. Jacobowsky, den Werfel quasi zum „ewigen Juden“ mit lebenslanger Fluchterfahrung macht, dem er aber auch die Eigenschaften seines Stammes – nicht nur den Humor, sondern auch die wunderbare Befähigung zu Organisation, Überblick und Logistik – mitgibt, um sein Überleben glaubhaft zu machen. Der leicht tragisch umflorte, aber seine Tragödie nie ausstellende Hermann J. Kogler ist eine Idealbesetzung, der sich auch selten zu Vordergründigkeit verleiten lässt, was man ihm besonders dankt.

Ein enormes Ensemble würfelte kompetent die Figuren zwischen Franzosen im Krieg, deutschen Soldaten und einem rettenden Briten zusammen. Das Stück tat trotz ziemlicher Länge seine Wirkung, und die Frage, wie es kommt, dass schuldlose Menschen vertrieben und verfolgt werden, koppelt den Abend hart an die Gegenwart an.

Renate Wagner

Weitere Termine: 30.Mai bis 03.Juni., 06.-10., 13.-17., 20. & 21.Juni. jeweils um 19:45

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