Der Neue Merker

WIEN / Scala: DAS MASS DER DINGE

Johanna Withalm, Hendrik Winkler, Florian Graf, Selina Ströbele~1
Fotos: Bettina Frenzel

WIEN / Scala: 
DAS MASS DER DINGE von Neil LaBute
Premiere: 17. September 2016 

An dem Tag, als die Nachricht vom Tod Edward Albees in den Medien erschien, hatte am Theater Scala „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute Premiere. Und das bewies wieder einmal, wenn man es nicht schon gewusst hat, dass es nach wie vor große Dramatiker in den USA gibt. Nicht viele, wahrlich. Aber die Besten – Albee war ein solcher, LaBute ist ein solcher – verstehen es, das Publikum regelrecht zu verstören. Und das ist eine wunderbare Eigenschaft des Theaters.

Das Stück ist nicht neu, es wurde 2001 in London uraufgeführt, das Burgtheater hat 2002 die deutschsprachige Erstaufführung (mit Johanna Wokalek in der Hauptrolle) herausgebracht. Eineinhalb Jahrzehnte später hat es nichts von seiner Wirkung verloren. Meisterhaft führt der Autor sein Publikum die längste Zeit in die Irre. Wie meist krönt er sein Stück mit einem unerwarteten Schlusseffekt, der nochmals ganz neue Seiten der Problematik aufblättert. Man muss, um wirklich sagen zu können, was daran besonders ist, diese Pointe „spoilen“…

Die erste Szene spielt im Museum. Der dickliche junge Museumswärter sieht sich mit einer aggressiven jungen Frau konfrontiert, die ein Kunstwerk beschädigen will, um ein „Statement“ zu setzen. Sie flirtet ihn an, um ihn zu manipulieren – und es gelingt. Sie werden ein Paar, sie verändert ihn in jedem Detail. LaBute hat sein erstes Thema – der konventionelle Mann, die gänzlich von jeder Norm abweichende, scheinbar spontane, immer rätselhafte Frau. Der Schwächere „gibt nach“, sie verändert ihn. (Dass er Adam heißt und sie, wenn schon nicht Eva, so doch Evelyn, ist eine Pointe, aber die „ersten Menschen“ sind nicht gemeint.)

Dann wird ein weiteres Paar eingeführt, Jenny und Philipp, die heiraten wollen (und eigentlich doch nicht wirklich), und LaBute ist wieder ein Meister darin, von den Schwierigkeiten der Kommunikation zu erzählen, von der Verwirrung im gegenseitigen Umgang, von der Unsicherheit der Gefühle, wenn das Kräfteverhältnis sich ändert. Man könnte ein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel erwarten, doch das bleibt, so es denn kommt, peripher.

Und dann die Pointe, wie sie grausamer nicht sein könnte, dabei längst immer wieder angetippt wurde, wenn Evelyn ihr „Künstlertum“ als individuelle Performance-Gestalterin auch gegen jene wild verteidigt, die dafür keinerlei Verständnis zeigen. Ja, Adam war ihr Experiment, die „menschliche Plastik“, ein Werk der Veränderung, das sie mit allen Mitteln von Lüge und Betrug geformt hat. Gewissenlos, von ihrem Recht daran überzeugt, mit Menschen umzugehen wie mit einem leblosen Stück Fleisch.

Diese brutal-experimentellen Ansätze einer „Kunst“, wie es sie heute vielfach gibt, werden von LaBute in ihrer Unmenschlichkeit vernichtet. Und was ist diese „Kunst“ eigentlich? Eine rein subjektive  Sache – richtig für die einen, gar nichts für die anderen? Ist diese Unentschiedenheit das einzige Kriterium dafür, dass es in unserer Welt der totalen Verunsicherung kein Kriterium mehr gibt, kein messbares „Maß der Dinge“?

Das Stück könnte komödiantischer verstanden werden, aber es tut ihm gut, dass Regisseur Rüdiger Hentzschel es auf der Bühne der Scala gänzlich ernst nimmt. Bitter. Schmerzlich. Verunsichernd. Er hat sich selbst eine wirkungsvolle „Bühne“ aus ein paar Stufen gebaut, ideal zu bespielen, Verwandlungen unnötig. Zwischen den Szenen im Hintergrund Videos, einige zu lang, aber es stört nicht. Und immer großartig die Atmosphäre der Unsicherheit: Man spürt jede Sekunde, dass hier etwas absolut nicht stimmt…

Johanna Withalm_x~1

Johanna Withalm konnte in der Scala schon oft zeigen, dass sie eine außerordentliche Schauspielerin ist, aber diesmal hilft ihr die Rolle der Evelyn, ihre ganz eigene Brillanz auszuspielen. Eine Persönlichkeit, die voll in den Bann zieht, obwohl man sie eigentlich nicht mag, sich vor ihr fürchtet. Sie umgarnt das Publikum ebenso wie Adam.

Dieser ist Hendrik Winkler und ideal für den armen „Normalo“, der sich durch Liebe (sprich: durch Sex, Beschwörung, Beachtung – was man einem unscheinbaren jungen Mann eben zuwenden kann, damit er sich „neu“ fühlt) im Grunde gegen seinen Willen verändern lässt. Auch wenn er nach und nach den allgemeinen Schönheitsidealen entspricht (schlank, muskulös, keine Brille mehr, stylishe Frisur, neue Klamotten), tut er es nur, um Evelyn zu gefallen. Auch ganz am Ende, als er die bittere Pille der Erkenntnis geschluckt hat, ist er noch nicht ganz geheilt…

Stark kommt auch Selina Ströbele zur Geltung, der klassische Fall der „einfach“ gestrickten Frau, die sich der Intellektuellen gegenüber unterlegen fühlt. Und nebenbei wütet Florian Graf als Philipp sehr glaubhaft gegen Evelyn, deren Schädlichkeit er erkennt, und muss hinnehmen, wie ihm alle seine Beziehungen unter den Händen zerfallen…

Wer am Ende geschockt ist, hat das Stück verstanden, das von der Inszenierung jede Unterstützung bekam, um seine volle Wirkung zu entfalten.

Renate Wagner

Vorstellungen: 21.09. bis 7.10. jeweils Mi – Sa
Beginn: 19.45 Uhr. Reservierung und Info: 01/ 544 20 70
Homepage: www.theaterscala.at

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