Der Neue Merker

WIEN/ Ronacher: TANZ DER VAMPIRE – Gruselcharme zum Amüsement

30.9.2017: Neue Einstudierung von Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ im Wiener Ronacher:


GRUSELCHARME ZUM AMÜSEMENT


Copyright: Christian Hoefinger

Regie-Größe Roman Polanski meldete sich mit an die Vereinigten Bühnen Wien adressierten Grußworten: „Ich wünsche den Vampiren alles Gute zum Geburtstag.“ Nun, diese erbärmliche Horde an Vampiren verdient sich für ihr wackelig zuckendes Auftreten schon ordentliches Lob. Polanskis Musical-Fassung seines Kultfilmes aus dem Jahr 1967, nun mit Buch und den Liedtexten (etwas weniger geistreichen: „… weil ich Dich liebe“) von Michael Kunze, hat sich als Erfolgsgeschichte  erwiesen. Dieses Amüsier-Grusical wurde seit der Wiener Uraufführung vor genau zwei Jahrzehnten – deshalb auch die Geburtstagswünsche –  damals vom polnischen Regiegenie höchstpersönlich mit viel theatralischem Fingerspitzengefühl inszeniert. Und kann nun im Ronacher nach wie vor wieder alle Polanski- und Musicalfans  erfreuen. 

Vielleicht mag die neue Einstudierung, der Originalinszenierung folgend, durch Cornelius Baltus, in dunkleren, verwascheneren Tönen als früher gehalten, nicht ganz so poesievoll und spielerisch charmant wirken wie zuvor Polanskis Psycho-Feinarbeit. Doch bei der Wanderung durch die verschneite Gebirgsödnis Transsylvaniens hin zum verwunschenen Horrorschloss des Obervampirs Graf von Krolock (Drew Sarich, sich kraftvoll souverän gebärend) kommt schon die richtige Spannung auf. Die vielen Bilderwechsel und Schauer-Gothic-Animationen verblüffen immer wieder: Der Budapester Multimedia-Künstlers Kentaur hat als Gesamtausstatter eine perfekt funktionierende Nachtmahr–Szenerie hingezaubert. Und dazu verleiht Choreograph Dennis Callahan der sich räudig aufdrängenden Vampirschar ein schwungvolles Gruftleben.

Jim Steinmans aufrauschende Musikuntermalung illustriert stets stimmig die schaurigen Blutsauger-Episoden und so manch pathetisches Geschrei, wiederholt die besseren Themen jedoch allzu oft und leidet doch ein kleinwenig an Charaktermangel. Dirigent Koen Schoots, seit 2010 Musikdirektor der Vereinigten Bühnen Wien und stets wohl eher ein musikalischer Grobschmied, scheidet nun aus, stand am Premierenabend letztmals am Pult des Ronacher.

Sie verhalten sich schon einigermaßen tapfer auf ihrer unheilvollen Erkundigungsreise in die entlegene Heimat der Vampire: Der skurril-senile Professor Abronsisus (Sebastian Brandmeir) und sein im Film von Polanski selbst gespielter patscherter Assistent Alfred (Raphael Gross). Doch für den Jungen wie für den ruppigen Wirt Chagal (Nicolas Tenerani) und dessen liebeswilliger Tochter (Diana Schnierer als Schreisuse Sarah) gibt es kein Entkommen vor den so leckeren und genüsslich zelebrierten blutigen Bissen. Der Publikumserfolg sollte gegeben sein, und somit ist, dem derzeit überstrapazierten Modewort folgend, dieses auch im Reich der Blutsauger durchaus angebracht: wunderbar!

Meinhard Rüdenauer

 

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