Der Neue Merker

WIEN / Raimundtheater: I AM FROM AUSTRIA

I am from Austria Plakat~1

WIEN / Raimundtheater:
I AM FROM AUSTRIA
Das Musical mit den Hits von Rainhard Fendrich
Uraufführung
Premiere: 16. September 2017

Der uralte Schikaneder hat es nicht geschafft, die „Alte Dame“ auch nicht, und der ebenfalls nicht taufrische „Don Camillo“ ebenso wenig. Den Vereinigten Bühnen Wien bleibt in ihren Musical-Häusern der Erfolg aus, und was immer man in letzter Zeit „selbst gestrickt“ hat, erwies sich als „Bauchfleck“.

Da erinnerte man sich offenbar daran, dass ein paar alte Udo-Jürgens-Schlager auf einem „Traumschiff“ so einigermaßen funktioniert haben und wollte noch einmal auf den Österreich-Bonus setzen. Wenn der tote Udo gut ist, kann der lebendige Rainhard noch besser sein. Aber mitnichten, um es gleich zu sagen: „I am from Austria“ – „Das Musical mit den Hits von Rainhard Fendrich“, wie die seltsame Bezeichnung lautet – ist alles andere als ein Aushängeschild für österreichische Musical-Kultur, im Gegenteil. Über weite Strecken wirkt das Gebotene nur kläglich.

Dafür gibt es viele Gründe, und der wichtigste ist das Libretto, das „Buch & Idee“ Titus Hoffmann zugeschrieben wird, an dem aber auch Intendant Christian Struppeck beteiligt war. Die Geschichte erinnert an einen Film der fünfziger Jahre: ein Hotel, fest in den Händen der Eltern, die den Sohn nicht ranlassen; ein weltberühmter Filmstar, der aus Hollywood anreist, aber kein Filmstar mehr sein mag, sondern nur das Mäderl aus Österreich, das sie einst war; dazu die klassischen Nebenfiguren – der vollmundige Manager, der Piccolo, der internationale Fußballstar und der Hans Moser, diesmal in Gestalt von Dolores Schmidinger, die sich als Concierge „Elfie Schratt“ einen Sandrock-Ton zugelegt hat und einen blöden Kalauer nach dem anderen abliefern muss.

Die sinnlosen, dummen Turbulenzen, die das dramaturgische Schiff wüst schaukeln lassen, sind nur dazu da, dass man alle paar Minuten gewaltsam einen Fendrich-Hit von anno dazumal einschieben kann. In der ersten Hälfte des Abends findet sich auch Zeit für ein paar Tanzeinlagen, in der zweiten werden diese dürftig. Die Hintergrund-Crew ist in „Ensemble“ und „Swingers“ eingeteilt – man darf davon ausgehen, dass das Ensemble nach Leibeskräften schreit und die Swingers flott die Choreographie von Kim Duddy exekutieren.

Was die Fendrich-Schlager betrifft, bei denen das kundige Publikum oft schon lacht, wenn die ersten Töne hörbar werden, so ist dem Nicht-Kenner das, was da textlich und musikalisch geboten wird, vor allem einförmig in Rhythmik und Melodik, und die ungeheure Lautstärke, zu der Dirigent Michael Römer die Sache aufpeitscht, macht sie nicht besser. Man kann auch bei allem Wiener Jargon nicht ernsthaft sagen, dass „der Schmäh“ rennt.

Die aufgelegt satirischen Nummern gegen „High Society“ (genau die, die bei der Premiere im Publikum saß), gegen die Polizei, gegen die Korruption sind einfach schwach, und im übrigen trieft über unsäglichen Lebenswahrheiten (vor allem das Hotelier-Paar darf sich streiten und finden und zu Erkenntnissen kommen) unerträglich klebrige Sentimentalität.

Das wird nur vom Kitsch der Titelnummer übertroffen – da überkommen den Filmstar aus Hollywood auf der Berghütte die heimatlichen Gefühle, die Erkenntnisse, hierher zu gehören, „I am from Austria!“, und eine Gams steht in den Klippen und schaut dabei zu. Um noch ein paar Effekte zu landen, ist das Liebespaar vorher per Hubschrauber auf der Bergspitze gelandet, aber so beeindruckend wie bei „Miss Saigon“ war es nicht…

Natürlich ist das Ganze parodistisch gemeint, was die Qualität der Routine-Inszenierung von Andreas Gergen allerdings nicht hebt. Da hat Stephan Prattes ein Bühnenbild geschaffen, das auf der Drehbühne zwei Gesichter hat: Eines ist eine rosa Torte (!!!!), die für die Hotelräume steht, das andere vor flachem Hintergrund die Hotelrezeption, die sich (meist mit Hilfe von Videoprojektionen) in alles verwandeln kann – bis zum Aufgang der Staatsoper, denn das letzte Bild spielt am Opernball, und da werden sie dann als Pappköpfe hergetragen, die Promis vom Mozart bis zum Freud, von der Dagi bis zur Conchita.

Ja, und nicht zu vergessen, es gibt eine Szene unter den Brücken von Wien, wo sich die Arbeitslosen und Hungernden scharen, die von dem Hotelier-Sohn heimlich gespeist werden… Es ist wirklich auf nichts vergessen worden. Nur auf eine Geschichte, die den Verstand nicht beleidigt.

Immerhin hat man erstklassig besetzt. Schon als man Iréna Flury im Theater der Jugend gesehen hat, war um sie etwas Besonderes – und nun ist sie ein potenter Musicalstar. Bildhübsch unter einer Blondhaar-Frisur, die an die junge Catherine Deneuve erinnert, fabelhafte Figur, gute Sprache, und mit Hilfe der Mikros „beltet“ sie, dass es nicht höher geht. Die Problemchen ihrer Figur bewältigt sie mit links. Welch ein Jammer, dass ihr Manager (schräg und komisch: Martin Bermoser) sie immer zwingen will, schlechte Filme zu machen, wo sie doch von der Zusammenarbeit mit Tarantino träumt… Und am Ende soll sie am Opernball mit einem muskelbepackten Fußballer (Fabio Diso ist eher schmal, aber witzig) verlobt werden. Ihr Rückzug (sie hat doch den Hotelier-Sohn gewählt, in den sie sich verliebt hat!!!)  gibt ihm die Gelegenheit, sich als schwul zu outen, was zu Jubel im Publikum führt. Wie gesagt, alles drin.

Ihr Liebster, der Hotelier-Sohn, ist mit Lukas Perman sehr sympathisch besetzt, er muss nur immer kämpfen, dass er nicht ins Hintertreffen gerät. Denn die anderen Figuren bekommen immer wieder ihre Auftritte, Elisabeth Engstler und Andreas Steppan (er ist die ideale Besetzung für ideale Gatten) als das Hotelier-Ehepaar zwischen Beruf und auf der Suche nach der Liebe von einst, oder Matthias Trattner als ganz witziger autoverrückter Piccolo, der am Ende die Schmidinger-Concierge im Debutantinnen-Gewand zum Opernball führen muss… Nein, es ist wirklich zu viel. Und auf allen Ebenen zu wenig.

Dass die Musical-Premieren heftig beklatscht werden, gehört dazu, die Promi-Society weiß, wozu die Freikarten und die Premierenparty verpflichten. Die Entscheidung über eine Produktion treffen dann die Zuschauer. Dass der Name Fendrich mehr Anziehungskraft hat als Schikaneder, ist anzunehmen. Ob er Erwartungen einer breiten Publikumsschicht erfüllt, ob diese hier gebotene, schier unerträgliche österreichische Selbstbild greift, wird sich zeigen.

Renate Wagner

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