Der Neue Merker

WIEN / Nationalbibliothek: MARIA THERESIA

NB Plakat breit
Alle Fotos: Österreichische Nationalbiblithek

WIEN / Österreichische Nationalbibliothek / Prunksaal: 
MARIA THERESIA
HABSBURGS MÄCHTIGSTE FRAU
Vom 17. Februar 2017 bis zum 5. Juni 2017 

Gehuldigt in Vaters Prunksaal

Es war Kaiser Karl IV., der jenen Teil der Hofburg bauen ließ, in dem sich der Prunksaal befindet, unter dessen Kuppel er als Statue majestätisch die Besucher empfängt. Vielleicht hat seine Tochter, die kleine Erzherzogin Maria Theresia, der man große Begeisterung für das Bauen nachsagte, an dieser „Baustelle“ herumgetollt. Heute widmet ihr die Österreichische Nationalbibliothek in diesem Prachtraum die große Ausstellung zu ihrem 300. Geburtstag. Dabei hat man in Dokumenten-, Buch-, Handschriften- und Bild-Archiven tief in die eigenen Schätze gegriffen. Manches wurde hervorgeholt, das bisher noch nie an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Von Heiner Wesemann

Eine Biographie nach Einzelaspekten     Das Bild Maria Theresias „von der Wiege bis zur Bahre“, wie man es für Franz Joseph in dessen Ausstellung so überzeugend gezeigt bekam, gibt es diesmal nicht. Zwar ist sie in vielen Porträts vertreten, vom jungen Mädchen bis zu alten Frau in Witwentracht, dazu die propagandistisch wichtigen und wirkungsvollen Familienbilder. Aber die Österreichische Nationalbibliothek zeigt keine ausgesprochen biographische Ausstellung zum 300. Geburtstag der „Kaiserin“, über deren Berechtigung, diesen Titel zu tragen, man wohl noch endlos streiten wird. Vielmehr sind es Themenschwerpunkte, die geboten werden, zu denen die Nationalbibliothek aus ihren zahlreichen Sammlungen Wichtiges beisteuern kann.

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Die Erbhuldigung     Ohne die „Pragmatische Sanktion“ ihres Vaters hätte es eine Herrscherin namens Maria Theresia nie gegeben, die weibliche Erbfolge war davor nicht vorgesehen gewesen. Zuerst huldigten ihr 1740 nach dem Tod ihres Vaters Karl VI. die Niederösterreichischen Stände, und ein großes, querformatiges Blatt, das Georg Kristof Kriegl zu diesem Ereignis gestochen hat, bildet in der Vitrine links bald nach dem Eingang gleich den ersten optischen Schwerpunkt: Maria Theresia in einer Sänfte, am Graben in Richtung Pestsäule unterwegs. Unmengen von Gefolge im Hintergrund, das staunende Volk vorne (mit dem Rücken zum Betrachter). Die Nationalbibliothek hat den Einband dieses großformatigen Werks mit Hilfe einer publizistisch wirkungsvollen Crowdfunding-Aktion restaurieren lassen. Das Projekt ist noch nicht fertig gediehen, der Einband wird erst im April gezeigt werden können.

Gattin und Mutter    Das private Leben Maria Theresia, die Franz Stephan von Lothringen heiratete, kann auch mit ganz persönlichen Dokumenten belegt werden, etwa einem Brief, den sie ihm schrieb (ein anderer bemerkenswerter Brief der  Ausstellung ist zwar auch im Ton ausgesucht höflich, stammt aber von ihrem Erzfeind, König Friedrich II. von Preußen). Was Maria Theresias Kinderschar betrifft, so hat man Unterrichtsmaterial für den Erzherzog Ferdinand Karl aus den Archiven geholt, prachtvolle Blätter, „Institutio archiducalis“ genannt, die in buntesten Bildern dem durchlauchtigsten Schüler das Lernen angenehm machen und das Verständnis der damaligen Welt erleichtern sollte.

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Lernen für alle   Dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht eingeführt hat, steht bald danach im Programm der Ausstellung. In einem Beamtenstaat, wie er damals straff organisiert wurde, gibt es zu allen Belangen des Lebens gedruckte Vorschriften, also auch „Anweisungen für Lehrer und Eltern“ und eine „Allgemeine Schulordung“. Die richtige Sitz- und Schreibhaltung wurde per Zeichnung, als Kupferstiche verbreitet, vorgegeben.

Hof- und Musikleben   Ungeachtet der Kriege, die über lange Perioden den Alltag der Monarchie überschatteten, gab es in der Welt Maria Theresias üppige Vergnügungen. Den Musikfreund wird dabei die Abschrift einer „Ascanio in Alba“-Partitur besonders faszinieren, trägt sie doch eigenhändige Eintragungen Mozarts. Das Titelblatt von Glucks „Alceste“-Partitur, Werke von Metastasio und Caldara ergänzen das Angebot der Kostbarkeiten. Weitaus gröbere Volksbelustigungen stehen dem entgegen – man berücksichtigt ja nicht nur Maria Theresia, sondern auch die Welt um sie herum.

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Farbflecke   Die Ausstellung bietet Gedrucktes und Gestochenes zu den Themen Wissenschaft oder Religion, wobei farbige Blickfänge in der doch meist grauschwarzen Welt der Drucke auszumachen sind, etwa die Vogel- und Pflanzendarstellungen oder auch ein farbenprunkendes Gebetbuch der Kaiserin. Von Vitrine zu Vitrine schreitend, landet man bei Daumenschrauben, bei Militär und Krieg und auch bei einer Karikatur von solcher Grobheit, dass sie aus heutiger Zeit stammen könnte: Es ist metaphorisch gemeint, wie Männer einer bereits halbnackten Maria Theresia die Kleider vom Leib reißen (so wie man ihrem Reich die Stücke von Ländern raubte), hat aber durchaus einen obszönen Effekt.

Schwerpunkte   Gerade dergleichen sollte es ja nun nicht geben dürfen, darum verbot die Zensur vieles, voran Bücher. Bemerkenswert, wie voluminös der „Catalogus Librorum Prohibitorum“ ist, der zeigt, dass Maria Theresias doch wahrlich fortschrittlicher Hofarzt Gerard van Swieten in seiner Eigenschaft als  Vorsitzender der Bücherzensur-Hofkommission sehr tätig werden musste. In einer Welt, in der Kriege an der Tagesordnung waren, waren auch Landkarten von großer Bedeutung – nicht nur das Gelände wurde vermessen, auch von Wien gab es neue Pläne, darunter ein ausgesucht schönes Stück von Josef Daniel von Huber, das die Gebäude der Stadt als Aufrisszeichnung zeigt. Gleichfalls als bemerkenswertes Zeitdokument erscheint das Lotterie-Privileg, eine der vielen Möglichkeiten des Staates, zu Geld zu kommen.

Was man in Schränken findet   Aus dem Besitz von Kaiser Maximilian von Mexiko kamen Stücke aus dessen Nachlaß in den Besitz der Nationalbibliothek, um die sich offenbar bislang niemand so recht gekümmert hat. Erst die Vorarbeit zu dieser Ausstellung brachten genauere Beschäftigung mit einer Reihe von Kameen von Philipp Abraham. Diese zeigen kunstvoll geschnittene skulpturale Porträts von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, im 19. Jahrhundert  auf Samt gelegt und mit  Goldrahmen versehen.

Bildnis in Witwentracht an einem Schreibtisch sitzend. Aquarell auf Elfenbein, unbekannter Künstler um 1770.  Wien, Hofburg, Präsidentschaftskanzlei.

In jeder Hinsicht ein Denkmal    So bemerkenswert ihr Leben war, so reich ist das Nachleben Maria Theresias in jeder Hinsicht. Lange galt sie als Repräsentationsfigur der Monarchie, aber auch später noch, auch die Republik Österreich empfing Staatsgäste gerne unter ihrem Gemälde. Ihr Denkmal wurde in der Ära von Kaiser Franz Joseph auf dem Platz zwischen den neu errichteten Museen an der Ringstraße aufgestellt, aber auch das Triviale und Populäre bediente sich an ihrer Figur. Volksschauspielerin Marie Geistinger hat sie ebenso auf der Bühne verkörpert wie Franz Josephs Freundin Katharina Schratt es tat, und im Nachkriegsfilm erschien sie in Gestalt von Paula Wessely. Zu jedem Jubiläum hat man ihr noch große Ausstellungen gewidmet, und das ist auch 2017 nicht anders. Nur dass die schrankenlose Bewunderung von einst nun auch kritischeren Betrachtungen ihrer Person Raum gibt.

Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal:
Maria Theresia. Habsburgs mächtigste Frau
Bis 5. Juni 2017, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

Der Katalog, 256 Seiten, Großformat, reich bebildert, ist im Eigenverlag erschienen
und geht in Fachartikeln auf Schwerpunkte der Ausstellung ein

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