Der Neue Merker

WIEN / Nationalbibliothek: GOLDENE ZEITEN

Goldene Zeiten Plakat breit

WIEN / Österreichische Nationalbibliothek / Prunksaal:
GOLDENE ZEITEN
Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance
Vom 20. November 2015 bis zum 21. Februar 2016

Zum Gebrauch und zur ewigen Erinnerung

Das Unternehmen ist ein europäisches: „Meisterwerke der Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa“ wurde zwölf führenden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum als Gesamtprojekt vorgegeben, aber kein Zweifel, dass die Österreichische Nationalbibliothek hier Besonderes zu bieten hat und in ihrem singulären Ausstellungsraum, dem Prunksaal, auch exzeptionell präsentiert. Von den kostbarsten Handschriften bis zu den frühesten Drucken (Mitte des 15. Jahrhunderts hatte Gutenberg den Buchdruck erfunden und damit die Welt buchstäblich revolutioniert) sind außerordentliche Beispiele zu sehen.

Von Renate Wagner

Bücher… Als es jedes Buch – von Hand geschrieben und ausgeschmückt – nur einmal gab, waren nur zwei Auftraggeber möglich: Die Klöster, deren gebildete und kunstsinnigen Mönche in oft lebenslanger Arbeit über ihren Pergamenten saßen, um Texte und Bilder in großartiger Gestaltung zur höheren Ehre Gottes zu schaffen. Und die Kaiser und Fürsten, die sich diese Bücher herstellen ließen – Gebetsbücher natürlich in erster Linie, aber über die Religion hinaus noch Lehrbücher und Werke, die sich zur Verherrlichung der Fürsten, zur Repräsentation, zur Befestigung des Machtanspruchs verwenden ließen. Keiner wusste beispielsweise wie Kaiser Maximilian I., dass er für seinen Ruhm zu Lebzeiten und darüber hinaus selbst sorgen musste, damit man mit dem Glockenton nicht vergessen würde, wie er sagte…

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Der goldene Einband   Gleich zu Beginn der Ausstellung liegt links in einem Schaukasten ein spektakulärer silber-goldener Buchumschlag, Strahlen gehen von der Mitte, einem Löwenkopf aus, zu vier Löwenköpfen an den vier Ecken, bis zu einer ornamental geschmückten Leiste an den Rändern. In solch kostbaren Evangeliaren verwahrte man die nicht minder kostbaren Handschriften, aber die wenigsten dieser „Buchumschläge“ haben überlebt, die meisten wurden ihrer Edelmetalle (oft auch dazu noch Edelsteine) wegen zerlegt und anders verwertet. Dieses gehört zum Evangeliar des Johannes von Troppau, in Böhmen entstanden, aus dem Jahre 1368 und damit das älteste Buch der Ausstellung – golden nicht nur der Einband, sondern auch die Schrift. Vielleicht hat noch Rudolf der Stifter, der früh starb, dies als Krönungsevangeliar konzipieren lassen – weder er noch sein Bruder Albrecht brachten es zur Kaiserwürde, wohl aber später deren Großneffe Friedrich III. Er und sein Sohn sind dann jene Persönlichkeiten der Familie Habsburg, mit denen die meisten Kostbarkeiten dieser Ausstellung irgendwie zusammen hängen.

Friedrich III., der Büchersammler     Er hat das „AEIOU“ in die österreichische Ikonographie und Geisteswelt eingeführt (von dem niemand definitiv weiß, was es heißen sollte – „Austria erit in orbe ultima“ ist nur ein Vorschlag), aber jedenfalls war dies sein Zeichen, und Friedrich ließ es in viele Bücher einprägen, die er in Besitz nahm, ererbt oder erworben: Etwa die „Goldene Bulle“ von König Wenzel von Böhmen (auch in der Ausstellung zu sehen). Viele Bücher ließ er auch herstellen – Prachthandschriften zu seiner Königswahl, repräsentative Gebetbücher für sich und seine Gattin, kleine, die man auch täglich in die Hand nahm und benützte. Für Sohn Maximilian wurden Lehrbücher für den kleinen Prinzen bestellt – von allem gibt es Beispiele. (Allerdings verrät Kurator Andreas Fingernagel, dass manche dieser Werke keinerlei Gebrauchsspuren aufweisen!)

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Maximilian I., der Büchermacher     War Friedrich ein passionierter Büchersammler, so ging sein Sohn Maximilian I. noch weiter. Er wurde zum passionierten Büchermacher, denn er erkannte deren propagandistischen Wert ebenso wie den historischen, und dass man zu seiner Zeit Bücher auch drucken, also vervielfältigen konnte, stieß ein Tor in die Welt auf. Wenn Maximilian I. auch nicht alle seiner 120 in Angriff genommenen Projekte verwirklichen konnte, so wurden doch noch genügend realisiert und zeigen, auf welch breiter Ebene der Kaiser dort verfuhr: Nicht von ungefähr ließ er sich dabei darstellen, wie er seinem Sekretär diktierte… Dazu kam, dass Maximilian die großen Künstler seiner Epoche (Albrecht Dürer, Lucas Cranach oder Albrecht Altdorfer) beschäftigte, was seinen Wunsch, in der Nachwelt präsent zu sein, nicht nur in der Geschichte, sondern auch der Kunstgeschichte befestigte – so wie sein Grabmal, die „Schwarzen Mander“, in der Hofkirche in Innsbruck. Maximilian verewigte nicht nur selbst verfasste Epen („Theuerdank“ und „Weißkunig“) zwischen Buchdeckeln, die Konzepte seines Grabmals oder seines Triumphzuges, er ließ auch – anstelle von Fotografien, von denen man damals noch nicht einmal träumen konnte – seine Besitztümer malen und in Büchern aufbewahren, außerdem ausführlich an Habsburgischen Stammtafeln arbeiten. Er hat die geistige, künstlerische und soziale Revolution, die durch den Buchdruck bewirkt wurden, voll genützt.

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„Viennensia“ anno dazumal   Der Drucker Johannes Winterburger, aus dem Rheinland zugewandert, zeichnete für ein besonders interessantes Werk verantwortlich: 1502 kam aus seiner Druckerei das „Wiener Heiltumsbuch“, das sich nicht nur, wie der Titel sagt, mit Reliquien befasste (die einmal jährlich der Bevölkerung gezeigt wurden und hier in mehr als 260 Holzschnitten zwischen Buchdeckeln festgehalten sind). Darüber hinaus gibt es beispielsweise unter den Wien-Szenen eine frühe Darstellung des noch im Bau befindlichen Stephansdoms, und einige der darin befindlichen Holzschnitte stammten von Lucas Cranach. Es ist eine bunte, reiche, vielfältige Welt, in die diese Ausstellung den Betrachter entführt.

Bis 21. Februar 2016, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.

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