Der Neue Merker

WIEN / Nationalbibliothek: DER EWIGE KAISER

Der ewige Kaiser

WIEN / Österreichische Nationalbibliothek / Prunksaal:
DER EWIGE KAISER
Franz Joseph I. 1830–1916
Vom 11. März 2016 bis zum 27. November 2016

Von der Wiege bis zur Bahre

Als er vor hundert Jahren 86jährig starb, hatte er 68 lang die Habsburger-Monarchie regiert und wohl niemand in seinem Reich erinnerte sich daran, dass es je einen anderen „Kaiser“ gegeben hatte. Franz Joseph I., nach der so problematischen Revolution von 1848 zur Regierung gekommen, war Integrationsfigur eines Reiches, das gewissermaßen mit ihm unterging. „Der Kaiser“ als Zusammenhalt einer hoch problematischen multi-kulti-Welt – das stellt für die Nachwelt auch die Frage, wie dergleichen propagandistisch bewerkstelligt wurde. Die Ausstellung „Der ewige Kaiser“ in der Nationalbibliothek legt das gründlich und übersichtlich dar.

Von Renate Wagner

Kein fünftes Rad     Ein hundertster Todestag ist „rund“ genug, um eine gewaltige Ausstellungsmaschinerie in Gang zu setzen, auch wenn die fragliche Persönlichkeit, um die es geht, noch immer (und jetzt erst recht) heiß umstritten ist. Dennoch – an der Bedeutung, die Kaiser Franz Joseph I. für Österreich (das heutige und das einstige) hatte, ist nicht zu rütteln. Ein Ausstellungs-Quartett in der Habsburgischen Sommerresidenz Schönbrunn, in der dort angeschlossenen Wagenburg, in dem niederösterreichischen Schloß Niederweiden und im Hofmobliendepot wird hervorragend durch das Angebot der Österreichischen Nationalbibliothek ergänzt, die aus einem eigenen Bestanddem von rund 10.000 Fotografien, Grafiken und andere Lebensdokumenten rund um den vorletzten Kaiser schöpfen konnte. Diese Ausstellung ist kein fünftes Rad am Wagen, sondern eine unverzichtbare Ergänzung der Franz Joseph-Ausstellungen – abgesehen davon, dass es ja immer zu allererst die Bilder sind, die die Welt erreichen, die Mitwelt ebenso wie die Nachwelt. Dabei kann man seitens der Nationalbibliothek darauf hinweisen, dass von den 185 Exponaten der Ausstellung ein sehr großer Teil seit dem Tod des Kaisers nie zu sehen waren…

NB  Franz Joseph   Bildchronologie~1

Von der Wiege bis zur Bahre     Die Genieidee der Ausstellung bestand in einer so genannten „Installation“, die schlicht und einfach eine Bilderwand ist. 85 Lebensjahre, 85 Bilder, ein Gesicht von Jahr zu Jahr, von dem lockigen Baby bis zum Greis auf dem Totenbett. Zehn Meter ist diese Zeittafel lang, kein Jahr fehlt, und das ist begreiflich. Man weiß, dass Franz Josephs Mutter, die so intelligente wie starke wie überambitionierte Erzherzogin Sophie, sich ausrechnen konnte, dass dieser ihr Erstgeborener einmal Kaiser sein würde: Der alte Kaiser Franz I. starb, als Franz Joseph ein Kind war, sein Nachfolger Ferdinand I. war debil und würde kinderlos bleiben, und dass Sophies Gatte, Erzherzog Franz Karl, zugunsten des Sohns auf den Thron verzichten würde – dafür wollte sie schon sorgen, und sie hat es getan. So rollte die Propagandamaschinerie für einen künftigen Kaiser sozusagen von der ersten Minute an… und sie rollte sein ganzes, langes Leben hindurch.

NB  Franz Joseph   Thronbesteigung Dekret~1

Von der Malerei zu Fotografie und Film   Als Franz Joseph am 18. August 1830 in jenem Schloß Schönbrunn zur Welt kam, in dem er am 21. November 1916 sterben sollte, hat man noch Maler und Graphiker benötigt, um Menschen zu verewigen. Sein Begräbnis war dann ein Ereignis, das in seiner vollen Länge mitgefilmt wurde – es ist viel geschehen in diesen 86 Jahren, auf jedem Gebiet. Das gezeichnete, gemalte, im Relief abgebildete Kleinkind (zweijährig auf einem berühmten Bild am Schoß der zufriedenen Mutter zu sehen) wurde zu dem hübschen Jungen, der so ein „braves“ Kind war und von dem man Schulbücher und Schulhefte (teils auch mit Kritzeleien) zu sehen bekommt.
Er sah aus wie jeder wohl erzogene 18jährige, als man ihn 1848 an Stelle des Onkels zum Kaiser machte (die Ausstellung zeigt die Feder, mit Ferdinand seine Abdankung unterzeichnete) und diesen jungen Herrscher sofort mit den Folgen einer Revolution konfrontierte, die ein Älterer wohl kaum in den Griff bekommen hätte. Dennoch wuchs Franz Joseph von Jahr zu Jahr in seine Aufgabe hinein, der er sich mit unerschütterlichem Pflichtbewusstsein und ohne einen Hauch von Leichtfertigkeit (der so viele seiner regierenden Zeitgenossen auszeichnete) unterzog. Seit seinem Kaisertum immer in Uniform abgebildet, zog sich der Haaransatz zurück und der Bart wurde vom Schnauzer zum Backenbart, von den sechziger Jahren an dominieren die Fotografien des zunehmend reifer gewordenen Mannes, und von den späten achtziger Jahren an dominierte das Bild des „alten Kaisers“, das sich weit beharrlicher im Gedächtnis gehalten hat als die Jahre davor. Ein „ewiger“ Kaiser, wie ihn die Ausstellung zurecht nennt.

NB  Franz Joseph   Familie~1

Nur ein bisschen „privat“   Kaiser Franz Joseph hat sich den Wünschen seiner Mutter, die er sozusagen als Pflicht erachtete, nur einmal entzogen: Als er nicht, wie von ihr vorgesehen, seine bayerische Cousine Helene, sondern deren jüngere Schwester Elisabeth heiratete, weil er der Liebe zu diesem entzückenden Geschöpf nicht widerstehen konnte. Filme haben dann den „Sisi“-Mythos beschworen, auf den diese Ausstellung nicht einmal andeutungsweise eingeht. Elisabeth fehlt auch, bis auf ganz wenige Ausnahmen, weitgehend in dieser Ikonographie-Ausstellung: Dass man den Kaiser (zum Kummer der Hofbeamten) so gut wie nie als „Paar“ mit seiner wunderschönen Frau zeigen konnte, lag daran, dass Kaiserin Elisabeth ihr Leben früh von dem seinen abgekoppelt hat. Sie kommt, wie es Realität war, im Zusammenhang mit Franz Joseph hier kaum vor. Sie hatte ihr eigenes Leben, sorgte für ihre eigenen Bilder. Berührend ist das Foto, das im Mai 1898, kurz vor Elisabeths Tod, offenbar als Schnappschuß in Bad Kissingen entstanden ist: Da spazieren einfach zwei alte Leute – wie jedes andere Paar. Und sind doch der Kaiser und die Kaiserin von Österreich…
Ausführlich hat man der Frau gedacht, die Kaiser Franz Joseph seine letzten Lebensjahre zweifellos verschönt hat: Die Schauspielerin Katharina Schratt, die in vielen ihrer Burgtheater-Rollenbilder zu sehen ist. Hier sind dann auch einige von Franz Josephs Briefen an die Gefährtin ausgestellt.

 

NB  Franz Joseph   Vetsera Abschiedsbriefe~1

Am Rande: die Mayerling Sensation   Die Komtesse Mary Vetsera wird Kaiser Franz Joseph nur am Rande ein Begriff gewesen sein, eine der vielen Geliebten seines problematischen Sohnes Rudolf, jene schließlich, die man als Leiche schnell entfernen musste, um den Kronprinzen nicht als Mörder zu desavouieren – undenkbar für das allerkatholischste Herrscherhaus. Dafür hat Mary Vetsera, die leidenschaftliche 17jährige, die mit Rudolf in den Tod ging, die Phantasie der Nachwelt auf das höchste beschäftigt. Im Vorjahr fanden sich nun in einem Safe der Schoeller-Bank Marys entschlossene Abschiedsbriefe an ihre Familie, die der Nationalbibliothek als Dauerleihgabe übergeben wurden. Diese Ausstellung bietet die Gelegenheit, sie in einer eigenen Vitrine auszustellen.

NB  Franz Joseph   Kaiser betet~1  NB  Franz Joseph   F j und Wilhelm II~1

Der Offizier, der Beamte, der Katholik, der Jäger… Rundreisen, Eröffnungen, Besichtigungen – der Kaiser musste sich zeigen, alles wurde abgebildet, es waren seine offiziellen Termine, die ihn beim Volk zusätzlich bekannt machten. Abgesehen von solchen Bildern in der Öffentlichkeit, hat man immer wieder offizielle Porträts verbreitet, die sein Bild in der Bevölkerung verankern sollten. Er war ein Mann der Uniform, des „Kaisers Rock“, er trug ihn selbst – und selbstverständlich in allen Variationen aller in seinen Ländern vertretenen Regimenter. Lieber war ihm noch der Jägeranzug, galt er doch als leidenschaftlicher, wenn auch nicht pathologischer Jäger. Der Kaiser, in betender Haltung demütig kniend, war für ein Reich, in dem der Katholizismus eine so gewaltige Macht darstellte, eine wichtige Aussage. Dass er schließlich der erste Diener (viele sagten: der erste Beamte) seines Reiches war, zeigen wiederkehrende Darstellungen von ihm an seinem Schreibtisch. Er hat die Arbeit der Verwaltung mit nie erlahmender Gewissenhaftigkeit erledigt. Noch am Abend vor seinem Tod befahl er, ihn am nächsten Tag zu wecken, er sei mit seiner Arbeit nicht fertig geworden…

Und die Politik… Die „Bilder“-Ausstellung der Nationalbibliothek befasst sich nicht explizit mit der Politik dieser knappen sieben Jahrzehnte franzisko-josephinischer Herrschaft, die bei allen Kaiserjubiläen opulent gefeiert wurde. Aber die zahlreichen Huldigungsgeschenke, die er im Lauf seines Lebens empfing und die sorglich aufbewahrt wurden, zeigen nicht nur Devotion, sondern manchmal, wenn man genau hinsieht – besonders von Seiten der Böhmen und Ungarn – auch manche Aufmüpfigkeit. Der Prozeß des Zerfalls der Monarchie in die einzelnen Nationalstaaten nach dem Ersten Weltkrieg kündigte sich schon lange davor an. Aber erst, als die Symbol- und Integrationsfigur Franz Joseph tot war, konnte auch „sein“ Reich nicht mehr bestehen.

NB  Franz Joseph   Bildchronologie 2~1 

Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal:
Der ewige Kaiser.
Bis 27. November 2016, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr.
In den Monaten Juni bis September dann täglich geöffnet
Der Katalog erschien im Amalthea Verlag

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