Der Neue Merker

WIEN/ MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben: VALENTINSKONZERT Mit „VieVox“

WIEN/MuTh –  Konzertsaal der Wiener Sängerknaben: Valentinskonzert mit „VieVox“

(am 14.2.2017 – Karl Masek)

VieVox in Aktion
VieVox in Aktion. Copyright: Andrea Masek

Was machen Wiener Sängerknaben nach dem Stimmbruch? Etliche werden Schauspieler (wie Peter Weck), einige moderieren TV-Sendungen (wie Peter Rapp), viele werden Lehrer (da kenn‘ ich welche!), und viele bleiben ganz bei der Musik, beim Gesang, sind wichtige Stützen bei verschiedenen Chorformationen von der Choralschola der Hofburgkapelle bis zum Chorus Viennensis, bei der „Neuen Oper Wien“ solistisch engagiert oder neuerdings auch als

„Spritbuam“ folkloristisch-kabarettistisch tätig. Sie alle entwickeln eine tolle stilistische Bandbreite von geistlicher wie weltlicher Renaissancemusik bis Jazz, Pop und Musik mit explizitem Wien-Bezug. Vollblutmusiker eben.

Wie auch „VieVox“, das Kürzel für „Vox Viennensis“: Da haben acht ehemalige Solisten der Wiener Sängerknaben den a-capella-Gesang zu ihrer Profession gemacht. 2011 gegründet, singen sich – in alphabetischer Reihenfolge –  Akos Banlaky, Stefan Bleiberschnig, Christian Kotsis, Matthias Liener, Alexander Nader, Thomas Puchegger, Armin Radlherr und Lorin Wey stilistisch durch die Jahrhunderte. Und präsentieren, passend zum  Valentinstag, „Lieder rund um das Thema Liebe“. Trotz ihres großteils noch ziemlich jugendlichen Alters haben die acht zusammengerechnet mehr als 150 Jahre professionelle Sängererfahrung, wie sie betonen…

Der Abend lässt sich trefflich unter dem Titel der Komödie des Christian Dietrich Grabbe: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ zusammenfassen. Da wird eine köstliche Vertonung des Ringelnatz-Gedichts „Ein männlicher Briefmark“ von Raoul Gehringer präsentiert („Ein männlicher Briefmark erlebte/was Schönes, bevor er klebte/Er war von einer Prinzessin beleckt/Da war die Liebe in ihm erweckt/Er wollte sie wiederküssen/Doch hat er verreisen müssen/So liebte er sie vergebens/Das ist die Tragik des Lebens.“). Oder: „Tipps“(Augenzwinkernde Lieder nach Texten aus einer Werbebroschüre) von Herwig Reiter geben scherzhaft-satirisch gute Ratschläge zum Motto des Abends („Dirty talk“,“Partnermassagen“, „Das romantische Rendezvous…“). In diesen eigens für das Oktett geschriebenen Stücken können die „Jungs“ alle klanglichen und lautmalerischen  Register ziehen – und wenn sich zwei von ihnen beim Singen die Nase zuhalten, klingt das wie Trompete mit Dämpfer. Oder das kollektive wohlige Seufzen und Grunzen bei der Massage! Es wurde viel gelacht im Publikum!

Eine herrliche Entdeckung das „Mailied“ des 16-jährigen Hugo Wolf nach dem Gedicht des Johann Wolfgang von Goethe. Mit welcher Subtilität  der gerade mal Pubertierende den fein ironischen Text, der fast an Heine gemahnt, vertont hat, ist staunenswert.

Liebe mit tieferer Bedeutung und großen Gefühlen beschreiben „Abendständchen“ des Felix Mendelssohn-Bartholdy und  „Lieblich hat sich gesellet“ von Max Reger, beide begeistern mit vielfältigen Farb- und Klangschattierungen. VieVox ist auch hier in seinem Element, bricht eine Lanze für den viel zu selten aufgeführten musikalischen Alleskönner Reger. Und wenn das Publikum mit zwei innig gesungenen Kärntner Liedern („Gern håbn tuat guat“ und „I håb di gern“) in die Pause entlassen wurde, da war so manches Auge feucht…

Aber auch selbst komponiert wird bei VieVox! Als Uraufführung gelangte „I carry yor heart“ (Text: E.A. Cummings) von Bassmitglied Akos Banlaky. Hier werden sehr inspiriert und polyphonisch höchst anspruchsvoll die tiefsten Geheimnisse, die niemand kennt, besungen. Großer Beifall für eine kostbare Rarität.

Leonard Bernstein hat einmal in einer seiner faszinierenden TV-Musikvorträge für amerikanische Kinder und Jugendliche (immer noch überprüfbar auf youtube!) davon geschwärmt, dass John Lennons & Paul McCartneys Megahit „Yesterday“ die schönste Melodie seit Schubert sei. Und er hatte nicht unrecht! Vor allem, wenn man diese Paraphrase auf Yesterday (im fabelhaften Arrangement von Guido Mancusi) gehört hat! Wunderbare Modulationen und Tonartrückungen, kunstvoll mäandernde Melismen bereiteten einen besonderen Ohrenschmaus. Von nostalgischem Kitzel ganz zu schweigen! „And I love her“ und „Michelle“ rundeten mit Ohrwürmern von Billy Joel („The Longest Time“) und „How deep is your love“ (B.M&R.Gibb) ein vom dramaturgischen Aufbau und stilistischer Vielfalt herrlich abwechslungsreiches Programm sehr schön ab.

Bei allem Hang zu erfrischender Blödelei und einem Sinn für witzigen Nonsens bleibt man doch seriöser Spitzenqualität verpflichtet. Feiner Humor siegt über schenkelklopferische „Wuchteln“, dezent angedeutetes Entertainment behält die Oberhand über seichte Spässchen. Über allem: Acht fast symbiotisch zusammenpassende Stimmen (vier Tenöre, vier Bass/Baritons), unfehlbare Intonation, meisterhafte Phrasierungen, große Wortdeutlichkeit – und, nochmals: Große stilistische Bandbreite.

Bei den Zugaben gabs dann auch noch den Wien-Bezug: Ein modernes Wiener Lied (wenn ich nicht irre, geschrieben von VieVox.Mitglied Matthias Liener): „Ich träum von an Häuserl am Wilhelminenberg…“, wo sich natürlich so herrlich … „Gartenzwerg“ reimt…

Beifall & Jubel. Chapeau – & auf bald!

Karl Masek

PS: Für Kurzentschlossene sei auf das Benefizkonzert am 17. Februar 2017, 19.00 Uhr im MuTh am Augartenplatz 1, verwiesen. A.L.S. (= Alle Lieben Singen) vereinigt die Wiener Sängerknaben mit Solistinnen und Solisten der Wiener Staatsoper. Der Reinerlös dieses Konzertes dient der Finanzierung einer Pflegekraft für den an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) erkrankten Komponisten und langjährigen Chorleiter der Wiener Sängerknaben, Raoul Gehringer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken