Der Neue Merker

WIEN / Musikverein: TSCHAIKOWSKIJ – UNDINA, SCHWANENSEE-SUITE

Moskauer Orchester~1

WIEN / Musikverein / Großer Saal:
Tschaikowskij-Symphonieorchester Moskau,
Dirigent: Vladimir Fedosejev
Tschaikowskij:  „Undina“
Tschaikowskij:   Suite aus dem Ballett „Schwanensee”

Das hört man nicht alle Tage – eine wieder entdeckte Tschaikowskij-Oper, zumindest in jenen Teilen wieder belebt, die von der Wissenschaft gefunden werden konnten. Als man zum 175. Geburtstag des Komponisten 2015 eine Kritische Gesamtausgabe seiner Werke herausbrachte, an welcher der Dirigent Vladimir Fedosejev führend beteiligt war, schlug endgültig die Stunde der Wiederentdeckung von „Undina“, der zweiten Oper Tschaikowskijs.

Dass diese bei ihrer Entstehung von kompetenten Zeitgenossen angezweifelt wurde, brachte den jungen, leicht verletzbaren Komponisten dazu, die Partitur ins Feuer zu werfen – glücklicherweise nicht, ohne dass er  Teile daraus in bekannter „Pasticcio“-Manier für andere Werke verwendet hätte. Auch fanden sich die einen oder anderen Blätter an Notenmaterial, aber erst Fedosejev schuf eine Form, die Musik dramaturgisch so zu verbinden, dass man sie – auch wenn es im Endeffekt nur eine Dreiviertelstunde ist – einem Publikum vorführen und ihm eine Ahnung des Werks vermitteln kann.

Moskauer OrchesterFedosejew~1

Das tat der nun mit dem Tschaikowskij-Symphonieorchester Moskau bei einem Gastspiel im Musikverein. Man kennt Vladimir Fedosejev in Wien gut aus den Jahren 1997-2004, als er Chefdirigent der Wiener Symphoniker war, aber das Zentrum seiner Arbeit lag stets in Moskau, bei jenem Tschaikowskij-Symphonieorchester, das er seit 1974 leitet und mit dem der nun 85jährige, der erheblich jünger wirkt, seit mehr als 40 Jahren gewissermaßen symbiotisch zusammen gewachsen ist. Bei dem zweitägigen Gastspiel im Musikverein war auch der zweite Abend rappelvoll, und das Interesse des Publikums wurde mehr als befriedigt.

Als der 28jährige Tschaikowskij 1868 nach einem Stoff für seine zweite Oper suchte, wollte er dezidiert nichts „Russisches“ und wählte das „Undine“-Märchen, das er schon als Kind in der Fassung von De la Motte Fouqué begeistert gelesen hatte und das er in einem Libretto von W. Sologub vorfand. Die Rekonstruktion des Werks von Alexandra Maximova benötigt die verbindenden Worten von Konstantin Rytschkov, die in der Wiener Aufführung von Peter Matic lebhaft, aber ohne pastosen Märchenton gelesen wurden.

Die Introduktion wirkt wie komponiertes „Wasser“ und zeigt, wie sehr Tschaikowskij sich hier an schwebender deutscher Romantik orientiert hat, was nicht bedeutet, dass er nicht immer wieder „seine“ russisch-pastose Tonsprache fände. Die erste Arie der Undina ist für einen lyrischen Sopran schlechthin geschrieben und verlangt quasi gesponnene Piani mit einem krönenden Pianissimo-Spitzenton. Für die folgende Hochzeitsszene benötigt dann den Chor, das Duett Undina und Huldbrand – viel dramatischer für den Sopran und zupackend für den Tenor – wird von furiosen Orchesterwogen umspült. Und gegen Ende erhält man einen handgreiflich hörbaren Beweis für Tschaikowskijs Weiterverwendung von Teilen seiner Musik – was er da so deutlich in „Schwanensee“ eingearbeitet hat, war einfach zu schön, um es auch dem Feuer vorzuwerfen…

Die Aufführung erforderte eine Riesen-Orchesterbesetzung (mit einer monströs großen Trommel) und einen Riesenchor, den der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien stimmstark und stimmschön stellte, und die Sopranistin Anna Aglatova und der Tenor Sergei Radchenko ließen gewissermaßen „typisch russische“ Stimmen hören, was ja eine Qualitätsbezeichnung ist.

Und eine Rezensentin, die sich normalerweise an Bühnengeschehen nicht sattsehen kann und sich grundsätzlich für nichts so sehr interessiert wie für Inszenierungen (wie immer sie ausfallen), bekam erstmals Verständnis für die Aussage vieler Opernfreunde: Am liebsten höre ich mir Opern im Konzertsaal an, da brauche ich mich nicht mit Inszenierungen herumzuärgern. Tatsächlich, es war reizvoll, sich diesen Klangrausch einer Tschaikowskij-Hochromantik im Kopf ganz individuell zu bebildern, während man sich den prachtvollen Orchesterklängen hingab.

Und so ging es nach der Pause weiter, mit einer  „Suite aus dem Ballett Schwanensee, op. 20“, zusammengestellt von Vladimir Fedosejev, um die ideale Ergänzung zur „Undina“ zu finden. Nun ist diese Musik üblicherweise nur dazu da, getanzt zu werden, man sieht sie regelrecht vor sich, Siegfried, Odile, Odette, den bösen Rotbart, die kleinen Schwäne, das dramatische Finale – aber vielleicht hat man der Musik an sich bisher nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Zu einer etwa halbstündigen „Symphonischen Dichtung“ zusammen geschmolzen, bietet sie die Möglichkeit, ihre eigene Qualität des Stimmungsreichtums zu entfalten, und die vollen Vorzüge des Orchesters zu würdigen, das schier unglaubliche lyrische Spannung, melancholische Dichte oder Fortissimo-Furioso erzeugen kann, wobei Vladimir Fedosejev mit minimaler Zeichengebung am Pult steht und doch jede Kleinigkeit fest in der Hand hat. Die Dame an der Harfe erwies sich übrigens als so überragende Künstlerin, dass man gerne ihren im Programmheft genannten Namen vermittelt: Es war die zu Recht berühmte Emilia Moskvitina.

Das entzückte Publikum erzwang zwei Zugaben, sie waren offensichtlich nicht aus „Schwanensee“, aber sicher von Tschaikowskij, in dessen Namen die russische Kunst an diesem Abend triumphierte.

Renate Wagner  

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