Der Neue Merker

WIEN/ Musikverein: MUSIKFEST 2017. Chöre und Orchester des Musikgymnasiums Wien begeistern mit Bruckners „Vierter“ und Schuberts „Opus ultimum“

WIEN / Musikverein: „MUSIKFEST 2017“ – Chöre und Orchester des Musikgymnasiums Wien begeistern mit Bruckners „Vierter“ und Schuberts „Opus ultimum“

(am 13.3.2017 – von Karl Masek)

„It all starts with a good teacher…“: Ein Schlüsselgedanke, wenn Ausbildung, wenn Bildung in der Schule gelingen soll.

Das Bereitstellen  modernster Technik hat noch nichts mit der Vermittlung von Bildung zu tun.

Orchester Wiener Musikgymnasium A. Pixner
Orchester des Musikgymnasiums. Dirigent: Andreas Pixner. Foto: Andrea Masek

„Wer in die Kreativität der Jugend investieren will, muss Grenzen sprengen, … die Menschen müssen Kunst als identitätsstiftend erfahren, … das wird nicht gelingen, wenn Musikunterricht und bildnerische Erziehung wie Ersatzräder im Schulbetrieb mitlaufen…“, so der Dirigent Franz Welser-Möst (Absolvent des Musikgymnasiums Linz) in seinem Buch „KADENZEN“ – Notizen und Gespräche, © 2007.

Im Musikgymnasium Wien, Neustiftgasse, hat Musik- und Kunstunterricht keine „Ersatzrad-Funktion“, sondern ist Hauptbestandteil und Fundament. Nur so kann es gelingen, Talente, Begabungen der Kinder und Jugendlichen zu erkennen und durch gezieltes Fördern und Fordern zu Ausprägung und schönster Entfaltung zu bringen. Dazu bedarf es Lehrer/innen mit Enthusiasmus. Mit fachlicher und sozialer Kompetenz. Mit Charisma, um Schüler/innen mit eigener Begeisterung anstecken zu können. Gekoppelt mit einem vielschichtigen Support-System von außen. Eine enge Kooperation, beispielsweise mit den Wiener Philharmonikern, die im Vorfeld des Konzerts wertvolle Probenassistenz leisteten oder mit Partnerinstituten, die für den Instrumentalunterricht verantwortlich sind.

Der helle Jubel, der nach Ende eines denkwürdigen Konzerts die einstudierenden Professorinnen und Professoren  umbrandete, zeigt, dass hier in bewundernswerter Weise identitätsstiftende Arbeit geleistet wird. Sie alle sollen daher auch namentlich genannt werden: Monika Arbeiter-Salzer, Richard Böhm, Monika Feninger, Johannes Kerschner, Georg Kugi, Elisabeth Lampl, Andreas Pixner und Thomas Reuter. Chapeau!

Chöre und Solisten nach der Schubert Messe
Chöre und Solisten nach der Schubert-Messe. Foto: Andrea Masek

Anton Bruckners „Vierte“ und Franz Schuberts „Opus ultimum“, die große Es-Dur-Messe D 950 aus seinem Todesjahr in einem Konzert: Das ist tollkühn, wie eine Himalaja-Expedition.

Dirigent Andreas Pixner wagt das Unternehmen. Der 1969 geborene Oberösterreicher (wie Bruckner!) erreichte mit nachdrücklicher, penibler und Monate langer Probenarbeit, dass am Konzertabend ein Niveau erreicht wird, welches dem von Profiorchestern und -chören ebenbürtig ist.

Bruckner‘scher „Urnebel“, dann gleich das berühmte Hornsolo: Mit welcher Selbstsicherheit der Erste Hornist makellos bläst, mit welcher Konzentration und zugleich Entspanntheit die ersten orchestralen Steigerungen bewältigt werden: Das lässt aufhorchen. Nicht himmelstürmerisch-drängend dieser erste Satz, sondern souverän, fast abgeklärt das Klangbild. Der Expeditionsleiter Pixner gibt mit ruhiger Ausstrahlung, klarer, sachbezogener Gestik Sicherheit, er gibt Gangart und Tempo an, das die Expeditionsteilnehmer bewältigen können (punktgenau: „Bewegt, nicht zu schnell“). Er ist keiner, der wie manche Shootingstars am Dirigentenpult den Musikern dauernd etwas vorhampelt. Schön gesetzte Höhepunkte, perfekt das Spannungs/Entspannungsverhältnis, die  typischen Brucknerschen Registerwechsel in der Instrumentation. Er lässt die Musik atmen. „Sie schwitzt nicht“, hätte Richard Strauss gesagt.

Die einleitende Cellokantilene beim „Andante quasi allegretto“: Edel, weit ausschwingend. Die Bratschen setzen kongenial fort.

Das „Jagd-Scherzo“ gelingt geradezu fulminant. Wie überhaupt die Blechbläser-Abteilung mit den kompakten Hörnern, den strahlenden Trompeten und den erdigen Posauen und der Basstuba sensationell ist an diesem Abend. Sie erfüllen sogar die Harnoncourt-Forderung, Bruckner betreffend: „Bei Bruckner muss man die oberösterreichische Voralpen-Landschaft spüren und sogar riechen…“. Das Trio („Nicht zu schnell. Keinesfalls schleppend“): Auch hier hat der Expeditionsleiter das richtige Tempo quasi in der Westentasche.  Auch berühmte Kollegen schleppen hier oft , als wäre das Orchester von der langen Tour schon müde. Leichtfüßig, anmutig schier, auch hier die Gangart der Jungen.

Krönung das Finale. Selten gehört in solcher Innenspannung, homogen alle Orchestergruppen von den Violinen über das Bassfundament bis hin zu den erstklassigen Holzbläsern und der markant grundierenden Pauke. Himalaja-Expedition: Absolut gelungen. Das „Wetter“ im akustisch so idealen Musikvereinssaal war strahlend. Jubel nach 75 intensiven Minuten. Der Schreiber dieser Zeilen fühlt sich nostalgisch zurück versetzt, als er mit 16 Jahren das erste Mal Bruckners „Vierte“ hörte – mit den Wiener Symphonikern und dem legendären Bruckner-Spezialisten Eugen Jochum. Eine Initialzündung für Klassikbegeisterung war das damals…

Ein Erlebnis für sich: Die Hundertschaft der Chöre, die sich für Schubert am Podium, an der Orgelempore und auf Balkon links wie rechts verteilt. Oberstufe, Unterstufe: Hier ist gefühlt die ganze Schule anwesend und verspricht eine Art  Quadrophonie-Effekt.

Auch hier: Keine Überforderung zu bemerken. Ja, beim „kontrapunktischen Meisterstück“ Schuberts im „Gloria“ und  den polyphonen Verästelungen und den kühnen Klangvisionen im „Credo“: Da stößt man schon mal ans Limit. Aber auch diese Herausforderung wird letztlich mit Bravour gemeistert. Eine Freude, diese frischen, jungen Stimmen zu hören, die ein schlankes, herrlich austariertes Klangbild ermöglichen. Niemand musste über Gebühr forcieren. Der große Könner, gerade auch in Sachen Chorleitung, führte die Hundertschaft souverän über alle Hindernisse.

Vorzüglich auch das Solistenquintett: Cornelia Horak, die gefragte Opern- und Konzertsängerin mit innigen Soprantönen. Wie sie das „Incarnatus est“, von den beiden schön timbrierten Tenören Ilker Arcayürek und Angelo Pollak, schwebend angestimmt, fortführt, ist ein besonders magischer Moment dieses Abends. Annely Peebo (der geschätzte Mezzosopran der Volksoper) und Martin Achrainer (kürzlich ein großartiger Don Giovanni am Linzer Landestheater) ergänzen prägnant mit ihren Alt- und Bassbariton-Sequenzen.

Beide Werke stehen in Es-Dur. Für die Tonarten-Symboliker natürlich kein Zufall. Der „späte Schubert“ nimmt mit seiner Musiksprache vieles von Bruckner vorweg. Dass Schubert zwei Wochen vor seinem Tod (!) und von seiner Krankheit gezeichnet, noch Kompositionsunterricht bei der Lehrer-Legende  Simon Sechter nehmen wollte (eine Unterrichtsstunde ging sich gerade noch aus!) erfüllt den Schubert-Liebhaber mit Rührung. Und dass Bruckner dann auch ein Sechter-Schüler war, gibt diesem Konzert eine zusätzliche Dramaturgie.

An die Adresse aller (ich verfalle ins freundschaftliche „Du“): Ihr wart großartig, ihr könnt stolz auf das Geleistete sein. Und ihr könnt stolz auf Eure wunderbaren Lehrer/innen sein, die so viele  Initialzündungen setzen.  Wie oben: „It all starts with a good teacher…“

Karl Masek

P.S.: Empfehlung für Kurzentschlossene: Dieses Konzert wird HEUTE (14.3., 19.30) im Musikverein wiederholt!

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